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Liao Yiwu 廖亦武: SALUTIERT DEN VERDÄCHTIGEN! 向那些涉嫌犯罪的人致敬

一月 15, 2020

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FAZ-Feuilleton:SALUTIERT DEN VERDÄCHTIGEN!

法蘭克福匯報,2020年1月10日發表


SALUTIERT DEN VERDÄCHTIGEN!
向那些涉嫌犯罪的人致敬
Aus dem kommenden Buch „Der Jordan fließt durch Chengdu“
選自《約旦河穿過成都》
Von Liao Yiwu
Übersetzt von Martin Winter

Meinem Freund Wang Yi wurde in der Vorweihnachtszeit im Geheimen der Prozess gemacht, dann wurde er vom Mittleren Volksgerichtshof von Chengdu zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Die Behandlung entspricht der für meinen 2017 in der Haft verstorbenen Freund, den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Deshalb veröffentliche ich hier als Protest dagegen einen Ausschnitt aus dem neuen Buch, an dem ich gerade schreibe: „Der Jordan fließt durch Chengdu“.

Erst viele Jahre später, nachdem er sie mir gegeben hat, habe ich endlich Wang Yis Gedichte gelesen. Erst als er und seine Frau Jiang Rong schon verhaftet und der „Anstiftung zum Umsturz“ angeklagt waren. Ich habe selbst in der Nacht des Massakers von 1989 das lange Gedicht „Massaker“ geschrieben und auf Tonband gesprochen. Deswegen war ich vier Jahre im Gefängnis, und als ich herauskam, hatte ich einen Abscheu gegen Dichter in den Knochen. Abgesehen von Höflichkeitsgesten habe ich deshalb nie mehr ernsthaft Werke von Leuten aus meiner Generation gelesen. Wang Yi, der jünger ist als ich, hat mir unzählige Male Gedichte und sogar Gedichtbände geschickt. Manchmal hat er sogar etwas gesagt: „Alter Liao, bitte gib mir doch einen kleinen Kommentar, auch wenn es dir nicht gefällt, streich nur an und verbessere es einfach.“ Ich habe immer den Kopf geschüttelt: „Ich bin nur Musikant, kein Dichter.“ Wang Yi war peinlich berührt, er hat mich angeschaut, und nach einer Weile erst hat er gesagt: „Na dann nicht.“

Im Buddhismus sagt man, was du schuldest, zahlst du irgendwann doch zurück. Wang Yi war jahrelang mein bester Freund, abgesehen von Familie war er mir am nächsten. Wir haben oft geplaudert und sind am Stadtrand spazieren gegangen. Er hat mich gerne eingeladen und war nie geizig. Wenn irgend etwas los war, hat er sofort für mich sein Wort eingelegt, abgesehen von dem Zuspruch, den er mir immer gegeben hat. Aber ich hab das völlig unbewegt einfach als selbstverständlich empfunden – ich hatte ja „Massaker“ geschrieben und war über Nacht zum Helden geworden, obwohl das schon eine Weile her war und mir die Leute mittlerweile auf dem Gehsteig ausgewichen sind wie einem Haufen Hundescheiße. Meine innere Verfassung war auch verändert; wenn ich allein war, hab ich an die Folter und die Erniedrigungen im Gefängnis gedacht und geweint, ich hab mir sogar an die Brust geschlagen. Ich hab mir vorgesagt, du darfst nie wieder verhaftet werden. Ein geprügelter Hund mit gebrochenem Rückgrat. Das Einzige, das mir meine Selbstachtung erhalten hat, war das Schreiben nicht aufzugeben. Ich hatte Angst vor dem Vergessen, also hab ich alles aufgezeichnet über die Menschen, denen ich begegnet war. Aber Wang Yi und auch Yu Jie, die haben mir am meisten geholfen, und ich habe sie fast nie erwähnt.

Außerdem hat Wang Yi wirklich ein großes Talent als Dichter!

In dieser Zeit schreib unbedingt ein verdächtiges Gedicht!
Eine Zeile Chinesisch stürzt eine Regierung.
Ein Sonett mit vierzehn Zeilen stürzt 14 Regierungen.

Auf dem Maskenball lass dich erkennen
von denen, die dich kennen. Die anderen lass dich ja nicht erkennen.

In dieser Zeit schreib ein Gedicht, das dem Führer Angst macht!
Eine Metapher ist eine Atombombe.
Die Sängerin weiß nichts, absurdes Papier, Tränen ums verlorene Land.

In den schlimmsten Tagen kommen die höchsten Wellen.
Der Tod, als Gefangener, festgehalten vom Wasser.

Wer ist kein Angehöriger politischer Gefangener?
Wer ist kein Hinterbliebener wandernder Seelen?
In dieser Zeit sag ein Gedicht auf, das sind zwei, drei Verbrechen.
Wenn du nichts aufsagst, wirst du aufgesagt.

In dieser Zeit führen Blinde Selbstgespräche,
heilig, heilig, heilig. Blinde fragen Taube, hast dus gesehen?

In dieser Zeit schreib ein verdächtiges Gedicht!
Salutiert den Verdächtigen!

Das ist von 2015. Jiang Rong und er waren schon lange getauft, und waren schon alte Bekannte auf Wachstuben und im Polizeikommissariat. Weit entfernt vom Dicken Wang, der mit mir im Drei-Eins-Buchladen auf der Zhazi-Straße herumgesessen und Tee getrunken hat. Das ist ein Heldengedicht, das auf einmal herausspringt aus der anhaltenden allgemeinen Gemeinheit nach dem Massaker vom 4. Juni 1989. Es lässt mich an Filme denken wie Braveheart oder Der letzte Mohikaner. Am Ende von Braveheart wird der Held von den königlichen Soldaten gefesselt aufs Schafott geführt. Ein Priester kommt und fragt ihn, ob er bereut. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, alles ist still, und er brüllt mit letzter Kraft: „Freiheit!“
Der Henker lässt die Axt niedersausen. Wang Yi hat dieser Film sehr gefallen, aber er hat auch vorausgeahnt, dass er selbst um seinen Kopf fürchten muss. Er war zwar Pastor, aber er war eben nicht mehr irgendein Stammgast im Drei-Eins-Buchladen, der sowohl in den Alltag als auch in die Bibliothek und in Gelehrsamkeit eintauchen konnte. Sein guter Freund aus Studentenzeiten, der Schriftsteller Lei Ligang, erinnert sich:

„Damals waren sie ziemlich arm. Einmal waren wir zusammen im Carrefour, und Wang Yis Frau Jiang Rong hat vor den vollen Regalen geseufzt: „Wenn wir nur eines Tages einfach kaufen könnten, was wir gerne essen!“ Das hat mich traurig gemacht, wir haben alle zu den Schwachen gehört, die beim Lebensmittel-Einkaufen genau auf den Preis achten müssen.Damals waren wir vier, also Jiang Rong und Wang Yi und Yuhuan und ich, wir waren jeden zweiten Tag beisammmen, wir haben gegessen und Karten gespielt. Yuhuan und ich, wir waren vom Temperament her die Stärkeren, Wang Yi und Jiang Rong waren viel sanfter und nachgiebiger. Jedesmal haben Yuhuan und ich ausdiskutiert, was und wie gespielt wird; wenn wir uns dann einig waren, haben die anderen gleich zugestimmt. Aber in Wirklichkeit haben die zwei viel schärfer gesehen, was in dieser Welt los ist, das haben sie in den Knochen. Wenn das jemand hat, und dann noch im Leben so sanft sein kann, das muss ich einfach bewundern. Gerade weil ich es selbst nicht kann, habe ich davor immer noch Achtung. Wang Yi ist im selben Jahr geboren wie ich, aber ich habe ihn jahrelang immer wieder als einen viel Älteren empfunden, für den ich Respekt haben muss.

Auch wenn es ihm bestimmt sein mag, aber was hat er durchgemacht, das aus dem sanften Wang Yi, den Lei Ligang beschrieben hat, ein solcher Don Quichotte geworden ist? Was geht da innerlich in ihm vor? Dazu hat er nicht lange nach dem oben zitierten Heldengedicht auch einen wichtigen Text geschrieben:

 

Wang Yi
GIB MIR EIN PAAR MINUTEN UM TRAURIG ZU SEIN

Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Soviel ist passiert, das lässt einen ersticken.
Lass mich ein bisschen schwach sein,
im dunklen, abgeschlossenen Zimmer,
wie meine Freunde, die sie abgeführt haben,
in der Nacht abgeführt haben wie Jesus,
durch die Stadt, die böse geworden ist.
Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein,
ich erwarte die Freude, überraschende Freude.
Unterbrich mich nicht durch Hüsteln,
sag mir nichts weiter, nur ein paar Minuten
lass mein Handy stumm sein, kein Kurier soll an die Tür klopfen.
Ich muss allein sein mit meiner erstickenden Seele,
auch wenn die Welt gerade jetzt einstürzt,
wenn ein wichtiger Mensch gerade jetzt stirbt,
das ist für mich alles als wär nichts geschehen.
Denn ich bin traurig
wie eine Frau mit zerrauften Haaren.
Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Ich will mich nicht waschen, will mich nicht kämmen,
will nicht herauskommen, will dich nicht sehen.
Dafür, dass der Tränen-Damm bricht
wegen einer unglaublichen Nachricht
gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Damit das Licht noch mehr sticht,
damit ich hunderttausendmal üb
für den Augenblick wenn du zur Tür hereinkommst.

2015-07-11, Rüsttag

 

Lieber Dicker Wang, ich hab es endlich gelesen, ich hab es angeschaut und werde dafür sorgen, dass es noch mehr Leute lesen und sehen. Du bist im Gefängnis, und ich muss dir einfach ein paar Minuten geben, oder ein paar Jahre, oder noch länger. Ich werde nicht schreien wie früher, und auch nicht einfach verschwinden, wie damals, als ich aus China geflohen bin. Vielleicht muss ich auch einmal richtig bereuen, haha, du weißt, das war nicht ernst gemeint, einen lahmen Hund hebt man nicht auf die Mauer. Lei Ligang kennt dich besser als ich, aber er hat noch viel weniger aufgemuckt […]

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向那些涉嫌犯罪的人致敬
——選自《約旦河穿過成都》

廖亦武

我的朋友王怡在聖誕前夕被秘密開庭,隨後被成都中院判刑9年——這對待他的手法,跟對待我的另一個朋友劉曉波的手法一樣。所以我在這兒貼出尚未完成的《約旦河穿過成都》中的一節,以示抗議。我會在2020年寫完這本書:
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多年之後,我終於一字一句讀完了王怡的幾首詩,而他和蔣蓉已經以“煽動顛覆國家政權罪”被捕入獄。我自從在大屠殺之夜寫作并朗讀長詩《大屠殺》,坐牢四年出來,就從骨子裡瞧不起詩人,除了客套,我從未認真讀過任何同代人的作品。即使“晚輩”王怡無數次贈送詩和詩集,有時候甚至委婉地提到:“老廖,還是指點一下嘛,看不慣就順帶幫著改一下嘛。”我都搖頭道:“我是藝人,不是詩人。”於是王怡尷尬地望著我,半晌才說:“那就算了。”

佛家有句俗語:欠的總要還的。那些年,除開家屬,王怡是對我最友善的人類,經常一塊閑聊和郊遊,請客從不吝嗇,稍微出點事,他總是第一時間為我呼籲,日常的噓寒問暖就別提了。而我卻沒心沒肺,覺得一切理所應當——因為我寫過《大屠殺》,做過一夜英雄——儘管時過境遷,我已淪為人行道上人人繞行的狗屎。我的心態也變了,一個人的時候,回想坐牢受到的種種虐待和羞辱,就氣緊淚流,甚至捶胸頓腳。我告誡自己再也不能進去了,一條狗,脊樑骨被敲斷,只能認慫。唯一瞧得起自己的,是沒放棄寫作,由於怕被遺忘,我記錄了物是人非的一切。卻極少提到對我幫助最大的王怡和余杰。

況且,王怡真的有詩歌天才:

在這個時代,你必須寫一首涉嫌犯罪的詩。
一排漢語,可以顛覆一個政權。
十四行詩,可以顛覆十四個政權。

在秘密的化裝舞會上,讓認出你的人
認出你來。認不出你的,更加認不出你。

在這個時代,你必須讓領袖害怕一首詩。
一個比喻,是一枚核彈。
商女不知,滿紙荒唐言,一把亡國淚。

在最糟糕的日子,也有巨大的湧浪襲來。
死亡,成了囚犯,被水羈押著。

誰不是政治犯家屬呢?誰不是鬼魂的未亡人?
在這個時代,你朗誦一首詩,涉嫌三、五個罪名。
你不朗誦,你就被他們朗誦。

在這個時代,瞎子吶吶自語。
神聖,神聖,神聖。瞎子問聾子,你看見了嗎?

在這個時代,你必須寫一首涉嫌犯罪的詩。
向那些涉嫌犯罪的人致敬。

這是2015年的作品。他和蔣蓉受洗歸主已久,并多次出入派出所和公安局,與我一塊在柵子街三一書店喝茶閑坐的王胖子相去甚遠——這是六四大屠殺之後的漫長平庸之惡中突然躍升的英雄詩篇,令人聯想美國電影《勇敢的心》或《最後一個摩根戰士》。在《勇敢的心》結尾,主人公被國王衛隊綁赴斷頭臺,御用神父來到身邊問他是否懺悔?全場人頭攢動,鴉雀無聲,而他卻拼盡最後的力氣大吼一聲:“自由!!”

劊子手落下巨斧。對此片頗為贊賞的王怡也預感到自己頭頂的巨斧終將落下,雖然是牧師,可他已不是三一書店的查常平和彭強,可以沉入書齋、日常和學術。他的大學同窗好友兼作家雷立剛回憶道:

……那時很窮困。記得有一次在家樂福,王怡的妻子蔣看著滿滿的貨架說:“要是將來我們可以想買什麼吃的就買什麼吃的,那就好了。”我聽了,很傷感,我們都是這個世界的弱者,以至於想買什麼吃,都得先仔細看看價格。那幾年,我,玉環,王怡,蔣,我們四個,幾乎隔天就聚在一起吃飯,打撲克牌,我和玉環個性都很強,而王怡與蔣則溫和得多,每次關於如何玩耍的安排,總是我和玉環爭論,得出結論,而後他倆立即贊同。但實質上,他倆在骨子裡,對於這個人世,比我們尖銳很多。骨子裡如此尖銳的人在生活中對人如此溫和,實在令我欣賞不已。我對那些我無法做到的,往往還是有幾分敬意的。因此多年來我一直敬重王怡,儘管他是同齡人,但很多時候,我會誤以為他是老年人,歲數比我大很多……

儘管命中注定,但要從雷立剛眼中的外柔內剛的王怡過渡到晚近唐吉柯德式的王怡,卻要曆經怎樣的熬磨?為此,王怡在寫下上述英雄詩篇不久,又寫了另一首詩:

請給我幾分鐘難過的時間
最近太多事情,令人窒息
請讓我軟弱片時
在黑暗的房間禁閉片時
像那些被帶走的朋友,在夜裡
哦,和耶穌一樣,在夜裡
穿過變得野性的城市
請給我幾分鐘難過的時間
等待歡樂,歡樂的襲擊

不要用咳嗽打斷我
不要轉換話題,只要幾分鐘
手機靜音,快遞也不要來敲門
我必須獨自面對,靈魂的窒息
如果世界剛好在此時坍塌
如果有重要的人物離世
哦,願這一切,彷彿無事發生
因為我難過得就像
一個蓬頭垢面的女子

請給我幾分鐘難過的時間
容我不洗臉,不梳頭
不肯出來見你

為了淚水的決堤而下
為了一個難以置信的消息
請給我幾分鐘難過的時間吧
為了讓光明更加刺眼
為了讓我千百次地排練
你推門進來的那個瞬間

親愛的王胖子,我讀到了,看到了,還會讓更多的人讀到和看到。你在坐牢,我不得不給你幾分鐘、幾年、甚至更長的時間。我不會像過去那樣大呼小叫,也不會像逃離中國那樣不辭而別。也許我也需要一個決志懺悔,哈哈,你曉得這是假的,癩狗是扶不上牆的,如同比我更理解你、卻更不爭氣的雷立剛……

 

Wang Yi

STEHT AUF, BESUCHT TOTE ANGEHÖRIGE

 

Steht auf, besucht eure toten Verwandten.

Es regnet nicht mehr, Reis steht bis über die Knie.

Glaubst du, wenn gebrochene Knochen geflickt sind,

sind sie stärker als heile?

 

Der Tod ist das Gegenteil von Erschaffen.

So viele Bücher, die mit Tod zu tun haben

gewinnen den Nobelpreis für Literatur.

 

Atmen geht leise weiter voran,

mit greifbaren Dingen erklärt man Dinge dahinter,

oder doch umgekehrt?

 

Steht auf, geht zurück in Heimatorte, die nicht mehr da sind.

Glaubst du, wenn Bäume schwanken, dann kommt erst der Wind?

Und dass nicht der Wind die Bäume bewegt?

 

Versteckt sich der Anfang im Ende, oder ist es ein

verschwommener Mensch, der dauernd nach seinem Bilde

Idole verfertigt?

 

Steht auf, entschuldigt euch bei einem Mann, der schon tot war.

Es ist nicht mehr Winter, dafür bin ich geboren.

Er ist schon gestorben und kann nicht mehr sterben.

Ich habe gelebt, kann nicht noch einmal leben.

 

1. November 2016 in Chengdu

 

 

起來,去看望死去的親人

 

王怡

 

起來,去看望死去的親人
雨水止住,谷秧已高過雙膝
你相信嗎,折斷的骨頭一旦癒合
比完好的更加堅固?

死亡是創造的反義詞
大量的,與死亡相關的書籍
膺獲了諾貝爾文學獎

呼吸仍靜悄悄地進行
以有形之物,解釋無形之物
或者反其道而行之?

起來,返回已消逝的故鄉
你相信嗎,是樹木搖晃,攪起了風
而不是風吹動了樹?

是開端藏在結尾裏,還是一個
面容模糊的人,按著自己的形象
不斷製作偶像?

起來,去向一個死過的人道歉
冬天已往,這是我在世的目的
他死過,就不會再死
我活過,也不能再活

 

2016111,成都

 

 

Wang Yi

GOTT DIESES AUGENBLICKS

 

Gott dieses Augenblicks. Du gehörst

in keine Zeit. Gott von hier,

Gott von dort. Derselbe Gott

auf der Hochzeit, auf dem Begräbnis,

im Gespräch, unterwegs.

 

Gott dieses Augenblicks. Trägst allen Kummer,

trägst unvollkommene Vollkommenheit.

Narben aus der Geschichte, Dunst aus dem Staub,

derselbe Gott. Lässt Katastrophen zu und

gewährst Segen. Richtest und bist barmherzig.

 

Gott dieses Augenblicks. Machst Herzen frei

und Körper krumm. Großer,

winziger, Gott von Weihnachten

und vom Karfreitag.

Gott der Weißen, Gott der Schwarzen.

 

Oh Gott des Augenblicks. Gott der Partei

und des Volkes.

Der Hunde, der Schweine, und derer, die füttern.

Der Richter, der Insassen, Gott von Atombomben

und von Stammzellen.

 

Gott dieses Augenblicks. Von Betlehem,

von Guiyang und Chengdu.

Von Himmelsstämmen und Erdzweigen, von Yin und Yang.

Gott der Linken und der Rechten, der Langlebigen und der früh Verstorbenen,

von allem, was Odem hat, ob es lobt oder ablehnt.

 

20.12.2012, in Erwartung der Feiertage

 

 

此刻的上帝

 

王怡

 

此刻的上帝。不屬於
任何時間。這裏的上帝
那裏的上帝。同一位上帝
在婚禮上,在葬禮上
在對話中,也在行走的路上

此刻的上帝。帶著憂傷
帶著一切不完美的完美
帶著歷史的痕跡,塵土的氣息
同一位上帝。降災禍的,和
賜祝福的。審判人的,和憐憫人的

此刻的上帝。使內心自由
也使身體彎曲。偉大的
渺小的,聖誕節的

受難日的上帝
白人的上帝,和黑人的上帝

哦,此刻的上帝。黨和
人民的上帝
狗的,豬的,和飼養員的上帝
法官和囚犯,原子彈
和乾細胞的上帝

此刻的上帝。伯利恆的
貴陽和成都
天干和地支,陰和陽的上帝
左派和右派,長壽和夭折的
凡有氣息的,或讚美,或拒絕的上帝

2012,12,20,待降節的祈禱。

 

 

BESCHISSENER JUNI

六月 30, 2018

BESCHISSENER JUNI

es war ein beschissener juni
nicht weil deutschland verloren hat
das war der lichtblick
guten abend gut nacht
ich bin mit meiner arbeit weit hinten
es gibt besorgniserregende nachrichten
natürlich aus den usa
mit rosen bedacht
aber auch aus europa
mit näglein bestickt
konferenzen gegen flüchtlinge
vor einem jahr ist liu xiaobo
schlupf unter die deck
in berlin ein gedenken
liao yiwu und viele andere
morgen früh wenn gott will
gethsemanekirche ein ort der hoffnung
eigentlich sollt ich mich freuen
ich werd übersetzt ich hab bücher geplant
es war ein beschissener juni
nicht weil es geregnet hat
das war der lichtblick
und morgen ist noch eine demo
am anfang hab ich geburtstag gehabt
das war noch ein lichtblick
wie gesagt es schaut nicht so schlecht aus
morgen früh wenn gott will
ist der 30. juni

MW Juni 2018

 

《紐約書評》:2018年7月13日,柏林Gethsemane教堂(Stargarder Str. 77, 10437 Berlin)舉行曉波遠行一周年全球追憶會

A Berlin Memorial for Liu Xiaobo

On July 13, the one-year anniversary of the day the Nobel Peace Prize Laureate Liu Xiaobo died in custody, writers, scholars, and activists will gather at the Gethsemane Church in Berlin to honor his life and work. The service has been organized by the German pastor Roland Kühne and by Tienchi Martin-Liao, the chief editor of Liu’s works in Chinese, German, and English and president of the Independent Chinese PEN Center. They will be joined by the singer and former East German dissident Wolf Biermann, the poet and Nobel Laureate Herta Müller, the exiled Chinese author/musician Liao Yiwu, and the writer Ian Johnson, a regular contributor to the New York Review. Liu’s “life and death,” Johnson wrote in the NYR Daily last year, “stand for the fundamental conundrum of Chinese reformers over the past century—not how to boost GDP or recover lost territories, but how to create a more humane and just political system.”

(Bitte klicken)

Poems by/ Gedichte von

Liu Xia & Liu Xiaobo:

刘霞 Liu Xia POMELO《柚子》JUNE 2nd 1989《一九八九年六月二日,给晓波》HYSTERISCHE REDE《癔语》EIN VOGEL UND NOCH EIN VOGEL《一只鸟又一只鸟》OHNE TITEL (Baum)《无题》 等等, 刘晓波 Liu Xiaobo DU PLATZT《你炸裂》等等。有的在法兰克福汇报、新苏黎世报等等刊登过。

 

MEIN APPELL – LIU XIA Liao Yiwu 廖亦武:我的呼籲 My Appeal

十二月 14, 2017

MEIN APPELL

Liao Yiwu

Übersetzt von Martin Winter

 

Heute ist der neunte Jahrestag der “Charta 08”. Am 8. Dezember 2008 um 11 Uhr abends drängte sich eine Horde von Polizisten vor der Wohnung von Liu Xiaobo und Liu Xia. Sie hämmerten an die Tür. Liu Xiaobo stand vom Computer auf und rief Liu Xia zu: “Schnell, du musst telefonieren!” Aber Liu Xia telefonierte nicht oft. Es war nicht genug Zeit, sie hatten kaum eine Minute. Sie sagte: “Xiaobo, mach die Tür auf.”

Sie hatte es längst geahnt. Und ihn immer wieder gewarnt.

Xiaobo wurde mit einem dunklen Tuch über den Augen abgeführt. Über einen Monat später führte man Liu Xia in benommenem Zustand in ein Hotel. Dort wartete Liu Xiaobo, man hatte ihn von einem anderen Ort, den er nicht kannte, in dieses streng abgetrennte Zimmer gebracht.

Lieber Freund, du hast uns verlassen. In der Dunkelheit, in der man seine eigenen fünf Finger nicht sieht, hast du noch einen Streifen Licht gesehen. Du hast es stotternd betont: “Ich seh, seh, seh Licht.” Wir haben es nicht gesehen. Liu Xia sagt, sie hat es auch nicht gesehen. Ihre letzte Serie von Fotographien heißt “Einsame Gestirne”. Du, ich, wir, sie, alles einsame Sterne.

Ganz am Ende sind deine Beine auf und ab, auf und ab gegangen, ununterbrochen. Nach über einer Stunde haben Atem und Puls plötzlich ausgesetzt.

Du bist auf dem einsamen Stern dort. Und die Bücher, die Liu Xia in diesen Jahren für dich gekauft hat, die liegen noch im Schrank. Was dir am meisten Leid getan hat, war dass Liu Xia nicht ausreisen konnte, dass sie ihre Freiheit nicht finden konnte. Deshalb schreibe ich diese Zeilen, und mache noch einen Appell.

Ich hoffe, dass die chinesische Regierung aus Gründen der Humanität und des Gesetzes einen Menschen frei lässt, der niemals irgendeines Verbrechens beschuldigt wurde, und der an schwerer Depression leidet. Ich hoffe, dass die Regierungen von Deutschland, Frankreich, USA und alle demokratischen Länder sich dafür einsetzen, und alle Menschenrechtsorganisationen und Aktivisten. Für die Freiheit der Witwe des Friedensnobelpreisträgers von 2010. Vielen Dank Ihnen allen!

Liao Yiwu
Schriftsteller im Exil, Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2012
8.12. 2017

Anmerkung: Liu Xias Gedicht an Herta Müller wurde am 16. Dezember von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) auf Deutsch zuerst veröffentlicht.

Liu Xia:

Liebe Herta,
Ich roll mich zusammen und mach mich klein,
denn jemand hat an meine Tür geklopft.
Mein Hals wird schon hart,
aber ich kann nicht hinaus.
Ich red mit mir selbst,
ich werd verrückt.
Ich bin so einsam,
ich hab kein Recht zu sprechen,
ich darf nicht laut werden.
Ich leb wie eine Pflanze,
und lieg da wie eine Leiche.

Übersetzt von Martin Winter

My Appeal ( 我的呼籲 ):中文在後

Today is the ninth anniversary of “Charter ‘08”. At eleven o’clock at night on the 8th of December 2008, a hoard of police officers flocked towards the home of Liu Xiaobo and Liu Xia. As the pounding on the door resounded through their home, Xiaobo got to his feet in front of his computer and shouted to Liu Xia: “Quick, make the call!” But Liu Xia normally didn’t use a phone…. There was no time. Liu Xia said: “Open the door, Xiaobo.”

She’d long had a premonition. And warned him often….

Xiaobo was led off with a black cloth over his eyes. Over a month later, a disoriented Liu Xia was taken to a hotel where they met again in a sealed room. Xiaobo was brought there from a place he did not know.

My dear friend, you’ve gone. In a darkness so black I can’t see the fingers of my extended hand, you could yet see a trace of light. You always insisted in a stammer: “I see, see, see it.” We didn’t see. Liu Xia says she also did not see. Her most recent group of photographs is called “Solitary Planets”, you, me, us, her, all solitary planets.

On the verge of departure, your two legs were moving up and down, ceaselessly, ceaselessly walking. Up until an hour or so later, till your breath and pulse abruptly halt.

You’re on that solitary planet. And the books Liu Xia bought you these last few years still lie in the bookcase. Your greatest regret was that Liu Xia was unable to leave the country, could not find the freedom that was properly hers. And so I write these words and publicly appeal for her freedom once more.

I hope the government of China, out of basic human decency and in accordance with the law, will release a person suffering deeply from depression who has never broken a law. I hope that Germany, the United States, France, Great Britain and other Western governments, human rights organizations and activists would continue to negotiate with the government of China for the freedom of the widow of the 2010 Nobel Peace Prize laureate.

Thank you all.

Liao Yiwu,
Writer in exile, recipient of the 2012 German Book Industry Peace Prize

Translated by Michael Day

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Dear Herta

I curl into a ball
As somebody knocks at the door
My neck starts to stiffen
But I can not leave
I speak to myself
I’m going mad
Too solitary
I have not the right to speech
To speak loudly
I live like a plant
I lie like a corpse

Translated by Michael Day

 

我的呼籲

今天是《零八憲章》九周年,2008年12月8日午夜11點,一大幫警察湧向曉波和劉霞的家,擂門聲一陣緊似一陣。曉波從電腦前站起來,衝劉霞喊:“快打電話!”但劉霞平時不用電話。不到一分鐘,來不及了。劉霞說:“曉波開門吧。”

她早就有預感。并一次次提醒。

曉波是被黑布蒙住雙眼帶走的。一個多月後,暈頭轉向的劉霞被帶到一個賓館,在密閉房間中,他們重逢。曉波也是從另一個他不知道的地方,被帶到這兒的。

親愛的朋友,你走了,在伸手不見五指的黑暗中,你也能看見一絲光,你總是結結巴巴強調:“我看,看,看到了。”我們沒看到。劉霞說她也沒看到。她最近的一組攝影叫《孤獨星球》,你,我,我們,她,都是孤獨星球。

你在臨終之際,兩條腿上上下下地走著,不停的,不停的,不停的走著。直至一個多小時後,呼吸和脈搏都嘎然而止。

你在那個孤獨星球。而劉霞這些年為你買的書,還躺在書櫃裏。你最大遺憾是劉霞不能出國,沒辦法找到本該屬於她的自由。所以我寫下這些話,并再次為她公開呼籲。

希望中國政府出於基本人道,依法釋放一個沒任何犯罪記錄的深度抑鬱患者。希望德國、美國、法國、英國等西方民主國家政府、人權組織與活動者們,為2010年諾貝爾和平獎得主的寡婦的自由,繼續與中國政府交涉。謝謝您們。

廖亦武
流亡作家,2012年德國書業和平獎獲得者

2017年12月8日,《零八憲章》九周年

注:附件是劉霞在數日前寫給2009年諾貝爾文學獎獲得者赫塔 米勒的分行信

注:附件是劉霞在數日前寫給2009年諾貝爾文學獎獲得者赫塔 米勒的分行信

親愛的赫塔:

我蜷縮成一團
因為有人敲嚮了門
我的脖子開始變得僵硬
我卻不能離開
我自言自語
我要瘋了
我那麼孤單
我沒有權力說話
大聲說話
我像植物一樣活着
我像屍體一樣躺着

Photos by Liu Xia

KLAGE UM LIU XIAOBO – 廖亦武 Liao Yiwu – 給劉曉波的輓歌

九月 25, 2017

LIU XIA. Eine Fotografin aus China.
Vernissage am 10.Februar 2015.
Ausstellungsdauer: 21.Februar – 19.April 2015 m Martin Gropius Bau Berlin.
LIAO YIWU

KLAGE UM LIU XIAOBO

Von Liao Yiwu

Er ist tot, was kann das ändern.
Hell scheint die Sonne, Schnee auf den Alpen
glitzert wie Fischschuppen. Seine Asche im glitzernden Meer,
Fischschuppen. Unsere Erinnerung an ihn
schwimmt weg wie Fischschuppen?
Was wird das ändern, er ist tot.

Ein zerrissenes Buch.
Seine Frau, ein verletzes Lesezeichen
rutscht aufs Bettpolster. Sie schaut ihn an,
möcht sich hinwerfen, schrein: „Du darfst nicht sterben! Mein Lieber, stirb nicht, oh Gott!”
Aber sie darf nur schweigend zuschauen,
ein rausgefallenes Lesezeichen,
schaut wie sein Buch zerrissen wird, Seite für Seite.

Die ganze Welt sieht, wie er umgebracht wird.
Weißkittel geistern rund um ihn im Käfig.
Ein Büchermensch, wollt um den Tod nicht China verlassen.
Politischer Häftling, vier mal im Gefängnis,
sagt nun er will im Westen sterben. Hört es irgendwer?
Bist du taub, hast du doch einen Mund.
Bist du stumm, du schaust doch noch zu!
Bist du blind – können Blinde sich aufregen?
Über eine Milliarde Blinde, werden sie sich aufregen?
Was kann das ändern, er ist tot.

Ich wart noch auf die Nachricht, dass sein Flieger abhebt.
Vögel schreien im Wind, in der Nacht.
Blüten fallen, Gras wächst. Frau und Tochter im süßen Schlaf.
Ich geh als Geist auf und ab in der Nacht. Er kommt näher,
fegt als Komet am Horizont. Flug in den Himmel, von 1989?
Lässt die Hand seiner Frau los,
sagt ihr noch, sie soll leben, so gut sie nur kann.
Das war vor vielen Jahren am Tian’anmen.
Panzer dröhnen. Schüsse, Schüsse.
Kinder fallen in Reihen, im Reigen. Seelen steigen,
sagen ihm Lebewohl. Sagen ihm, er soll leben,
so gut er nur kann für die Geister des Massakers.

Was wird das ändern, er ist tot.
Angenagelt von der KP, ewig wie Jesus;
steht auf in Folter und Tod.
Ich wart noch, dass sein Flieger abhebt,
dass er seine letzten Zeilen an seine Liebe zu Ende schreibt,
seine Frau in die Ferne begleitet, in der Fremde begraben wird.
Dass wir oft hingehen können, um nach ihm zu sehen;
wenn die Nacht niedersinkt, die Vergangenheit fließt durch die Zweige.

Aber alles ist uns zersprungen. Er hat keine Freiheit,
im Leben nicht und nicht im Sterben. Seine Asche, seine Liebe.
Die ganze Welt schaut zu, wie ein aufrechter Mensch,
ein besonderes Buch, wie es langsam zerrissen wird.
Niemand kann sie aufhalten, die ignorante Gewalt.
Aber jeder möchte sie aufhalten!
Was kann das ändern, lieber Gott.
Er ist tot.

11. August 2017, frühmorgens.

Übersetzt von MW im August 2017

 

 

給劉曉波的輓歌

廖亦武

 

他死了,這又能改變什麽
陽光明亮,阿爾卑斯山巔的殘雪在遠方
如閃爍的魚鱗,他的骨灰被拋向閃爍的大海
如魚鱗,我們對他的追憶
也魚鱗般漸行漸遠麼?
這又能改變什麽,他死了

一本被撕毀的書
而愛人,是受傷的書籤
滑落床頭。她注視著他
她想撲上去喊:“你不要死!親愛的,我不要你死,上帝啊!”
但她只能默默注視
如滑落的書籤注視書被撕毀,一頁又一頁

全世界都看著他被謀殺
囚籠環繞著白衣鬼魂
這個曾經死也不離開中國的讀書人
這個四次坐牢的思想犯
如今說死也要死在西方。聽見了嗎,人們
如果你聾了,至少還有嘴
如果你啞了,至少還在看
如果你瞎了——瞎子會憤怒嗎
十幾億中國瞎子會憤怒嗎
這又能改變什麽,他死了

我還在等待他起飛的消息
成片的鳥在風中哀鳴,那個深夜
花瓣在落,草在長,妻子和女兒在酣睡
我是一個幽靈在黑暗中徘徊。他漸漸近了
身影如篲星划過天際
去天堂的航班,有八九六四嗎
他鬆開妻子的手,叮囑她好好活下去。那是多年以前
他在天安門,坦克轟鳴,一陣陣槍聲
孩子們成群結隊倒下,靈魂爬起來
與他告別。他們叮囑他要活下去
為了大屠殺的亡靈而好好活下去

這又能改變什麽,他死了
被共產黨釘在十字架,永恆如耶穌
在虐殺中復活
我還在等待他起飛的消息
等待他寫完最後的情書
他送妻子到萬里之外,然後埋骨異鄉
我們會經常去看他。當夜幕低垂
往事如河流掠過樹梢

但一切都碎了,他沒有自由
生死,骨灰,愛,都沒有自由
全世界眼睜睜看著一個高尚的人
如一本出色的書,被緩緩撕毀
沒有誰能阻止這無知的暴行
可誰都希望能阻止!
這又能改變什麼,親愛的上帝
他死了

2017年8月11日淩晨

TARIM RIVER – 廖亦武 Liao Yiwu

一月 16, 2016

CAM00834

Liao Yiwu

TARIM RIVER
– dedicated to Ilham Tohti, the Uighur scholar sentenced to life in prison

River Tarim, River Tarim.
River in exile, water in jail.
Died in the desert, dying of thirst.
Wind keeps on playing reeds in the sky,
eternal water, somewhere up there.

River Tarim, River Tarim.
Hounded to death, hounded and cursed.
How many grains of sand in your tears?
You have to know who your mother is,
who your mother is?

River Tarim! River Tarim!
River of prayer, river of hope.
River, for freedom you are dried out!
River, for freedom you’re all alone!

………

1) The Tarim river originates in the Tianshan mountains. It flows through vast desert areas. The river cannot find an outlet from the desert, and so the river bed changes every year. The biggest prisons and labor camps in China are found in the Tarim river area, which is therefore also called “China’s Siberia”.

2) Ilham Tohti is an economics professor at Minzu University in Beijing and the foremost Uighur public intellectual in the People’s Republic of China. He was sentenced to life in prison in September 2014 for advocating basic economic, cultural, religious and political rights for the Uighurs, the largest indigenous people in northwestern China. (Amnesty International)

2015
Translated by Martin Winter, 2015

Liao Yiwu
TARIM

Der Fluss Tarim, der Fluss Tarim.
Fluss der Verbannung, Fluss eingesperrt.
Fluss der versiegt, verdurstet im Sand.
oben im Wolken-Schilfrohr der Wind,
oben im Himmel rinnt noch der Fluss.

Der Fluss Tarim, der Fluss Tarim.
Du wirst gejagt, verflucht in den Tod.
In deinen Tränen steckt wieviel Sand,
kennst deine Mutter, kennst du sie nicht?
Kennst du sie nicht?

Der Fluss Tarim! Der Fluss Tarim!
Fluss aus der Hoffnung, Fluss des Gebets!
Fluss der für Freiheit trocknet, versiegt!
Fluss der für Freiheit alleine bleibt!
…..

1) Der Tarim entspringt im Tianshan-Gebirge. Er fliesst durch weite Wüstengebiete. Weil er keinen Ausweg findet, ändert sich jedes Jahr sein Flussbett. Im Gebiet dieses Flusses befinden sich die größten Gefängnisse und Straflager in China. Deshalb wird die Gegend auch “Chinas Sibirien” genannt.

2) Ilham Tohti ist ein uighurischer Universitätsprofessor in Peking, der sich für Bürgerrechte in der Autonomen Region Xinjiang einsetzte. Im September 2014 wurde er in Ürümqi wegen “Separatismus” und “Verhetzung” zu lebenslänglicher Haft verurteilt.

2015
Übersetzt von Martin Winter, 2015

塔里木河

——獻給被判無期徒刑的維吾爾學者伊力哈木

廖亦武

塔里木河,塔里木河,

被流放、被囚禁的河,

沙漠裡渴死的河,

風兒吹動天上的蘆葦,

那是永恒的水。

塔里木河,塔里木河,

被詛咒、被追殺的河,

眼淚裡含滿沙子的河,

你可知道誰是母親?

你可知道?

塔里木河!塔里木河!

祈禱著盼望著的河

為了自由而幹枯的河

為了自由而孤獨的河

……

(註:塔里木河發源於天山,流經大片沙漠和戈壁,由於找不到出口,它每年都改變河道。
塔里木河流域分佈著中國面積最廣的監獄和勞改農場,號稱“中國的西伯利亞流放地”)

Yi Sha freedom

CHANG‘AN POESIEFEST IN DARMSTADT 达姆施塔特 – 法蘭克福長安詩歌節

十月 19, 2015

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《法蘭克福長安詩歌節》

法兰克福长安诗歌节
这次没有中国人
我朗诵廖亦武
新的长诗《监狱°寺庙》
德语版
还有我自己的《祈祷》
其他人拉手风琴
吹长笛
唱北欧拉脱维亚民歌
像中国街口
城市高速底下
几位老工人拉手风琴
两三个人
四个人
以诗歌的名义
以音乐的名义
团结起来
干杯
我也在他们桌下
中间
耶稣是这样说的吗?

2015.10.19

HORIZON

a smokestack
a chimney
a phone antenna
and a big tree
form lady liberty
maybe not

MW October 2015

Frankfurt3Bahnhof

BEI THOMAS & CORNELIA:Chang’an Poesiefest

wo 2 oder 3
oder auch 4
einander zuprosten
im namen der poesie
der musik
da bin ich mitten unter dem tisch

chang’an poesiefestival
diesmal ohne chinesen
in darmstadt bei frankfurt
ich lese liao yiwu
das neue lang-gedicht
MEIN GEFÄNGNIS. MEIN TEMPEL
aus der zeitschrift akzente
herausgegeben von herta müller
und mein GEBET
thomas spielt akkordeon
eine art knopfharmonika
cornelia querflöte
hauptsächlich arbeiterlieder
jackie singt lettische weisen
wir singen mit
fast wie wenn in china
unter der stadtautobahn
an einem neuen kanal
wo eine fabrik war
und jetzt teure wohnblöcke stehen
zwei, drei musik machen

chang’an poesiefestival
kommt natürlich aus xi’an
von yi sha gegründet
mit qin bazi & xidu heshang
& vielen anderen

chang’an poesiefestival
das gibt es an vielen anderen orten
nur nicht ohne yi sha
insgesamt über 200mal

private treffen mit poesie
das hat etwas von freiheit
es kommt mehr zur sprache
als auf großer bühne

wir haben auch so etwas gemacht

MW Oktober 2015

KOLIK

HORIZONT

ein rauchfang
ein schornstein
ein handymast
und ein großer baum
eine freiheitsstatue
oder auch nicht

MW Oktober 2015

《早上风景》

一条烟囱
一棵树

是一条烟囱吗?
一条电话天线
是这样说的吗?

一条电话天线
和一棵树

自由女神
也许不

2015.10.19

KOLIK 001

EIN GEDICHT

ein gedicht eine
berührung wen du
berührst weisst du nicht

MW Oktober 2015

jackie leaving

廖亦武維也納朗誦會 – Liao Yiwu at Vienna Literaturhaus

十月 9, 2015

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Liao Yiwu: Reading at Literaturhaus Vienna
Thursday, 8th of October 2015
PRISON. TEMPLE. (Long Poem) 廖亦武:監獄-寺廟
Liao Yiwu (China) Mein Gefängnis. Mein Tempel.
Übersetzt von Martin Winter. Veröffentlicht in Akzente, Sept. 2015。 Hg. von Herta Müller und Jo Lendle.
Moderator: Wolfgang Popp
Music: Liao Yiwu
Interpreter: Yeemei Guo

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廖亦武:監獄-寺廟

今日冬至,一年中最長的夜
我想起司馬和尚,教我吹簫的師父
在監獄內縮著脖子
猶如一隻已經活夠一千年的烏龜

司馬和尚,或者烏龜的罪名
是顛覆共產黨國家。在遙遠的窮鄉僻壤
數不清的溪流從天上淌下來
帶著雲的倒影,牛羊在雲裡霧裡吃草的倒影
還有星星的倒影。晚秋時分
風兒如密集的響箭射過來,唸佛的和尚
偶爾在廟堂,袖手對若干香客
談論群山盡頭的北京
帝王之都,相當於《西遊記》裡
群魔亂舞的天朝。如果在古代
書生騎馬趕考,至少三個季節才能抵達
西天取經的唐三藏九死一生

不料朝廷鷹犬聞訊而至
這是發明了飛彈的當代,神往唐三藏一般
遠行朝佛的和尚,來不及告別晨鐘暮鼓
就遠行入獄。袈裟換囚服
這是另一個廟,見面禮
是獄吏的三記耳光。唯一的牙齒脫口而出
他拜倒在地,剎那頓悟

修行人啊,獄吏是另一尊佛
當時代如瘋狗,原地打轉
那就咬住自己的尾巴,原地打轉好了
於是日復一日,司馬和尚在傍晚
埋頭吹簫。中國人的歷史順著這竹管
如天上的溪流淌下來。莊子說
聽得見、寫得出的聲音和文字叫人籟
世間的生老病死、愛恨情仇都在其中
而高於人籟的是地籟
大地母親的聲音。石頭、泥巴、木頭和故鄉
太陽的陰莖翻來覆去抽送
種子發芽,村莊燒毀,戰亂突發,勇士回鄉
送葬的長隊爬攏坡地,殤歌裊裊之際
產婦的陣痛開始。有人問,這嬰兒誕生於
陰道還是地縫

無法回答
最高的哲學命題往往無法回答
比如我們從哪兒來、到哪兒去、我們是誰
在偉大的老子眼裡
一切的一切,都出自天籟
看不見、摸不著、聽不見的天籟
超越於我們,卻每時每刻
環繞在我們身邊。哦,西方人叫上帝
許多西方人懷疑上帝的在
許多中國人也懷疑天籟的在

為什麼叫上帝,為什麼叫天籟
為什麼叫天空,為什麼叫牛、羊、豬
還有狗,還有雞,還有雙關語
麵包象征丰富,枯葉暗示重病
獨裁暴君將老百姓比作牲畜,隨意宰割
世間種種命名從何而來?莊子説
如果一開始,我們把天空叫駿馬
那籠罩在人類頭頂的就叫駿馬
而不叫天空。雲
就叫不斷變幻的馬尾。風就叫馬屁
從原野徐徐吹過

司馬和尚繼續冥想
猶如此刻,我在柏林的冬至夜
寫一首叫“冥想和平”的詩,用舌尖品味
從四川老家捎過來的酒
有點辣,有點麻,有點回甜
監獄离故鄉太遠
監獄是司馬和尚這輩子抵達的
最遠的廟。相當於古印度的蘭毗尼
釋迦牟尼誕生地。也相當於今印度的達蘭薩拉
轉世中的達賴喇嘛和噶瑪巴
從西藏翻越喜馬拉雅山脈
流亡於此

老和尚不明白流亡的意義。坐牢的某日
他吹一段簫,讀一段《人民日報》
竟然問出產達賴喇嘛的“西藏”可是“西天”
對此我能說什麼,反正西藏是世界屋脊
緊貼著西天的肚皮。他接著問
無字天書可寫在西藏?對此
我更不能說什麼。反正那兒石頭滿山跑
如地老天荒的骷髏。腦門飄著經幡
風化的眼窩填滿六字真言。
《佛經》無祖國。正如
《聖經》《可蘭經》和《道德經》

所有美好經卷都無祖國
創造經卷的人呢
祖國在哪裡?高牆上下
鷹隼、囚徒或爬蟲的祖國在哪裡

司馬和尚是一條船
在虛無的波濤中
越漂越遠。他不認得西藏
可前世發源於雪域。正如長江的上游
是通天河。雅魯藏布江的下游
是雲南怒江。奔騰向南
是緬甸、老撾、泰國共有的湄公河
祖國和名稱變來變去,可水還是水
被《道德經》和《山海經》一吟三嘆的
峰迴路轉的水

各種語言裡發音不同的水
喝一口就知道
各種語言裡叫法不同的簫
吹一下就知道
各種語言裡形狀不同的船
坐上去就知道。
幾隻祖籍中國的烏鴉,不需要海關
就降落在德國,降落在
一個中國流亡者的庭院內
它們的呱呱鄉音,驚醒
在夢中學德語的我,以及
在松樹枝頭詩意棲居著的荷爾德林
司馬和尚還在吹簫。不不
夜很靜,多年前的老和尚
在我的幻覺裡吹簫。正如幻覺裡同時浮現
中國烏鴉和荷爾德林

這是一個和平的起點,荷爾德林因此
寫下《追憶》和《返鄉》
我在追憶,老和尚也在追憶
時間的此岸和彼岸,在追憶的剎那相聚
我在柏林,靈魂在追憶的剎那返鄉
老和尚在監獄,靈魂在追憶的剎那刑滿釋放

我牽住他虛無的手,漫步於
中國的上空。不不
獨裁中國早已分裂
這十幾億人口的地盤,重新拼湊成
幾十個聯邦。五花八門的意識形態
總統、議會和原始部落並存
歷經劫難的百姓終於安居樂業。葉落歸根
分裂思想卻繼續傳播。有人在選舉前夕
出演《哈姆雷特》:“生存還是毀滅”
有人卻在幕后鸚鵡學舌:“投票還是不投”
於是觀眾紛紛模仿驢叫:“不生存也不毀滅”
而一墻之隔
比梵蒂岡更小的鄰邦
“空談誤國”成為時尚,無所事事的
老子和李白,沒日沒夜飲酒、聊天、對弈
舉棋不定之際,孔子
從黃河出海口的魯國跑來圍觀,指點江山
道可道,非常道,老子笑道
仁弟好為人師,就罰你到青海柴達木做大使

沒料到孔子答應移民
他身長九尺,門徒三千
旅居了十幾個國家,以全球教育為己任
天蒼蒼,地茫茫
故鄉是回不去的遠古,況且
柴達木是鹽湖,可供人類吃幾十萬年
知識也是鹽,孔子即興演講
劫難記憶更是世世代代
不可缺少的鹽。史書記載著
毛澤東、鄧小平、大饑荒、改造
天安門屠殺、法輪功、西藏自焚
猶如德國史書記載著希特勒、猶太人、滅絕
六月十七日起義、昂納克、柏林牆
俄羅斯史書記載著列寧、集體農莊、斯大林
古拉格群島、冷戰和車城戰爭
所有罪惡檔案都深藏地下
不會屍體一般腐朽,也不會
種子一般發芽破土。“永遠不要再發生”
鐫刻在達豪集中營

“永遠不要再發生”鐫刻在
新疆、西藏、廣東、上海的海關、鬧市、墓地
鐫刻在北京故宮、四川人的菜譜、貴州人的
茅臺酒窖、浙江人的西湖
共產帝國、全球監控
喬治.奧威爾的《一九八四》
——“永遠不要再發生”

我吹簫,司馬和尚在我的氣息裡
吹簫。二十多年前
我們相逢獄中,誰曾想過
滄海桑田,老天
會不由自主變得更老
異國他鄉的囚籠是否
有吹簫的和尚?吹單簧管的神父
或吹巴烏的阿訇?一位擅長倉央嘉措情歌的活佛
在拉薩土牢關押多年。當獄吏
禁止吟唱,他心生恨意
卻隨之追悔。達賴尊者啊,這多麼危險
當歌喉被掐斷,我詛咒,我失去了
出家人應該的慈悲

比牆更高的是山

比山更高的還是山

你在夢中越獄
翻過牆、翻過山、翻過雲

俗話說“心比天高”
這個“心比天高”的監獄
誰能翻得過去

已在彼岸的司馬和尚
借我的軀殼如是說
冥想和平的孤鳥
在夜幕盡頭,如閃爍其辭的孤星
簫聲或風聲停了
起伏的樹影與瓦脊
轉瞬凝固,如舊電影裡
褪色的波濤
飲下最後的酒睡吧
最後的四川老家,睡吧
還有藏在樹影背後的荷爾德林
凍得發抖的白嘴烏鴉,早逝的
姐姐和父親,睡吧睡吧
誰的內心永無寧日

2013年歲末於柏林

KOLIK

LIAO YIWU IN VIENNA

十月 6, 2015

Ballester_JM_1658-La_Balsa_de_la-MedusaThursday, 8th of October 2015
20:00 h

First time in Austria!

»Human Life is Fiction.«

Liao_Foto_Ali_Ghandtschi

Liao Yiwu: Reading at Literaturhaus Vienna, Seidengasse #13, 7th district

Moderator: Wolfgang Popp (Author and Journalist)
Reading: PRISON. TEMPLE. (Long Poem)
Liao Yiwu (China) Mein Gefängnis. Mein Tempel.

erschienen in AKZENTE 3/2015, hg. v. Herta Müller,
deutsche Übersetzung von Martin Winter / 2015

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Music: Liao Yiwu
Discussion
Wolfgang Popp and Liao Yiwu
Interpreter: Yeemei Guo

KOLIK

LICHTUNGEN 141 奥地利格拉茨《林中空地》文學雜志

二月 12, 2015

MALALAMartin Winter
EINLEITUNG ZUM CHINESISCH-DOSSIER

Am liebsten würde ich ein ganzes Heft gestalten. Das Cover. Malala gewinnt den Friedensnobelpreis. Apple Daily in Hongkong. Malalas Kopf, rundherum alles Chinesisch.
“Ich möchte weder Rache an den Taliban, noch an irgendeiner anderen Organisation. Ich möchte meine Stimme nur dafür erheben, dass jedes Kind ein Recht auf Unterricht hat. Mein Traum ist, dass alle Kinder, auch die Söhne und Töchter der Terroristen und Radikalen, in die Schule gehen können und Bildung bekommen. Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch, ein Stift – kann die Welt verändern.” Hat sie das wirklich gesagt? Ich habe mir ihre Rede angeschaut, auf Youtube. Englisch, Urdu, Pashto. Auf der Bühne mit ihrer Familie. Ihr Bruder, ihre Eltern. Der Bruder wird neidisch sein. Sie bemüht sich sehr um Harmonie, ist wirklich froh, dass auch jemand aus Indien gewonnen hat, der für Kinderrechte einsteht.

Dieses Cover. Nur das Bild. Foto: Apple Daily. Das ist auch schon ein Hinweis auf die Proteste in Hongkong von August bis Dezember 2014. In den USA gab es auch Proteste, für Bürgerrechte, in der Nachfolge von Martin Luther King. Und in Österreich meldet wenigstens das Gratisblatt “Österreich” wieder einmal, dass Strache als Neo-Nazi im Gefängnis war. Strache heißt Furcht und Schrecken. Graz heißt Stadt. Eine wichtige Stadt für die Literatur. Eine gar nicht so heimliche Hauptstadt, zu manchen Zeiten. Für den Schrecken. Für die Literatur, etwas später. Yi Sha 伊沙, der am 17. März in Graz seine Texte vorstellt, die in manchem an Ernst Jandl erinnern, kommt aus Xi’an 西安. Hauptstadt schon vor über 2000 Jahren. Terrakottakrieger. Tang-Gedichte. Von daher kommt Gustav Mahlers Lied von der Erde.

Eine wilde Mischung. Sich der Gewalt stellen. Respekt geben, zeigen, und damit auch fordern. Haben sie das gemeinsam? Yang Lian 楊煉, ein großer Dichter, aktiv und engagiert seit den 1970er Jahren. Liu Zhenyun 刘震云, bis vor zwei Jahren vielleicht bekannter als Mo Yan, auf jeden Fall unterhaltsamer. Richard Claydermann und die Trommeln in den Bergen. Klingt vielleicht eskapistisch. Aber Liu Zhenyun geht es um Aufarbeitung, und um Respekt für die kleinen Leute. Er kommt aus einem armen Dorf und ging zur Armee, um schreiben zu können – wie auch Mo Yan 莫言 und manche andere.

Respekt zeigen, und damit einfordern. Zheng Xiaoqiong 郑小琼 tritt auch am 17. März in Graz auf. Ihre Texte kommen aus den Fabriken in Dongguan. Das ist im Perlflussdelta, nicht weit von Kanton 広州, Hongkong 香港 und Shenzhen 深圳. Xu Lizhi 许立志 sprang in Shenzhen in seinen Tod. Bei Foxconn 富士康, wo sich schon viele Arbeiter und Arbeiterinnen umgebracht haben. Foxconn fertigt Computer und Telefone für Apple. Xu Lizhi war ein sehr begabter Dichter. Bei Zheng Xiaoqiong kommen viele Kolleginnen vor, die nicht mehr am Leben sind. Oft wegen Unfällen. Viele sind auch verschwunden.

Respekt zeigen, und Hoffnung geben. Wie Malala. Viele Frauen sind in diesem Dossier, verglichen mit anderen Kunstsammlungen, nicht nur chinesischen. Fünf Frauen, von elf Autorinnen. Zwei mit Prosatexten. Zheng Xiaoqiong hat sehr gute Reportagen geschrieben, leider habe ich bis zum Redaktionsschluss noch keine fertig übersetzt. Aber von Zheng Xiaoqiong kommt bald ein Buch in Österreich heraus, mit Reportagen und Gedichten. Bei FabrikTransit. Und in Wien gibt es am 20 März am Ostasieninstitut der Universität Wien einen Workshop mit Zheng Xiaoqiong, auf der Grundlage von einer Reportage und anderen Texten. Und eine Lesung gibt es, veranstaltet vom Institut für Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst.

Hao Jingfangs 郝景芳 Science-Fiction-Geschichte ist der längste Text in diesem Dossier. Widerstand. Wie ist Widerstand möglich, wenn aller Widerstand gegen den Staat längst gebrochen wurde?
Kaufen Sie das Heft, lesen Sie, wie es geht. Oder lesen Sie von Ma Lans 马兰 ”Doppeluterus“, und unerklärlichen Spuren im Schnee. Von Liu Xias 刘霞 Charlotte Salomon. Soll noch einer sagen, chinesische Literatur sei nur über China. Alle Beiträge reden über Respekt, und über Rechte. Sehr allgemein.

681832015

Rire, bordel de Dieu ! par Charb

一月 13, 2015

“Ne perdons pas notre temps en vains discours. (Un temps. Avec véhémence.) Faisons quelque chose, pendant que l’occasion se présente! Ce n’est pas tout les jours que l’on a besoin de nous. Non pas a vrai dire qu’on ait précisément besoin de nous. D’autres feraient aussi bien l’affaire, sinon mieux. L’appel que nous venons d’entendre, c’est plutôt à l’humanité tout entière qu’il s’adresse. Mais à cet endroit, en ce moment, l’humanité c’est nous, que ça nous plaise ou non. Profitons-en, avant qu’il soit trop tard. Représentons dignement pour une fois l’engeance où le malheur nous a fourrés. Qu’en dis-tu? (Estragon n’en dit rien.) Il est vrai qu’en pesant, les bras croisés, le pour et le contre, nous faisons également honneur à notre condition. Le tigre se précipite au secours de ses congénères sans la moindre réflexion. Ou bien il se sauve au plus profond des taillis. Mais la question n’est pas là. Que faisons-nous ici, voilà ce qu’il faut se demander. Nous avons la chance de le savoir. Oui, dans cette immense confusion, une seule chose est claire : nous attendons que Godot vienne.”

Je suis Charlie cn

taube

鸽子

Liao Yiwu Charlie Hebdo

La Griotte

PARIS: Event dedicated to the fight against racism

Voici un texte publié par Charb, directeur de la rédaction de Charlie Hebdo tué ce matin. Il l’avait publié en octobre 2012. Il s’intitule “Rire, bordel de Dieu”

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Poetry and music

三月 16, 2012

Music and poetry in present-day China and Taiwan

How are poetry and music combined? What differences and what similarities are there within and between China and Taiwan in today’s relationships of music and poetry?

Yan Jun (Lanzhou/ Beijing) has become well known since 2003, both for his sound projects and for his poems. Yan Jun wrote about parts of the music scene in China in 2010. His article is collected in the book Culturescapes China (Basel 2010), with other representative texts on recent music and literature.

Some of Yan Jun’s poems are related to political events and concerns. All poetry is political, he once said, which may evoke discussions about art and politics in general, by Adorno and others. On the other hand, Yan Jun has tried to maintain a stance that avoids direct confrontation with the government and negotiates a largely underground breathing space for art and music.

Singers, musicians and poets, artists in general have to organize themselves and work in a way that gets noticed, without going to jail. The ones that do become dissidents and end up imprisoned or in exile are a small minority. Some are more concerned with politics than with art. Others, like Liao Yiwu, have made experiences that have linked their art and their concerns for society in a way that makes it hard for them to continue working, publishing and living in China. Liao Yiwu is a famous example. His approaches to poetry and music are inextricably linked to his experiences at the bottom of society in China. Liao Yiwu left China last year and currently lives on a scholarship in Berlin. He visited Taiwan in January and February 2012. I was fortunate to witness two of his performances in Taipei and Tainan. It was exciting to witness how fast people in Taiwan were able to connect with Liao Yiwu. In Tainan, the reading was at a university, introduced by professors teaching Taiwanese and Hakka, not Mandarin Chinese. The dynamics of music, history, language and poetry were very remarkable.

At the end of Liao Yiwu’s reading in Taipei, he asked Lo Sirong to sing a traditional song in Hakka, a lullaby sung by a working mother, sung mostly to placate herself, perhaps. Lo Sirong is part of a mostly female network of poets and musicians who collaborate on different projects in Taiwan and beyond. One recent project is Fullmoon (Sleepless in moonlight), a six-edition online poetry-sound magazine organized by Tong Yali. In Spring 2012, I translated seven poems by Wu Yining, a Taiwanese reporter, local activist and poetess. She first came to prominence in 2001, reporting from an uprising in Mexico. Wu Yinning quotes rock songs sung in Taiwanese, among other sources.

Singing in different languages, and the use of different languages in general are well integrated in today’s Taiwanese society. There is a general consensus on the protection of cultural diversity. But although Mandarin is no longer the only official language, social and economic conditions nevertheless serve to favor its use.

Cooperation with singers/ songwriters from Mainland China is increasing; there were many concerts by Mainland singers/ songwriters in Taiwan in February 2012. These artists were introduced in the magazine POTS (Weekly supplement Nr. 699, Feb. 24 – March 4, 2012, p. 14/15)

The famous Taiwanese poetess Hsia Yü (Xia Yu) is also famous for her song lyrics, published under pseudonyms. There is a history of pop, rock and DJ culture in Beijing behind Yan Jun’s sound projects, and there is a history of pop songs from Taiwan and Hong Kong since the end of the 1970s that has influenced Mainland China. People who were young at the beginning of the 1980s remember the pop songs of Teresa Teng (Deng Lijun). After the Cultural Revolution, such songs supplanted the Maoist propaganda – they were subversive because they were not political at all. Hou Dejian, who ran away from Taiwan to Mainland China, became the most important cultural figure in the 1989 Beijing Tian’anmen protests that ended with the June 4th massacre in the city. Other artists also performed on Tian’anmen Square, most notably “Rock Music Godfather” Cui Jian. But Hou Dejian was actually crucial to the outcome of the protests. He galvanized the protests in the last few days, along with Liu Xiaobo, Zhou Duo and Gao Xin. And because of his popularity, because even the soldiers knew his songs, Hou Dejian was able to help negotiating the retreat of thousands of students from the square in the early hours of June 4th.

Poetry and music, in traditional forms, such as opera, and in present projects, show the differences and similarities between more official and more informal settings and occasions. Present-day connections between poetry and music in China and in Taiwan enable informal and spontaneous social connections.


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