Posts Tagged ‘crisis’

KURZNACHRICHT AN ALLE – 里所

三月 30, 2020

Li Suo
KURZNACHRICHT AN ALLE

In der Virus-Krise empfehlen Psychologen
den Stadtbewohnern folgende Bücher:

„Mut zur Trennung“ – „Necessary Losses“
(Auch wenn die ganze Familie tot ist,
dieses Buch sagt Ihnen,
ohne Begräbnis gibt es keine Zukunft.)

„Zum Himmel aufsteigen“ – Ein Harvard-Psychologe.
(Die Verstorbenen können nicht sagen,
wie es sich anfühlt, wenn man schnell weg muss.
Aber dieses Buch lässt Sie verstehen,
die meisten Probleme sind psychische Probleme,
und der Himmel liegt immer im Herzen.)

„Einwandfrei“ – A Complaint Free World.
(Das Unglück schlägt zu, Sie verlieren Ihre Lieben.
Hauptsache, Sie akzeptieren es heiter.
Dieses Buch erinnert Sie,
Klagen ist nutzlos und verbraucht unnötig viel Energie.)

„Gewaltfreie Kommunikation“
(Der Titel sagt alles. Sei ein braver und sanfter Bürger!)

10. März 2020
Übersetzt von MW am 30. März 2020

 

 

JEDER TAG – EVERY DAY

三月 23, 2020

FRÜHLING

In der Früh
wenn du noch den Frost spürst
und schon die Wärme
ist die beste Zeit
um das Leben zu spüren.

MW 19. März 2020



JEDER TAG

jeder tag ist ein gedicht
wenn du zeit hast
im moment haben viele leute
viel mehr zeit als sonst,
wenn auch nicht unbedingt ruhe.
haben sie einen moment?
ist eine häufige frage
im moment haben viele viele millionen
in vielen erdteilen
etwas gemeinsam.
natürlich ist das auch sonst der fall
aber normalerweise sagt niemand
von dieser situation betroffene aller länder,
lasst uns einander helfen,
so gut wir nur können,
oder was glaubst du?

MW 21. März 2020

POETRY IN CRISIS? 庄生访谈:十一问 – 11 QUESTIONS asked by Zhuang Sheng

EVERY DAY


every day
is a poem
if you have time
at the moment there are many people
who have more time
although you still might not have peace and quiet enough.
do you have a moment?
is an everyday question.
at the moment many many millions
in many parts of the earth
have something in common.
actually that was the case long before,
but nobody said
affected people of all nations,
let’s help each other
as best as we can
or did they?
or did we?


MW March 21st, 2020

POETRY IN CRISIS? 庄生访谈:十一问 – 11 QUESTIONS asked by Zhuang Sheng

FIT MACH MIT

vorige woche ist noch einer durchgeturnt
so wie wir vorher fast jeden tag
durch den motorikpark
bevor sie ihn abgesperrt haben
ich hab ihn gesehen
vielleicht genau vor einer woche
am sonntag in der früh
heute gibt es wieder virtuellen
gottesdienst
nehm ich an
vielleicht mach ich eh mit
wir machen jeden tag ein gedicht
im literadio
mach mit wenn du willst

MW 22. März 2020



VÖGEL

vögel singen wie früher
wieder ein strahlender märztag
im vogelleben
kommt glaub ich unsere seuche nicht vor
vögel haben keine versicherung
vogelfrei
was hat das bedeutet
menschenfrei
manche straßen
ein paar wochen lang
in wien noch nicht wirklich
glaub ich
menschenfrei
wien war judenfrei
haben sie verkündet
als der himmel
frei für die bomben war
und vögel singen wie früher
und österreich ist frei
nicht wahr

MW 23. März 2020

„Der Raum erstarrt zu einem Netz von undurchlässigen Zellen. Jeder ist an seinen Platz gebunden. Wer sich rührt, riskiert sein Leben: Ansteckung oder Bestrafung. … Jeder ist in seinen Käfig eingesperrt, jeder an seinem Fenster, bei Nennung seines Namens antwortend und zeigend, worum man ihn fragt – das ist die große Parade der Lebenden und der Toten. … Dieser geschlossene, parzellierte, lückenlos überwachte Raum, innerhalb dessen die Individuen in feste Plätze eingespannt sind, die geringsten Bewegungen kontrolliert und sämtliche Ereignisse registriert werden, eine ununterbrochene Schreibarbeit das Zentrum mit der Peripherie verbindet, die Gewalt ohne Teilung in einer bruchlosen Hierarchie ausgeübt wird, jedes Individuum ständig erfaßt, geprüft und unter die Lebenden, die Kranken und die Toten aufgeteilt wird – dies ist das kompakte Modell einer Disziplinierungsanlage. Auf die Pest antwortet die Ordnung, die alle Verwirrungen zu entwirren hat: die Verwirrungen der Krankheit, welche sich überträgt, wenn sich die Körper mischen, und sich vervielfältigt, wenn Furcht und Tod die Verbote auslöschen. Die Ordnung schreibt jedem seinen Platz, jedem seinen Körper, jedem seine Krankheit und seinen Tod, jedem sein Gut vor: kraft einer allgegenwärtigen und allwissenden Macht, die sich einheitlich bis zur letzten Bestimmung des Individuums verzweigt – bis zur Bestimmung dessen, was das Individuum charakterisiert, was ihm gehört, was ihm geschieht. Gegen die Pest, die Vermischung ist, bringt die Disziplin ihre Macht, die Analyse ist, zur Geltung. Es gab um die Pest eine ganze Literatur, die ein Fest erträumte: die Aufhebung der Gesetze und Verbote; das Rasen der Zeit; die respektlose Vermischung der Körper; das Fallen der Masken und der Einsturz der festgelegten und anerkannten Identitäten, unter denen eine ganz andere Wahrheit der Individuen zum Vorschein kommt. Jedoch gab es auch einen entgegengesetzten, einen politischen Traum von der Pest: nicht das kollektive Fest, sondern das Eindringen des Reglements bis in die feinsten Details der Existenz vermittels einer perfekten Hierarchie, welche das Funktionieren der Macht bis in ihre letzten Verzweigungen sicherstellt. Hier geht es nicht um Masken, die man anlegt oder fallen lässt, sondern um den »wahren« Namen, den »wahren” Platz, den »wahren« Körper und die »wahre« Krankheit, die man einem jeden zuweist. Der Pest als zugleich wirklicher und erträumter Unordnung steht als medizinische und politische Antwort die Disziplin gegenüber. Hinter den Disziplinarmaßnahmen steckt die Angst vor den »Ansteckungen«, vor der Pest, vor den Aufständen, vor den Verbrechen, vor der Landstreicherei, vor den Desertionen, vor den Leuten, die ungeordnet auftauchen und verschwinden, leben und sterben.“

Überwachen und Strafen, S.251ff: http://www.ph-ludwigsburg.de/fileadmin/subsites/3b-asop-t-01/user_files/Kleinbach/Veranstaltungen/WS0506_Menschenbilder/Pestmodell.pdf

 

 

POETRY IN CRISIS? 庄生访谈:十一问 – 11 QUESTIONS asked by Zhuang Sheng

三月 19, 2020

11 QUESTIONS asked by Zhuang Sheng

1. Could you please introduce yourself?
Martin Winter, Chinese name 维马丁, poet and translator from Chinese into German and English.
2. Where did you spend this year’s Spring Festival?
At home in Vienna. Yi Sha 伊沙 and six other poets from China (Tu Ya 图雅, Jiang Huhai 江湖海, Xiang Lianzi 湘莲子, Pang Qiongzhen 庞琼珍, Bai Li 白立 and Chun Sue 春树) had just left, after spending over two weeks in Austria in January. You could also say we had Spring Festival together, in Innsbruck in Tyrol in the alps, with poets there, and in Vienna, also with friends. Bai Li was our best cook, and all of them made really good food, we made Jiaozi together, you know, Chinese dumplings, and many other dishes. Yi Sha likes to cook tomatoes and eggs, very simple dish, but very good. We celebrated together, and they went back one day before the lunar new year.
3. How has this virus crisis affected you?
Actually, here in Austria it has only just started to affect everyone. Schools are closed, also most shops. I have been working from home before already, so there is no big change. But I have to be afraid of both short-term and long-term effects in the publishing world, in China and in Europe.
4. How do you spend your time now?
I work from home, so the only big change is that my wife and my son are also home all day. My daughter already has her own apartment, but it is close by. She moved in February, when it was still normal. She was with us on the weekend, we are going to see her again tomorrow or so. People are supposed to stay at home, but you can go shopping for food, medicine, tobacco.
5. How is your mood these days?
Ok, maybe a little worried, but ok, not bad.
6. What are you most satisfied with from before this crisis? Can you give an impression of the efforts against the virus in your location?
My poems. My work. My family, friends, contacts, local and international. The measures against the virus here in Austria and in Vienna have only just started in earnest. There is some criticism that tourism was stopped too late in Tyrol. People who came to ski from all over Europe, and some got sick there, maybe a lot.
7. What is the best thing you have eaten during this crisis?
My wife is at home, so she cooks more. She likes to buy lamb and beef from the Muslim halal butcher at the vegetable market close by. Our vegetables are from there too. My son likes to help with cooking. Today they made lasagna, from scratch. Most food shops are open, even some restaurants for take out. Some Chinese shops have closed. Hope there are still one or two open in the city. But that’s just for spices and sauces like 老干妈.
8. What has worried your family and relations in this crisis?
My parents stay at home. My sister lives very close to them, and her sons help them. One of them is studying to be a doctor, he was working in a hospital. Hope he is ok.
9. In this global crisis, what do you think about poets writing poetry? Have you written poetry in this time?
This is a very good time for writing, reading, translating, even for distributing and discussing poetry, at least online. I have followed the situation in China. People compared the slogans warning you not to go out, some of these were very nasty and violent, to the writing on boxes sent from Japan, relief goods for Wuhan. There was Tang poetry on there, to remind people of their common heritage. Something about mountains and streams, 山川異域, 風月同天. Reminds me of Du Fu, mountains and rivers remain. So people compared this ancient culture to the crude slogans and said we should learn from the Japanese. Then one guy wrote an article in the Yangtze daily 长江日报 on February 12 and quoted Adorno who said poetry after Auschwitz was barbaric, so we don’t need poetry from Japan, because of what the Japanese did in the war. Any simple slogan was better, no poetry required, he said. But Tang poetry is very much what defines China, Chinese culture, also poetry in general. So everyone trashed this guy online. And people wrote even more poetry than before, a lot of it related to the crisis. Poems for Dr. Li Wenliang, the eye doctor from Wuhan who was one of the early whistle-blowers in late December 2019, and got reprimanded, and continued to work and died from the virus. That was world news, everyone knows this, also here in Austria. So in China on the whole there is a creative burst in this crisis, which is a very good thing, it gives hope. Some of these new poems are really very, very good. Yes, I have written a few poems myself. Some are related to China. I’ll see how it goes here in Europe. People have to stay at home, so they have more time for artistic pursuits, making music, for example. Singing from the balconies.
10. When the crisis is over, what are you most eager to do?
Don’t know yet, it has only just started here. Go out, meet people. My book is coming out in China, “Finally We Have Snow”, translated by Yi Sha. Should have come out in February. So I had planned to present the book in China this spring, at the Austrian embassy in Beijing, and at other places, maybe Xi’an etc. Anyway, my expertise is in intercultural, international contact with Chinese language, literature, poetry. So I am most eager to work in this field.
11. What do you think about the global situation?
It has brought people together. It is good for the climate, hopefully also for the social climate locally and internationally. There are always people who play us and them, but people do have a lot in common, much more than we realize. And now we have this one thing in common, globally. Everybody seems to agree on that.
庄生访谈:十一问

1.请您做一下自我介绍?
2.您在哪里过的春节?
3.此次疫情对您产生了哪些影响?
4.您每天是如何打发时间的?
5.您目前的心境如何?
6.回顾疫情之前的岁月,什么让您最满意?您可以就您所在地的疫情及防控情况谈一谈您的感受吗?
7.疫情当中,您吃过最美味的东西是什么?
8.在这次大疫当中,有什么使您的家人很不安?
9.在这次全球流行病中,您对诗人写诗怎么看?您作为诗人写诗了吗?
10.疫情过后,您最想做什么?
11.您对当下,全球疫情形势怎么看?

(请被访问者尽量简洁回答,随稿附上一张生活照和50字以内的简介,感谢!)

 

 

VORAUSSAGE: BLÜTEN GEHEN AUF, SEUCHE GEHT WEG – 獨化

三月 15, 2020

 

 

 

 

 

11 Fragen, gestellt von Zhuang Sheng

 

  • Könnten Sie sich bitte vorstellen?

Ich bin Mittelschullehrer in der Stadt Pingliang, Provinz Gansu. “Anerkannter Pädagoge auf Provinzebene”.

  • Wo haben Sie das Frühlingsfest verbracht?

Daheim.

  • Welchen Einfluss hatte die Viruskrise auf Ihr Leben?

Ich hatte Zeit.

  • Wie haben Sie jeden Tag Ihre Zeit verbracht?

Lesen und Hörbücher hören.

  • Wie ist Ihre Stimmung im Moment?

Entspannt.

  • Im Rückblick auf die Zeit vor der Krise, womit waren Sie am meisten zufrieden? Können Sie etwas über Ihren Eindruck von den Maßnahmen sagen, die an Ihrem Ort gegen das Virus ergriffen wurden?

Ich mag das Gefühl, vor der Klasse zu stehen. Jeder war in seiner Wohnung und ging kaum vor die Tür. Es wurde streng kontrolliert, das war richtig.

  • Was war das Beste, was Sie in der Krise gegessen haben?

Selbstgemachte Jiaozi.

  • Gibt es etwas in dieser Krise, was Ihre Familie sehr beunruhigt hat?

Ob ich genug zu essen und zu trinken bekomme. (Ich war zum Mondneujahr allein zuhause)

  • In dieser globalen Viruskrise, was sagen Sie zu Dichtern, die jetzt Gedichte schreiben? Haben

Sie als Lyriker Gedichte geschrieben?

Ich habe zwei geschrieben. „Muss mich zurückziehen“ und „Vorraussage: Blüten gehen auf, Virus geht weg“.

  • Was möchten Sie nach der Krise am liebsten machen?

Unterrichten! (Meine Klasse soll dieses Jahr die Oberstufe abschließen!)

  • Was meinen Sie zur globalen Situation in der Viruskrise?

Ich sage voraus, ich glaube fest, so wie die Blüten aufgehen, wird das Virus vergehen!

 

Du Hua, Künstlername von Zhang Shiming. 1988 Abschluss der Northwest Normal University, im selben Jahr zugeteilt an die 1. Mittelschule der Stadt Pingliang, unterrichtet auch jetzt dort. Publiziert in vielen Zeitschriften in ganz China. Im März 2015 kam sein Gedichtband „Schwerer Duft“ im Verlag Changjiang Wenyi heraus.

Poesie ist ein Glas Wein, ein Gramm Radium, ein Körnchen Sarira [buddhistische Reliquienasche].

Du Hua
VORAUSSAGE: BLÜTEN GEHEN AUF, SEUCHE GEHT WEG

Kirschbäume in Japan
Hibiskus in Korea
Kamille in Italien
Rosensträucher im Iran

Sie blühen alle zur rechten Zeit,
ganz wie die Kirschbäume in Wuhan.

10. März 2020
Übersetzt von MW am 10. März 2020

 

 

LATERNENFEST – 向佳洁

三月 10, 2020

Xiang Jiajie
LATERNENFEST

Opa auf dem Krankenbett
sieht rundherum Kinder und Enkel,
schließt zufrieden die Augen,
sagt: Jetzt einfach sterben
wär wirklich nicht schlecht.

Alle schauen einander an.

Papa, du musst unbedingt
aushalten, bis die Virus-Krise vorbei ist!

Übersetzt von MW im März 2020

 

KANNST DIR WIEDER DENKEN – 严力

二月 15, 2020

Yan Li
KANNST DIR WIEDER DENKEN

in dieser krise die vom essen kommt
kannst dir wieder denken wie der himmel lenkt
dass die lebewesen auf dieser erde
gleich berechtigte hoffnungen hegen
und jeder ihre hygiene befolgen

nur der mensch ignoriert die wege des himmels
macht den mund auf und will alles schlucken
den ganzen erdball
zerkaut er in seinem selbstherrlichen fresstrieb

2020-01-25
Übersetzt von MW im Februar 2020

 

 

 


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