Posts Tagged ‘郑小琼’

POETRY REPORT

二月 25, 2017

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POETRY

poetry
is impo
rtant
truth
is impo
tent
or is it
or are you

MW February 2017

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REPORT

every report
every detailed incisive report
kind that makes powerful people squirm
is just as important
as any art
any poem
any church, temple
that makes you pause
think
feel
every report

MW February 2017

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KATASTROPHE

八月 3, 2015

GASSE

Hinter dem Bahnhof das Hotel Fuchs.
Fuchsgasse hat meine Oma gewohnt.
Die Wohnung war von einem Juden.
Ihr Mann war im Krieg.
Ist im Krieg geblieben.
Eine Wohnung mit Wasser draußen am Gang.
Meine Oma mit Kind.
Sie ist fast verhungert gleich nach dem Krieg.
Läuft nackt aus dem Haus und kommt nach Steinhof.
Steinhof war ein Ort des Schreckens in Wien.
Eine schöne Kirche von Otto Wagner.
Meine Oma hat viel gearbeitet.
Der Jude ist lange noch dort gestanden.
Mariahilferstraße.
Hat hingeschaut zu seiner Wohnung.
Noch mehrere Tage.
Meine Oma wars nicht hat sie gesagt.
Niemand in der Familie.
Niemand den sie gekannt hat.
Der Jude ist tagelang noch dortgestanden.
Meine Oma hat Maria geheißen.

MW 1. August 2015

 

KATASTROPHE

maia gibt leo eine schallende ohrfeige
ich gebe maia eine schallende ohrfeige
alle weinen

MW Juli/August 2015

Vaterunser

DAS WICHTIGSTE
– für Daniel

das wichtigste war nicht das klo
das klo war wichtig und interessant
es ging um gerechtigkeit
ich hab das gedicht dann ganz übersetzt
wir haben es diskutiert
am lcb in berlin
ein workshop für übersetzer
das wichtigste war die gretchenfrage
wie hältst du es mit der religion
ich sing gerne mit
beim abendmahl bin ich gern dabei
aber ich bin nicht in der kirche
es hat sich so ergeben
ich glaube gern an die revolution
in china glaub ich nicht an die linke
an den widerstand ja
aber nicht an die linken
bevor sie nicht kacken
auf den vorsitzenden
wie hält es yi sha
mit der religion?
er glaubt an poesie
poesie macht dich zu einem besseren menschen
stimmt leider nicht immer
hab ich ihm gesagt
schau dir nur deinen papiertiger an

MW 2. August 2015

 

OSTERN

Christus starb 1944.
Christus starb 1943.
Christus starb 1942.
Christus starb 1941.
Leider auch früher
und später.
Christus starb im Holocaust.
Marc Chagall hat es gemalt.

MW 2. August 2015

HUANG HUA 黄華 – 鄭小瓊 Zheng Xiaoqiong

五月 24, 2015

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Zheng Xiaoqiong 郑小琼: 《女工记》100 Arbeiterinnen
HUANG HUA 黄华

dein baumelnder ärmel reden und lachen
dein dunkles gesicht voller staub aus der betonziegelfabrik
du sitzt auf einem schemel deine kleider schmutzig
von sand und getrocknetem zement dein fettes haar
strohhut und schäbige plastikschuhe …
dein mann arbeitet in einer werkstatt nicht weit von hier
ich wollte deine trauer um deinen arm suchen in wirklichkeit
hast du gar keine du wählst mit einer hand zutaten schneidest gemüse
kochst essen du hast dich gewöhnt dass dir die maschine den halben arm
abgebissen hat du erzählst mir den ganzen vorgang deine gelassenheit
irritiert mich ein bisschen ich kenn das gesetz und die entschädigung
aber du redest von menschlichkeit und gewissen “der chef ist ein guter mensch
außer den ganzen arztkosten hat er noch vierzigtausend gezahlt”
“ich war unvorsichtig der chef ist nicht schuld” du schlitterst
immer weiter in selbstbeschuldigung hörst nicht auf zu plappern
wie jemand in einem film der weiß gott was getan hat ich hatte vor
dich zu trösten dich erzählen zu lassen von deinem unglück
in deiner erzählung war es für dich nicht so schlimm wie für deinen chef
du redest davon was dir vierzigtausend gebracht haben
zum beispiel dein haus auf dem land in sichuan deine tochter an der uni
bist dankbar für die vierzigtausend für die situation in deiner familie
ich war sehr ungeduldig über die ganze gesellschaft
ich war müde und feindselig muss ab jetzt von dir lernen
freundlichkeit und liebe
dein baumelnder ärmel ich habe noch etwas verstanden
ich wollte dir erzählen vom kampf um dein recht von der art zu leben
die ich verstehe aber dann hab ich nichts zu sagen
ich sitz nur und hör dir zu du malst dir die zukunft
ein schöner ausblick eine vierzigjährige arbeiterin
froh dass es der linke arm war froh dass es sie war
– ein frauenarm – wär es ein männerarm –
von deinem mann wär es schwieriger ….

2012
Übersetzt von MW, 2015

Huang Hua

KNIEND UM LOHN BITTEN – 郑小琼 – KNEELING, DEMANDING THEIR WAGES

五月 13, 2015

Zheng Nah

Zheng Xiaoqiong
KNIEND UM LOHN BITTEN

sie huschen wie wandelnde seelen am bahnhof
an der maschine in der industriezone im schmutzigen mietquartier
ihre gestalten sind dünn wie messer, weisses papier,
haarsträhnen, luft. mit ihren fingern schneiden sie
eisen. filme. plastik … müde und taub sind sie
wandelnde seelen verpackt in maschinen
arbeitskleidung fließband ihre blitzenden augen
jugendlich huschen sie in ihrem
graudunklen strom ich kann sie nicht unterscheiden
steh ich unter ihnen sind wir auch nicht unterscheidbar
hautsäcke glieder bewegungen unbestimmte blicke lauter
unschuldige gesichter ständig werden sie aufgestellt organisiert
strukturiert ameisenvolk der elektronik bienen der spielzeugfabrik
sie lächeln stehen rennen bücken krümmen sich
werden verkürzt ein paar hände schenkel
sie werden festgedrehte schrauben abgetrennte metallflächen
gepresstes plastik gebogenes aluminium geschnittener stoff
ihr enttäuschter zufriedener erschöpfter glücklicher
aufgelöster hilfloser einsamer … ausdruck
sie kommen aus dörfern weilern gruppen ihre
intelligenten ungeschickten zaghaften feigen …
heute knien sie vor all den hohen hellblitzenden fenstern und türen
wachleute in schwarz glänzende autos grüne mandarinenbäumchen
das goldene fabriksschild gleißt in der sonne
sie knien vor dem fabrikstor halten ein stück karton
mit ungelenker schrift “gebt uns mit schweiß und blut verdientes geld”
furchtlos knien sie zu viert vor dem fabrikstor
die leute um sie herum vor ein paar tagen ihre kolleginnen
aus denselben dörfern freundinnen chefinnen mitarbeiterinnen
ausdruckslos betrachten sie diese vier arbeiterinnen
schauen zu wie die vier kolleginnen von wachleuten weggeschleift werden
wie eine einen schuh verliert wie einer anderen
die hose aufreißt schweigend schauen sie zu wie die
vier knienden arbeiterinnen weggebracht werden in ihren augen
steht weder freude noch leid … ausdruckslos gehen sie in die fabrik
ihr unglück macht mich traurig niedergeschlagen was soll ich sagen

2012
Übersetzt von MW, 2015

Photos and video recording: Beate Maria Wörz

Photos and video recording: Beate Maria Wörz

郑小琼

《跪着的讨薪者》

她们如同幽灵闪过 在车站

在机台 在工业区 在肮脏的出租房

她们薄薄的身体 像刀片 像白纸

像发丝 像空气 她们用手指切过

铁 胶片 塑料 … … 她们疲倦而麻木

幽灵一样的神色 她们被装进机台

工衣 流水线 她们鲜亮的眼神

青春的年龄 她们闪进由自己构成的

幽暗的潮流中 我无法再分辨她们

就像我站在他们之中无法分辨 剩下皮囊

肢体 动作 面目模糊 一张张

无辜的脸孔 她们被不停地组合 排列

构成电子厂的蚁穴 玩具厂的蜂窝 她们

笑着 站着 跑着 弯曲着 卷缩着

她们被简化成为一双手指 大腿

她们成为被拧紧的螺丝 被切割的铁片

被压缩的塑料 被弯曲的铝线 被剪裁的布匹

她们失意的 得意的 疲惫的 幸福的

散乱的 无助的 孤独的 。。。表情

她们来自村 屯 坳 组 她们聪明的

笨拙的 她们胆怯的 懦弱的 。。。

如今 她们跪着 对面是高大明亮的玻璃门窗

黑色制服的保安 锃亮的车辆 绿色的年桔

金灿灿的厂名招牌在阳光下散发着光亮

她们跪在厂门口 举着一块硬纸牌

上面笨拙地写着 “给我血汗钱”

她们四个毫无惧色地跪在工厂门口

她们周围是一群观众 数天前 她们是老乡

工友 朋友 或者上下工位的同事

她们面无表情地看着四个跪下的女工

她们目睹四个工友被保安拖走 她们目睹

一个女工的鞋子掉了 她们目睹另一个女工

挣扎时裤子破了 她们沉默地看着

下跪的四个女工被拖到远方 她们眼神里

没有悲伤 没有喜悦 。。。 她们目无表情地走进厂房

她们深深的不幸让我悲伤或者沮丧

Zheng stehtZheng Xiaoqiong

KNEELING, DEMANDING THEIR WAGES

they scurry across like wandering souls at the train station

at the machines the industrial zone squalid rented rooms

their thin female bodies like knifeblades like paper

hair fibres air their fingers cut

iron plastic film etc they’re numb and exhausted

like wandering souls packed into machine tables

work clothes assembly lines their glowing eyes

in the bloom of their youth scurrying into the shadowy stream

they created themselves I can’t tell them apart

I am standing among them no one knows who I am a sack of skin

limbs movement vague expressions one harmless

face after another they are always assembled lined up

forming electronics factory anthill toy factory beehive females

smiling standing running bending curling

each simplified into one pair of hands thies

fastened screws cut iron sheets

compressed plastic curved aluminum cut fabric

their frustrated satisfied weary happy

tangled up helpless lonely expressions

they come from villages hamlets valleys teams they’re intelligent

awkward they are weak timid

today they are kneeling before the shining glass windows doors

black-clad security polished limousines green tangerines

gold-emblazoned factory name shining in sunlight

kneeling at the factory gate holding up a cardboard sign

awkward charakters “give us sweat-and-blood-money”

they look quite fearless as they kneel at the factory gate

surrounded by a crowd days ago they were colleagues

from the same province friends coworkers above or below

women without any expression watching four kneeling women workers

watching four colleagues dragged away by security watching

one of the four losing a shoe watching another worker

getting her pants torn in the struggle silently watching

four kneeling women dragged far away in their eyes

there is no sadness no joy without any expression they enter the factory
their tragedy leaving me sad or depressed

Tr. MW, July 2014

Photos: Beate Maria Wörz

Photos: Beate Maria Wörz

LICHTUNGEN 141 奥地利格拉茨《林中空地》文學雜志

二月 12, 2015

MALALAMartin Winter
EINLEITUNG ZUM CHINESISCH-DOSSIER

Am liebsten würde ich ein ganzes Heft gestalten. Das Cover. Malala gewinnt den Friedensnobelpreis. Apple Daily in Hongkong. Malalas Kopf, rundherum alles Chinesisch.
“Ich möchte weder Rache an den Taliban, noch an irgendeiner anderen Organisation. Ich möchte meine Stimme nur dafür erheben, dass jedes Kind ein Recht auf Unterricht hat. Mein Traum ist, dass alle Kinder, auch die Söhne und Töchter der Terroristen und Radikalen, in die Schule gehen können und Bildung bekommen. Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch, ein Stift – kann die Welt verändern.” Hat sie das wirklich gesagt? Ich habe mir ihre Rede angeschaut, auf Youtube. Englisch, Urdu, Pashto. Auf der Bühne mit ihrer Familie. Ihr Bruder, ihre Eltern. Der Bruder wird neidisch sein. Sie bemüht sich sehr um Harmonie, ist wirklich froh, dass auch jemand aus Indien gewonnen hat, der für Kinderrechte einsteht.

Dieses Cover. Nur das Bild. Foto: Apple Daily. Das ist auch schon ein Hinweis auf die Proteste in Hongkong von August bis Dezember 2014. In den USA gab es auch Proteste, für Bürgerrechte, in der Nachfolge von Martin Luther King. Und in Österreich meldet wenigstens das Gratisblatt “Österreich” wieder einmal, dass Strache als Neo-Nazi im Gefängnis war. Strache heißt Furcht und Schrecken. Graz heißt Stadt. Eine wichtige Stadt für die Literatur. Eine gar nicht so heimliche Hauptstadt, zu manchen Zeiten. Für den Schrecken. Für die Literatur, etwas später. Yi Sha 伊沙, der am 17. März in Graz seine Texte vorstellt, die in manchem an Ernst Jandl erinnern, kommt aus Xi’an 西安. Hauptstadt schon vor über 2000 Jahren. Terrakottakrieger. Tang-Gedichte. Von daher kommt Gustav Mahlers Lied von der Erde.

Eine wilde Mischung. Sich der Gewalt stellen. Respekt geben, zeigen, und damit auch fordern. Haben sie das gemeinsam? Yang Lian 楊煉, ein großer Dichter, aktiv und engagiert seit den 1970er Jahren. Liu Zhenyun 刘震云, bis vor zwei Jahren vielleicht bekannter als Mo Yan, auf jeden Fall unterhaltsamer. Richard Claydermann und die Trommeln in den Bergen. Klingt vielleicht eskapistisch. Aber Liu Zhenyun geht es um Aufarbeitung, und um Respekt für die kleinen Leute. Er kommt aus einem armen Dorf und ging zur Armee, um schreiben zu können – wie auch Mo Yan 莫言 und manche andere.

Respekt zeigen, und damit einfordern. Zheng Xiaoqiong 郑小琼 tritt auch am 17. März in Graz auf. Ihre Texte kommen aus den Fabriken in Dongguan. Das ist im Perlflussdelta, nicht weit von Kanton 広州, Hongkong 香港 und Shenzhen 深圳. Xu Lizhi 许立志 sprang in Shenzhen in seinen Tod. Bei Foxconn 富士康, wo sich schon viele Arbeiter und Arbeiterinnen umgebracht haben. Foxconn fertigt Computer und Telefone für Apple. Xu Lizhi war ein sehr begabter Dichter. Bei Zheng Xiaoqiong kommen viele Kolleginnen vor, die nicht mehr am Leben sind. Oft wegen Unfällen. Viele sind auch verschwunden.

Respekt zeigen, und Hoffnung geben. Wie Malala. Viele Frauen sind in diesem Dossier, verglichen mit anderen Kunstsammlungen, nicht nur chinesischen. Fünf Frauen, von elf Autorinnen. Zwei mit Prosatexten. Zheng Xiaoqiong hat sehr gute Reportagen geschrieben, leider habe ich bis zum Redaktionsschluss noch keine fertig übersetzt. Aber von Zheng Xiaoqiong kommt bald ein Buch in Österreich heraus, mit Reportagen und Gedichten. Bei FabrikTransit. Und in Wien gibt es am 20 März am Ostasieninstitut der Universität Wien einen Workshop mit Zheng Xiaoqiong, auf der Grundlage von einer Reportage und anderen Texten. Und eine Lesung gibt es, veranstaltet vom Institut für Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst.

Hao Jingfangs 郝景芳 Science-Fiction-Geschichte ist der längste Text in diesem Dossier. Widerstand. Wie ist Widerstand möglich, wenn aller Widerstand gegen den Staat längst gebrochen wurde?
Kaufen Sie das Heft, lesen Sie, wie es geht. Oder lesen Sie von Ma Lans 马兰 ”Doppeluterus“, und unerklärlichen Spuren im Schnee. Von Liu Xias 刘霞 Charlotte Salomon. Soll noch einer sagen, chinesische Literatur sei nur über China. Alle Beiträge reden über Respekt, und über Rechte. Sehr allgemein.

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TO MY COUNTRY

九月 13, 2013

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Zheng Xiaoqiong
TO MY COUNTRY

cannot abandon this country, five thousand years of meager creeks and cold peaks
five thousand years having a band of whores erecting gateways for memory
its people industrious, intelligent, brave
and used by these whores, pressed to their last drop of blood
cannot abandon this country, connected from birth inseparably
my tears becoming one of its rivers, drinking its juices
slurping its blood, look at these whores telling lies as their trade
poets are used to the emperor’s new clothes, no-one plays a small child
I cannot abandon this country, nor am I having these whores banish me
getting angry is fruitless, I’d rather become another Sisyphus
and even for dying, it is on its earth where I am going to sleep

Tr. MW, Sept. 2013

郑小琼
《给祖国》

不能放下这个国度,它五千年的水瘦山寒
五千年它让一群婊子们立满了牌坊
它的人民勤劳、勇敢、智慧
也被这些婊子们利用,柞尽了最后一滴血
不能放下这个国度,出生就注定与它不能解除关系
我的哭泣将会成为它的一条河流,喝着它的汁
饮着它的血,看婊子们对它撒谎成性
习惯了皇帝的新装,诗人们也不肯做一次小孩
不能放下这个国度,无论是遗弃或者被婊子们放逐
我的血液里仍将有爱,有着因爱而生成的愤怒
这愤怒注定是徒劳,我宁愿再做一个西西弗斯
哪怕就是死去,我也要在它的土地上安眠

Zheng Xiaoqiong MUTE 《喑哑》


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