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Liao Yiwu 廖亦武: SALUTIERT DEN VERDÄCHTIGEN! 向那些涉嫌犯罪的人致敬

一月 15, 2020

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FAZ-Feuilleton:SALUTIERT DEN VERDÄCHTIGEN!

法蘭克福匯報,2020年1月10日發表


SALUTIERT DEN VERDÄCHTIGEN!
向那些涉嫌犯罪的人致敬
Aus dem kommenden Buch „Der Jordan fließt durch Chengdu“
選自《約旦河穿過成都》
Von Liao Yiwu
Übersetzt von Martin Winter

Meinem Freund Wang Yi wurde in der Vorweihnachtszeit im Geheimen der Prozess gemacht, dann wurde er vom Mittleren Volksgerichtshof von Chengdu zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Die Behandlung entspricht der für meinen 2017 in der Haft verstorbenen Freund, den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Deshalb veröffentliche ich hier als Protest dagegen einen Ausschnitt aus dem neuen Buch, an dem ich gerade schreibe: „Der Jordan fließt durch Chengdu“.

Erst viele Jahre später, nachdem er sie mir gegeben hat, habe ich endlich Wang Yis Gedichte gelesen. Erst als er und seine Frau Jiang Rong schon verhaftet und der „Anstiftung zum Umsturz“ angeklagt waren. Ich habe selbst in der Nacht des Massakers von 1989 das lange Gedicht „Massaker“ geschrieben und auf Tonband gesprochen. Deswegen war ich vier Jahre im Gefängnis, und als ich herauskam, hatte ich einen Abscheu gegen Dichter in den Knochen. Abgesehen von Höflichkeitsgesten habe ich deshalb nie mehr ernsthaft Werke von Leuten aus meiner Generation gelesen. Wang Yi, der jünger ist als ich, hat mir unzählige Male Gedichte und sogar Gedichtbände geschickt. Manchmal hat er sogar etwas gesagt: „Alter Liao, bitte gib mir doch einen kleinen Kommentar, auch wenn es dir nicht gefällt, streich nur an und verbessere es einfach.“ Ich habe immer den Kopf geschüttelt: „Ich bin nur Musikant, kein Dichter.“ Wang Yi war peinlich berührt, er hat mich angeschaut, und nach einer Weile erst hat er gesagt: „Na dann nicht.“

Im Buddhismus sagt man, was du schuldest, zahlst du irgendwann doch zurück. Wang Yi war jahrelang mein bester Freund, abgesehen von Familie war er mir am nächsten. Wir haben oft geplaudert und sind am Stadtrand spazieren gegangen. Er hat mich gerne eingeladen und war nie geizig. Wenn irgend etwas los war, hat er sofort für mich sein Wort eingelegt, abgesehen von dem Zuspruch, den er mir immer gegeben hat. Aber ich hab das völlig unbewegt einfach als selbstverständlich empfunden – ich hatte ja „Massaker“ geschrieben und war über Nacht zum Helden geworden, obwohl das schon eine Weile her war und mir die Leute mittlerweile auf dem Gehsteig ausgewichen sind wie einem Haufen Hundescheiße. Meine innere Verfassung war auch verändert; wenn ich allein war, hab ich an die Folter und die Erniedrigungen im Gefängnis gedacht und geweint, ich hab mir sogar an die Brust geschlagen. Ich hab mir vorgesagt, du darfst nie wieder verhaftet werden. Ein geprügelter Hund mit gebrochenem Rückgrat. Das Einzige, das mir meine Selbstachtung erhalten hat, war das Schreiben nicht aufzugeben. Ich hatte Angst vor dem Vergessen, also hab ich alles aufgezeichnet über die Menschen, denen ich begegnet war. Aber Wang Yi und auch Yu Jie, die haben mir am meisten geholfen, und ich habe sie fast nie erwähnt.

Außerdem hat Wang Yi wirklich ein großes Talent als Dichter!

In dieser Zeit schreib unbedingt ein verdächtiges Gedicht!
Eine Zeile Chinesisch stürzt eine Regierung.
Ein Sonett mit vierzehn Zeilen stürzt 14 Regierungen.

Auf dem Maskenball lass dich erkennen
von denen, die dich kennen. Die anderen lass dich ja nicht erkennen.

In dieser Zeit schreib ein Gedicht, das dem Führer Angst macht!
Eine Metapher ist eine Atombombe.
Die Sängerin weiß nichts, absurdes Papier, Tränen ums verlorene Land.

In den schlimmsten Tagen kommen die höchsten Wellen.
Der Tod, als Gefangener, festgehalten vom Wasser.

Wer ist kein Angehöriger politischer Gefangener?
Wer ist kein Hinterbliebener wandernder Seelen?
In dieser Zeit sag ein Gedicht auf, das sind zwei, drei Verbrechen.
Wenn du nichts aufsagst, wirst du aufgesagt.

In dieser Zeit führen Blinde Selbstgespräche,
heilig, heilig, heilig. Blinde fragen Taube, hast dus gesehen?

In dieser Zeit schreib ein verdächtiges Gedicht!
Salutiert den Verdächtigen!

Das ist von 2015. Jiang Rong und er waren schon lange getauft, und waren schon alte Bekannte auf Wachstuben und im Polizeikommissariat. Weit entfernt vom Dicken Wang, der mit mir im Drei-Eins-Buchladen auf der Zhazi-Straße herumgesessen und Tee getrunken hat. Das ist ein Heldengedicht, das auf einmal herausspringt aus der anhaltenden allgemeinen Gemeinheit nach dem Massaker vom 4. Juni 1989. Es lässt mich an Filme denken wie Braveheart oder Der letzte Mohikaner. Am Ende von Braveheart wird der Held von den königlichen Soldaten gefesselt aufs Schafott geführt. Ein Priester kommt und fragt ihn, ob er bereut. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, alles ist still, und er brüllt mit letzter Kraft: „Freiheit!“
Der Henker lässt die Axt niedersausen. Wang Yi hat dieser Film sehr gefallen, aber er hat auch vorausgeahnt, dass er selbst um seinen Kopf fürchten muss. Er war zwar Pastor, aber er war eben nicht mehr irgendein Stammgast im Drei-Eins-Buchladen, der sowohl in den Alltag als auch in die Bibliothek und in Gelehrsamkeit eintauchen konnte. Sein guter Freund aus Studentenzeiten, der Schriftsteller Lei Ligang, erinnert sich:

„Damals waren sie ziemlich arm. Einmal waren wir zusammen im Carrefour, und Wang Yis Frau Jiang Rong hat vor den vollen Regalen geseufzt: „Wenn wir nur eines Tages einfach kaufen könnten, was wir gerne essen!“ Das hat mich traurig gemacht, wir haben alle zu den Schwachen gehört, die beim Lebensmittel-Einkaufen genau auf den Preis achten müssen.Damals waren wir vier, also Jiang Rong und Wang Yi und Yuhuan und ich, wir waren jeden zweiten Tag beisammmen, wir haben gegessen und Karten gespielt. Yuhuan und ich, wir waren vom Temperament her die Stärkeren, Wang Yi und Jiang Rong waren viel sanfter und nachgiebiger. Jedesmal haben Yuhuan und ich ausdiskutiert, was und wie gespielt wird; wenn wir uns dann einig waren, haben die anderen gleich zugestimmt. Aber in Wirklichkeit haben die zwei viel schärfer gesehen, was in dieser Welt los ist, das haben sie in den Knochen. Wenn das jemand hat, und dann noch im Leben so sanft sein kann, das muss ich einfach bewundern. Gerade weil ich es selbst nicht kann, habe ich davor immer noch Achtung. Wang Yi ist im selben Jahr geboren wie ich, aber ich habe ihn jahrelang immer wieder als einen viel Älteren empfunden, für den ich Respekt haben muss.

Auch wenn es ihm bestimmt sein mag, aber was hat er durchgemacht, das aus dem sanften Wang Yi, den Lei Ligang beschrieben hat, ein solcher Don Quichotte geworden ist? Was geht da innerlich in ihm vor? Dazu hat er nicht lange nach dem oben zitierten Heldengedicht auch einen wichtigen Text geschrieben:

 

Wang Yi
GIB MIR EIN PAAR MINUTEN UM TRAURIG ZU SEIN

Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Soviel ist passiert, das lässt einen ersticken.
Lass mich ein bisschen schwach sein,
im dunklen, abgeschlossenen Zimmer,
wie meine Freunde, die sie abgeführt haben,
in der Nacht abgeführt haben wie Jesus,
durch die Stadt, die böse geworden ist.
Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein,
ich erwarte die Freude, überraschende Freude.
Unterbrich mich nicht durch Hüsteln,
sag mir nichts weiter, nur ein paar Minuten
lass mein Handy stumm sein, kein Kurier soll an die Tür klopfen.
Ich muss allein sein mit meiner erstickenden Seele,
auch wenn die Welt gerade jetzt einstürzt,
wenn ein wichtiger Mensch gerade jetzt stirbt,
das ist für mich alles als wär nichts geschehen.
Denn ich bin traurig
wie eine Frau mit zerrauften Haaren.
Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Ich will mich nicht waschen, will mich nicht kämmen,
will nicht herauskommen, will dich nicht sehen.
Dafür, dass der Tränen-Damm bricht
wegen einer unglaublichen Nachricht
gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Damit das Licht noch mehr sticht,
damit ich hunderttausendmal üb
für den Augenblick wenn du zur Tür hereinkommst.

2015-07-11, Rüsttag

 

Lieber Dicker Wang, ich hab es endlich gelesen, ich hab es angeschaut und werde dafür sorgen, dass es noch mehr Leute lesen und sehen. Du bist im Gefängnis, und ich muss dir einfach ein paar Minuten geben, oder ein paar Jahre, oder noch länger. Ich werde nicht schreien wie früher, und auch nicht einfach verschwinden, wie damals, als ich aus China geflohen bin. Vielleicht muss ich auch einmal richtig bereuen, haha, du weißt, das war nicht ernst gemeint, einen lahmen Hund hebt man nicht auf die Mauer. Lei Ligang kennt dich besser als ich, aber er hat noch viel weniger aufgemuckt […]

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向那些涉嫌犯罪的人致敬
——選自《約旦河穿過成都》

廖亦武

我的朋友王怡在聖誕前夕被秘密開庭,隨後被成都中院判刑9年——這對待他的手法,跟對待我的另一個朋友劉曉波的手法一樣。所以我在這兒貼出尚未完成的《約旦河穿過成都》中的一節,以示抗議。我會在2020年寫完這本書:
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多年之後,我終於一字一句讀完了王怡的幾首詩,而他和蔣蓉已經以“煽動顛覆國家政權罪”被捕入獄。我自從在大屠殺之夜寫作并朗讀長詩《大屠殺》,坐牢四年出來,就從骨子裡瞧不起詩人,除了客套,我從未認真讀過任何同代人的作品。即使“晚輩”王怡無數次贈送詩和詩集,有時候甚至委婉地提到:“老廖,還是指點一下嘛,看不慣就順帶幫著改一下嘛。”我都搖頭道:“我是藝人,不是詩人。”於是王怡尷尬地望著我,半晌才說:“那就算了。”

佛家有句俗語:欠的總要還的。那些年,除開家屬,王怡是對我最友善的人類,經常一塊閑聊和郊遊,請客從不吝嗇,稍微出點事,他總是第一時間為我呼籲,日常的噓寒問暖就別提了。而我卻沒心沒肺,覺得一切理所應當——因為我寫過《大屠殺》,做過一夜英雄——儘管時過境遷,我已淪為人行道上人人繞行的狗屎。我的心態也變了,一個人的時候,回想坐牢受到的種種虐待和羞辱,就氣緊淚流,甚至捶胸頓腳。我告誡自己再也不能進去了,一條狗,脊樑骨被敲斷,只能認慫。唯一瞧得起自己的,是沒放棄寫作,由於怕被遺忘,我記錄了物是人非的一切。卻極少提到對我幫助最大的王怡和余杰。

況且,王怡真的有詩歌天才:

在這個時代,你必須寫一首涉嫌犯罪的詩。
一排漢語,可以顛覆一個政權。
十四行詩,可以顛覆十四個政權。

在秘密的化裝舞會上,讓認出你的人
認出你來。認不出你的,更加認不出你。

在這個時代,你必須讓領袖害怕一首詩。
一個比喻,是一枚核彈。
商女不知,滿紙荒唐言,一把亡國淚。

在最糟糕的日子,也有巨大的湧浪襲來。
死亡,成了囚犯,被水羈押著。

誰不是政治犯家屬呢?誰不是鬼魂的未亡人?
在這個時代,你朗誦一首詩,涉嫌三、五個罪名。
你不朗誦,你就被他們朗誦。

在這個時代,瞎子吶吶自語。
神聖,神聖,神聖。瞎子問聾子,你看見了嗎?

在這個時代,你必須寫一首涉嫌犯罪的詩。
向那些涉嫌犯罪的人致敬。

這是2015年的作品。他和蔣蓉受洗歸主已久,并多次出入派出所和公安局,與我一塊在柵子街三一書店喝茶閑坐的王胖子相去甚遠——這是六四大屠殺之後的漫長平庸之惡中突然躍升的英雄詩篇,令人聯想美國電影《勇敢的心》或《最後一個摩根戰士》。在《勇敢的心》結尾,主人公被國王衛隊綁赴斷頭臺,御用神父來到身邊問他是否懺悔?全場人頭攢動,鴉雀無聲,而他卻拼盡最後的力氣大吼一聲:“自由!!”

劊子手落下巨斧。對此片頗為贊賞的王怡也預感到自己頭頂的巨斧終將落下,雖然是牧師,可他已不是三一書店的查常平和彭強,可以沉入書齋、日常和學術。他的大學同窗好友兼作家雷立剛回憶道:

……那時很窮困。記得有一次在家樂福,王怡的妻子蔣看著滿滿的貨架說:“要是將來我們可以想買什麼吃的就買什麼吃的,那就好了。”我聽了,很傷感,我們都是這個世界的弱者,以至於想買什麼吃,都得先仔細看看價格。那幾年,我,玉環,王怡,蔣,我們四個,幾乎隔天就聚在一起吃飯,打撲克牌,我和玉環個性都很強,而王怡與蔣則溫和得多,每次關於如何玩耍的安排,總是我和玉環爭論,得出結論,而後他倆立即贊同。但實質上,他倆在骨子裡,對於這個人世,比我們尖銳很多。骨子裡如此尖銳的人在生活中對人如此溫和,實在令我欣賞不已。我對那些我無法做到的,往往還是有幾分敬意的。因此多年來我一直敬重王怡,儘管他是同齡人,但很多時候,我會誤以為他是老年人,歲數比我大很多……

儘管命中注定,但要從雷立剛眼中的外柔內剛的王怡過渡到晚近唐吉柯德式的王怡,卻要曆經怎樣的熬磨?為此,王怡在寫下上述英雄詩篇不久,又寫了另一首詩:

請給我幾分鐘難過的時間
最近太多事情,令人窒息
請讓我軟弱片時
在黑暗的房間禁閉片時
像那些被帶走的朋友,在夜裡
哦,和耶穌一樣,在夜裡
穿過變得野性的城市
請給我幾分鐘難過的時間
等待歡樂,歡樂的襲擊

不要用咳嗽打斷我
不要轉換話題,只要幾分鐘
手機靜音,快遞也不要來敲門
我必須獨自面對,靈魂的窒息
如果世界剛好在此時坍塌
如果有重要的人物離世
哦,願這一切,彷彿無事發生
因為我難過得就像
一個蓬頭垢面的女子

請給我幾分鐘難過的時間
容我不洗臉,不梳頭
不肯出來見你

為了淚水的決堤而下
為了一個難以置信的消息
請給我幾分鐘難過的時間吧
為了讓光明更加刺眼
為了讓我千百次地排練
你推門進來的那個瞬間

親愛的王胖子,我讀到了,看到了,還會讓更多的人讀到和看到。你在坐牢,我不得不給你幾分鐘、幾年、甚至更長的時間。我不會像過去那樣大呼小叫,也不會像逃離中國那樣不辭而別。也許我也需要一個決志懺悔,哈哈,你曉得這是假的,癩狗是扶不上牆的,如同比我更理解你、卻更不爭氣的雷立剛……

 

Wang Yi

STEHT AUF, BESUCHT TOTE ANGEHÖRIGE

 

Steht auf, besucht eure toten Verwandten.

Es regnet nicht mehr, Reis steht bis über die Knie.

Glaubst du, wenn gebrochene Knochen geflickt sind,

sind sie stärker als heile?

 

Der Tod ist das Gegenteil von Erschaffen.

So viele Bücher, die mit Tod zu tun haben

gewinnen den Nobelpreis für Literatur.

 

Atmen geht leise weiter voran,

mit greifbaren Dingen erklärt man Dinge dahinter,

oder doch umgekehrt?

 

Steht auf, geht zurück in Heimatorte, die nicht mehr da sind.

Glaubst du, wenn Bäume schwanken, dann kommt erst der Wind?

Und dass nicht der Wind die Bäume bewegt?

 

Versteckt sich der Anfang im Ende, oder ist es ein

verschwommener Mensch, der dauernd nach seinem Bilde

Idole verfertigt?

 

Steht auf, entschuldigt euch bei einem Mann, der schon tot war.

Es ist nicht mehr Winter, dafür bin ich geboren.

Er ist schon gestorben und kann nicht mehr sterben.

Ich habe gelebt, kann nicht noch einmal leben.

 

1. November 2016 in Chengdu

 

 

起來,去看望死去的親人

 

王怡

 

起來,去看望死去的親人
雨水止住,谷秧已高過雙膝
你相信嗎,折斷的骨頭一旦癒合
比完好的更加堅固?

死亡是創造的反義詞
大量的,與死亡相關的書籍
膺獲了諾貝爾文學獎

呼吸仍靜悄悄地進行
以有形之物,解釋無形之物
或者反其道而行之?

起來,返回已消逝的故鄉
你相信嗎,是樹木搖晃,攪起了風
而不是風吹動了樹?

是開端藏在結尾裏,還是一個
面容模糊的人,按著自己的形象
不斷製作偶像?

起來,去向一個死過的人道歉
冬天已往,這是我在世的目的
他死過,就不會再死
我活過,也不能再活

 

2016111,成都

 

 

Wang Yi

GOTT DIESES AUGENBLICKS

 

Gott dieses Augenblicks. Du gehörst

in keine Zeit. Gott von hier,

Gott von dort. Derselbe Gott

auf der Hochzeit, auf dem Begräbnis,

im Gespräch, unterwegs.

 

Gott dieses Augenblicks. Trägst allen Kummer,

trägst unvollkommene Vollkommenheit.

Narben aus der Geschichte, Dunst aus dem Staub,

derselbe Gott. Lässt Katastrophen zu und

gewährst Segen. Richtest und bist barmherzig.

 

Gott dieses Augenblicks. Machst Herzen frei

und Körper krumm. Großer,

winziger, Gott von Weihnachten

und vom Karfreitag.

Gott der Weißen, Gott der Schwarzen.

 

Oh Gott des Augenblicks. Gott der Partei

und des Volkes.

Der Hunde, der Schweine, und derer, die füttern.

Der Richter, der Insassen, Gott von Atombomben

und von Stammzellen.

 

Gott dieses Augenblicks. Von Betlehem,

von Guiyang und Chengdu.

Von Himmelsstämmen und Erdzweigen, von Yin und Yang.

Gott der Linken und der Rechten, der Langlebigen und der früh Verstorbenen,

von allem, was Odem hat, ob es lobt oder ablehnt.

 

20.12.2012, in Erwartung der Feiertage

 

 

此刻的上帝

 

王怡

 

此刻的上帝。不屬於
任何時間。這裏的上帝
那裏的上帝。同一位上帝
在婚禮上,在葬禮上
在對話中,也在行走的路上

此刻的上帝。帶著憂傷
帶著一切不完美的完美
帶著歷史的痕跡,塵土的氣息
同一位上帝。降災禍的,和
賜祝福的。審判人的,和憐憫人的

此刻的上帝。使內心自由
也使身體彎曲。偉大的
渺小的,聖誕節的

受難日的上帝
白人的上帝,和黑人的上帝

哦,此刻的上帝。黨和
人民的上帝
狗的,豬的,和飼養員的上帝
法官和囚犯,原子彈
和乾細胞的上帝

此刻的上帝。伯利恆的
貴陽和成都
天干和地支,陰和陽的上帝
左派和右派,長壽和夭折的
凡有氣息的,或讚美,或拒絕的上帝

2012,12,20,待降節的祈禱。

 

 

VERSCHWUNDENE VERSE – 沈浩波 Shen Haobo

五月 8, 2017

Shen Haobao
VERSCHWUNDENE VERSE

gerade erst vorher
seh ich ein gedicht
ein gutes gedicht
aber der autor weiß es nicht
er weiß nicht einmal was es ist
er ist ein durchschnittlicher dichter
er hat keine ahnung
er wird nie erfahren
dass er so etwas einmal geschrieben hat
besser als alles in seinem leben
es ist einfach ein absatz von ihm
in seinem WeChat freundeskreis
es ist überhaupt kein gedicht
aber ich seh ein gedicht
ich muss kein einziges zeichen ändern
nur zeilen machen und fertig
aber er hat überhaupt keine ahnung
ich werds ihm nicht sagen
ich glaub er kann dieses gedicht nicht gebrauchen

2017-02-12
Übersetzt von MW im Mai 2017

 

NACHRICHTEN 奥地利新聞廣播

一月 18, 2017

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NACHRICHTEN

in niederösterreich
tritt ein landesfürst
wie hat er sich nur so lange gehalten?
am eigenen zopf
an der eigenen glatze?
ein berlusconi-mann
wird martin schulz
also eu-parlamentspräsident
oder so etwas
sicher recht gut für die eu-skepsis
nigeria bombardiert versehentlich
ein flüchtlingslager
obama begnadigt
chelsea bradley manning
in seinen letzten tagen als präsident
wenigstens etwas

MW Januar 2017

 

 

SONDERANGEBOT

wählt van der bellen!
oder doch
fahnder kläffen?
die sonderangebote
sind überzeugend

MW Januar 2017

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Liebe Freunde,

Hoffe, es geht Euch gut. Wir vermissen Beijing und China. Maia wird im September 14. Gestern hat sie mein chinesisches Handy genommen und ein Lied immer wieder laut gespielt. Dann bin ich nach Hause gekommen, und wir haben einen Film auf Chinesisch gesehen. Leo war zuerst irritiert, dann hat es ihm auch gefallen. Er ist 11. Hat noch immer Sprechprobleme. Unsere alten DVDs haben Kratzer. Aber nach wie vor ist der Fernseher nicht angeschlossen, nur zum DVD-abspielen. Unsere Wohnung beim neuen Hauptbahnhof ist schön und angenehm. Wir haben auch Freunde im Haus. Aber wir sind eher am Rand. Österreich ist ein reiches, relativ sicheres Land. Aber politisch fühlt es sich ebenso unsicher an wie China. Anders natürlich, weil ich Österreicher bin. Aber nicht besser. Jackie ist Amerikanerin. Sie ist in Wien geboren. Ihre Oma ist aus Niederösterreich. Ausgewandert nach Holland. Interniert in Djakarta. Überlebt, dann Jackies Mutter geboren. Jackies Vater kommt aus Riga. Im Krieg geflüchtet. Später als Soldat zurück nach Europa. Wie gesagt, uns geht es gut. Österreich ist in Gefahr. Ich übersetze und schreibe. Heuer kommen zwei Bücher heraus.

Juni 2016

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GREAT

十一月 23, 2016

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GREAT

who made A less than great?
who made A a great monster?
how was A’s reputation ten years ago?
how was the economy in 2008?
who was in power then?
no more questions. we have to work now.
we will make …

MW November 2016

FRAUENSCHUHE AUS CHINA – 德国不来梅海外博物馆

十月 12, 2016

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FRAUENSCHUHE AUS CHINA
19. Jahrhundert

Kleine Füße
und die kunstvoll
bestickten Schuhe
welche die Frauen
selbst herstellten
galten als
Schmuck und Stolz
der chinesischen Frau.

Bei den chinesischen Frauen
zeigte das wiederholte Verbot
des Füßebindens
durch den manschurischen Kaiser
keinerlei Erfolg.
Gebundene Füße
wurden somit
in Zeiten der Fremdherrschaft
zu einem nationalen Zeichen
des Chinesentums.

Als reine
Frauentradition
brach die Mutter ihrer Tochter
ab dem Alter von etwa fünf Jahren
erstmals die Füße.

Genauso wie
die Herstellung von Textilien
galt es als wichtige Fertigkeit
die Mütter ihren Töchtern
in den sogenannten Inneren Gemächern
vermittelten.

 

Museumsführer 2013, Übersee-Museum Bremen.
Auswahl und geringe Modifikation eines Verbs:
MW Oktober 2016

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WAHRER TITEL

九月 3, 2016

WWW.NORBERTOASCH.AT

 

o o

(___)

 

OASCH
BRAUCHT
OASCH

 

NORBERT OASCH
BUNDESOASCH

MILANO AND STRESA

七月 14, 2016

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MILANO AND STRESA

what is the difference
poetry and prose
sun-drenched mornings
sun- drenched afternoons
birds
bees
brassbands
harping
sketching
the truth
the castle
lizards
strife and peace
what is the difference

i wonder where they have WiFi in stresa

MW July 2016

LEUCHTSPUR – 新文学 – Neue chinesische Literatur

十月 20, 2015

LEUCHTSPUR LEUCHTSPUR 001LEUCHTSPUR 002LEUCHTSPUR 003LEUCHTSPUR 005LEUCHTSPUR 022

LEUCHTSPUR – 新文學雜誌 – Neue chinesische Literatur

Seit 2011 in englischer Sprache, seit 2015 erstmals in deutscher Übersetzung:

„Die besten neuen chinesischen Erzählungen und Poesie aus China“ verspricht das Literatur-Magazin LEUCHTSPUR.

Erhältlich beim Löcker Verlag Wien. 288 Seiten. Normalpreis 15 Euro, Sonderpreis für die erste Ausgabe unter 10 Euro inkl. Versandkosten! Anfragen bitte an Dr. Alexander Lellek, Löcker Verlag, Email lverlag@loecker.at

時間:10月21日 下午 3 點 Präsentation am Mittwoch, 21. 10. 2015 um 15 Uhr

維也納大學漢學系 Institut für Ostasienwissenschaften / Sinologie
1090 Vienna, Spitalgasse 2, Hof 2, Tür 2.3, Tel.: +43-1-4277-43840

LEUCHTSPUR 011LEUCHTSPUR 009LEUCHTSPUR 008 Zhang HuiwenLEUCHTSPUR 010LEUCHTSPUR 014 Li Qi LEUCHTSPUR 006

 

TEEBEUTELKREUZUNG

四月 23, 2015

TEEBEUTELKREUZUNG

in einem roman von wolf haas
über die missionarsstellung
zieht der erzähler
über das wort t-kreuzung her
die t-kreuzung gebe es gar nicht
das sei ein amerikanismus
ich habe einen vorschlag:
teebeutelkreuzung

MW April 2015

LICHTUNGEN 141 奥地利格拉茨《林中空地》文學雜志

二月 12, 2015

MALALAMartin Winter
EINLEITUNG ZUM CHINESISCH-DOSSIER

Am liebsten würde ich ein ganzes Heft gestalten. Das Cover. Malala gewinnt den Friedensnobelpreis. Apple Daily in Hongkong. Malalas Kopf, rundherum alles Chinesisch.
“Ich möchte weder Rache an den Taliban, noch an irgendeiner anderen Organisation. Ich möchte meine Stimme nur dafür erheben, dass jedes Kind ein Recht auf Unterricht hat. Mein Traum ist, dass alle Kinder, auch die Söhne und Töchter der Terroristen und Radikalen, in die Schule gehen können und Bildung bekommen. Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch, ein Stift – kann die Welt verändern.” Hat sie das wirklich gesagt? Ich habe mir ihre Rede angeschaut, auf Youtube. Englisch, Urdu, Pashto. Auf der Bühne mit ihrer Familie. Ihr Bruder, ihre Eltern. Der Bruder wird neidisch sein. Sie bemüht sich sehr um Harmonie, ist wirklich froh, dass auch jemand aus Indien gewonnen hat, der für Kinderrechte einsteht.

Dieses Cover. Nur das Bild. Foto: Apple Daily. Das ist auch schon ein Hinweis auf die Proteste in Hongkong von August bis Dezember 2014. In den USA gab es auch Proteste, für Bürgerrechte, in der Nachfolge von Martin Luther King. Und in Österreich meldet wenigstens das Gratisblatt “Österreich” wieder einmal, dass Strache als Neo-Nazi im Gefängnis war. Strache heißt Furcht und Schrecken. Graz heißt Stadt. Eine wichtige Stadt für die Literatur. Eine gar nicht so heimliche Hauptstadt, zu manchen Zeiten. Für den Schrecken. Für die Literatur, etwas später. Yi Sha 伊沙, der am 17. März in Graz seine Texte vorstellt, die in manchem an Ernst Jandl erinnern, kommt aus Xi’an 西安. Hauptstadt schon vor über 2000 Jahren. Terrakottakrieger. Tang-Gedichte. Von daher kommt Gustav Mahlers Lied von der Erde.

Eine wilde Mischung. Sich der Gewalt stellen. Respekt geben, zeigen, und damit auch fordern. Haben sie das gemeinsam? Yang Lian 楊煉, ein großer Dichter, aktiv und engagiert seit den 1970er Jahren. Liu Zhenyun 刘震云, bis vor zwei Jahren vielleicht bekannter als Mo Yan, auf jeden Fall unterhaltsamer. Richard Claydermann und die Trommeln in den Bergen. Klingt vielleicht eskapistisch. Aber Liu Zhenyun geht es um Aufarbeitung, und um Respekt für die kleinen Leute. Er kommt aus einem armen Dorf und ging zur Armee, um schreiben zu können – wie auch Mo Yan 莫言 und manche andere.

Respekt zeigen, und damit einfordern. Zheng Xiaoqiong 郑小琼 tritt auch am 17. März in Graz auf. Ihre Texte kommen aus den Fabriken in Dongguan. Das ist im Perlflussdelta, nicht weit von Kanton 広州, Hongkong 香港 und Shenzhen 深圳. Xu Lizhi 许立志 sprang in Shenzhen in seinen Tod. Bei Foxconn 富士康, wo sich schon viele Arbeiter und Arbeiterinnen umgebracht haben. Foxconn fertigt Computer und Telefone für Apple. Xu Lizhi war ein sehr begabter Dichter. Bei Zheng Xiaoqiong kommen viele Kolleginnen vor, die nicht mehr am Leben sind. Oft wegen Unfällen. Viele sind auch verschwunden.

Respekt zeigen, und Hoffnung geben. Wie Malala. Viele Frauen sind in diesem Dossier, verglichen mit anderen Kunstsammlungen, nicht nur chinesischen. Fünf Frauen, von elf Autorinnen. Zwei mit Prosatexten. Zheng Xiaoqiong hat sehr gute Reportagen geschrieben, leider habe ich bis zum Redaktionsschluss noch keine fertig übersetzt. Aber von Zheng Xiaoqiong kommt bald ein Buch in Österreich heraus, mit Reportagen und Gedichten. Bei FabrikTransit. Und in Wien gibt es am 20 März am Ostasieninstitut der Universität Wien einen Workshop mit Zheng Xiaoqiong, auf der Grundlage von einer Reportage und anderen Texten. Und eine Lesung gibt es, veranstaltet vom Institut für Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst.

Hao Jingfangs 郝景芳 Science-Fiction-Geschichte ist der längste Text in diesem Dossier. Widerstand. Wie ist Widerstand möglich, wenn aller Widerstand gegen den Staat längst gebrochen wurde?
Kaufen Sie das Heft, lesen Sie, wie es geht. Oder lesen Sie von Ma Lans 马兰 ”Doppeluterus“, und unerklärlichen Spuren im Schnee. Von Liu Xias 刘霞 Charlotte Salomon. Soll noch einer sagen, chinesische Literatur sei nur über China. Alle Beiträge reden über Respekt, und über Rechte. Sehr allgemein.

681832015

Worldwide Reading

六月 1, 2013

WWR Li Bifeng Plakat
Li Bifeng: A NOTE FROM PRISON

In the summer of 1992, in a vegetable garden on the roof of a shed housing inmates of the Sichuan Province Prison # 1, I spent three days alone with the old prisoner Zhang Fafu, who had been transferred to this prison at Nanchong from forced labor at a coal mine. Our task was to build a wall out of plastic parts and wire at the side where the roof garden faced the bathing pool, to prevent other prisoners from secretly watching the women taking their baths down below. I got this assignment at that time because my sentence was short, I was working at the kiosk of my unit and wasn’t considered a common criminal. So the cadre chose that old prisoner from the coal mine and me.

From the second day on he told me everything about himself. From his talking, I could feel the jolts in his soul. He had attended high school before Liberation in 1949, he loved reading and understood a lot of things; he even liked poetry. He asked me so often until I had no choice but to give him one of the poems I had written. A few days later, I was transferred. After I arrived at Prison # 3, someone from # 1 came to go over my accounts. That’s when I heard something happened to Zhang Fafu. He had taken the plastic parts from our wall, tied them to is arms and jumped from a building. He wasn’t dead, but he became a vegetable.

I don’t know if he read my poem. Later, when I was released from Prison # 3 upon completion of my sentence, I stuffed the original manuscript of this poem into a bamboo flute I had got from Liao Yiwu, and blocked the hole at the bottom with soap. This way I got to take the poem with me. All these years, whenever I think of Zhang Fafu, I think of our plastic wall. It’s not the same as the wall in my poem, but now I cannot separate the poem from Zhang Fafu.

Tr. MW, 2013

Translator’s note: Li Bifeng’s NOTE and the following poem (http://wp.me/PczcX-zk) are part of his novel Wings In The Sky (天空中的翅膀). One chapter is available on the LIBIFENG2012 WordPress site. The main characters are an old prisoner, a bird and a woman who lives in a shed not far from the prison with her daughter. The plot is rather interesting.


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