Xu Gangtie war der Sohn des Bürgermeisters von Pjöngjang.
Jiang Yongzhe war der Sohn des Hofmalers von Kim Il-sung.
Jiang ist mir mehr im Gedächtnis geblieben.
Einmal in Politik und Ökonomie
sagte der Vortragende,
Kapitalismus sei stärker als Sozialismus,
siehe Taiwan und Festland-China,
BRD und DDR,
Südkorea und Nordkorea.
Er hatte kaum “Korea” gesagt,
da schoss Jiang nach vorne
(er stolperte noch auf dem Weg)
und hielt eine flammende Rede.
Er war auch ein tapferer Stürmer
in unserem Team der Chinesischabteilung,
“Acht Vereinigte Mächte”.
Xu spielte nicht bei uns mit.
Er vergnügte sich mit einer Französin,
bis Jiang ihn verriet.
Dazu kam noch ein zweites Verbrechen:
Schwarzwechseln.
Die beiden verschwanden aus unserer Sicht.
Xu durfte angeblich nie mehr ins Ausland.
Jiang fuhr zur Belohnung in die CSSR.
Ich weiß nicht wie es den beiden jetzt geht.
Leben sie noch? Hoffentlich sind sie am Leben,
nicht von Hunden zerrissen, von Kanonen zerfetzt.
Im Rückblick schauderts mich noch.
Zum Glück hat das Schiff, auf dem wir gefahren sind,
uns in eine andere Richtung getragen,
als das Boot, das sie mitgenommen hat.
Der Anstrich war jedenfalls ebenso rot.
ich träume vom himmel
besuch gleich meine mutter
sie wohnt auch hier im betonhaus, 2. stock
als ich hineinkomm
wäscht sie mit einem waschbrett
“warum kaufst du keine maschine? hast du nicht genug geld?”
“das geld spar ich für deine wohnung.”
“aber ich hab schon längst eine wohnung!”
“hier hast du noch keine!”
In my dream
they hung me up,
dipped a whip in cold water
to beat me,
so I should confess.
Their question
was tricky:
“Why do you write poems?”
I told the truth:
“I don’t know.”
The leather lashed as heavy rain,
thicker, harder.
Really couldn’t stand it,
so I roared, “Pain! …”
A miracle happened,
the rain stopped.
in der nacht
geh ich raus aufs klo
sehe
die schaukel
an der weinranke
schwingt noch
mondlicht
sitzt
und freut sich
2015
Übersetzt von MW im Januar 2016
馬非 《小时候》
夜半
出门小便
看见
挂在葡萄架
的那具秋千
还在晃荡
月光
优哉游哉
坐在上面
2015
Ma Fei IN DOUBT
Some people say this country
resembles a public toilet.
Some go further and say
it is a latrine.
I am not of the same opinion.
Whenever I enter such a latrine
I feel I am going to
spit out all my entrails.
In real life
I don’t feel this
all the time.
2015
Tr. MW, 2016
Ma Fei ZWEIFEL
manche sagen dieses land
gleiche einem pissoir
andere meinen sogar
es sei eine latrine
ich hege nicht dieselbe meinung
auf einer latrine
hab ich immer das gefühl
ich spucke alle innereien heraus
sonst im leben
ist das
nicht immer so
Dog poems,
even if they are good ones,
I’m not going to write them,
after my wife said,
“once our son
has left for college,
we’ll get a dog too.”
2016
ENTSCHEIDUNG
hundegedichte
auch wenn sie gut sind
werd ich nicht schreiben
nachdem meine frau gesagt hat
“wenn unser sohn
weit weg auf der uni ist
dann nehmen wir
uns auch einen hund”
my feeling against The People
comes from my childhood,
from the movies I saw.
those guys on the screen
they always killed
in the name of the people
one time they shot
the father of a girl I was fond of
the girl was so desperate
she saw no way out
drowned herself in the river
2016
DAS VOLK
meine abneigung gegen das volk
kommt aus den filmen
aus meiner kindheit
auf der leinwand
haben sie immer
im namen des volkes
leute getötet
einmal
wurde einer erschossen
der war der vater
eines mädchens
das ich gern hatte.
sie war untröstlich
sah keinen ausweg
und ging ins wasser
Concerning the end of a tv drama,
I had an argument with my wife,
it got rather intense.
The revolutionary cadre,
about to take leave from this world,
trembling while reading his file,
secretly printed out by his son,
saying: “You all take a look,
my whole life is blameless
not one little blemish!
I am happy, I am content.”
Then he dies with a smile.
And I ruined it and said:
“He should have been in agony!”
obwohl man sagt
leben ist endloses ertragen
manchmal kann man es nicht mehr halten
würd ich nicht schreiben
für umleitung sorgen
müsst ich explodieren
obwohl ich durchs schreiben
erst richtig erfahre
leben ist endloses ertragen
This summer in Xiaozhai in Xi’an,
on a pedestrian bridge.
A friend from college,
my former girlfriend,
she took my picture but didn’t know it.
Only later she went through her mobile.
She sent it to me, then I realized,
we had been there at the same time,
but missed each other.
She took a photograph of a beggar,
I was in there by accident.
You can see on the photo,
I passed the beggar,
gave him no money.
2015
Tr. MW, 2016
Ma Fei VERPASST
im grad erst vergangenen sommer
xiaozhai in xi’an, eine fussgängerbrücke
dort hat mich meine frühere freundin
und studienkollegin fotografiert
sie hat es zuerst nicht gewusst
später in ihrem handy hat sie mich entdeckt
mir das foto geschickt dann habs ich erst gewusst
wir waren gleichzeitig am selben ort
und haben uns ausgerechnet verpasst
sie hat einen bettler fotografiert
mich dabei zufällig auch aufgenommen
auf dem foto sieht man
ich geh an dem bettler vorüber
und geb ihm kein geld
Tu Youyou received her Nobel
in Stockholm
Biology prize or Medicine prize
and thanked them
on China Central Television
they didn’t air her for long
but I started sweating
I was afraid
the speaker would blurt out:
“This is another victory
for the working masses’ wisdom
of the Chinese people.”
If it was a victory for Chinese medicine,
I guess
that would be ok.
an einem tag
unterwegs
im bus
beim abendlichen spaziergang
haben drei leute
wie ausgemacht
mich dasselbe gefragt:
“da ist etwas in der luft,
es stinkt, riechen sie das?”
ich sag jedesmal
“meine nase ist entzündet”
wie ausgemacht
haben alle drei nicht nur neid im gesicht
sondern antworten auch noch dasselbe:
“entzündete nase haben ist gut!”
tief in meinem traum
hat mich jemand leise erwähnt
ich spitz die ohren
hör nur einen satz
aber das ist genug:
“dieser kerl ma fei
ist ziemlich stolz.”
ich bin gleich erleichtert
und kicher sogar
das war gute nachrede
jedenfalls
für einen dichter
ich glaube nicht
dass der schornstein
der hinter der statue
des dichters Du Fu
in dem ort wo er lebte
fröhlich paffend
schwarze wolken ausstößt
böse absicht ist
im gegenteil
er meint es gut
es ist eine aktion
er will kontrastieren
kontrastieren und stärken
die sorge des dufu
um sein ganzes volk
dieser klassische ausdruck
das ist ihm gelungen
2016
Ma Fei ART PIECE
I don’t think
the smokestack
spouting
clouds of dark smoke
behind Du Fu’s statue
in the town where he lived
was put there with ill will.
On the contrary,
I think it is well-intentioned.
It is a performance,
they want to contrast and emphasize
Du Fu’s great sorrow
for the land and the people
that classic expresssion
it shows very well
martin winter LASST FA UND MI UND IHR TEAM NICHT MEHR ARBEITEN
lasst f und m und ihr team nicht mehr arbeiten
steckt sie in einen lastwagen
schmuggelt sie durch bis nach nordkorea
dann lasst sie stehen
ganz ohne papiere
vielleicht noch ein erdäpfelgulasch
eine portion powidltatschkerln
ein paar buchteln
platzki
dann sollen sie sich durchschlagen
mit versteckter kamera
die wird wahrscheinlich bald konfisziert
also gleich ohne
und ohne handy
vielleicht ein bisschen chinesisches geld
oder ist das zuviel
an mindestsicherung
Österreich ist eine Schande.
Wir haben die Balkan-Route verstopft.
Jetzt wird es wieder wie vor einem Jahr.
Im August war da ein Lastwagen,
ein Lastwagen voller Leichen
auf einer Straße im Osten Österreichs
nicht weit vom Flughafen Wien.
Ungefähr 70 Leichen,
nicht wenige Kinder.
Nach diesem Lastwagen,
wann haben sie dann die Grenzen geöffnet?
Nicht alle Grenzen waren gleich offen.
Aber die Eisenbahn
war für die Flüchtlinge offen,
jedenfalls eine Zeitlang.
Warum sind voriges Jahr
soviele Leute auf einmal gekommen?
Wieviele Jahre ist Krieg in Syrien?
Im Libanon wurden voriges Jahr
die Essensrationen halbiert.
Die UNO hatte kein Geld
für die Flüchtlinge.
Das war lange bekannt. Aber einige Staaten,
darunter Österreich, wollten nicht zahlen.
Also sind viele Leute gekommen.
Wann riskierst du dein Leben,
wann riskierst du das Leben
deiner Kinder?
Unter den Nazis,
wie hat man die serbischen Juden ermordet?
Hauptsächlich mit Lastwagen.
Man hat ihnen irgend etwas versprochen.
Die Kinder hat man mit Zuckerln getröstet.
Und dann auf der Fahrt
gingen die Auspuffgase ins Innere.
Die Methode war praktisch.
Keine langen Eisenbahnwege,
das war zu der Zeit
auch gar nicht mehr sicher.
Wieviele Lastwagen,
wieviele Menschen?
Wieviele Nazis
waren aus Österreich?
Wieviele können sich noch erinnern,
im ehemaligen Jugoslawien,
in Griechenland?
Österreich hat die Balkan-Route verstopft.
Es ist eine Schande.
lieber gott,
faymann ist umgefallen.
bitte kürz ihm die mindestsicherung.
lieber gott,
pühringer war schon am boden.
bitte kürz ihm die mindestsicherung.
lieber gott,
pröll war die beste weltcupgesamtsiegerin.
bitte kürz ihm die mindestsicherung.
lieber gott,
häupl hat wenigstens in wien gewonnen.
bitte lass ihm die mindestsicherung.
Das Papier vor mir ist ein bisschen gelb.
Ich grab dunkle und hellere Zeichen hinein,
lauter Wanderarbeiter-Wörter.
Die Werkstatt, das Fließband, der Ausweis,
die Maschine, die Überstunden, der Lohn …
Ich werde von ihnen vollkommen beherrscht.
Ich werde nicht aufschreien, werd mich nicht wehren.
Niemanden verklagen und mich nie beschweren.
Nur schweigend Erschöpfung ertragen.
Bis der Anfang vorbei ist.
Bis zum Zehnten im Monat der graue Lohnzettel
Trost bringt für alles davor.
Dafür wetz ich Kanten ab, reibe Sprache weg.
Keine Krankheit, kein Urlaub, kein Fernbleiben.
Niemals später aufstehn, niemals früher gehen.
Steh eisern am Fließband mit fliegenden Händen.
So viele Tage, so viele Nächte,
ich schlaf schon im Stehen.
A branch in my orchard
asked me
who was buried down at the back.
A precious place in Fengshui!
I swooped with my scissors
and sent him flying.
A different branch said:
“About the airport up on the mountain
when are they going to start construction?
Will we have to move to some other garden?”
I made no sound
but my scissors dealt with the question.
Another branch wanted an explanation
of the El Niño phenomenon.
I gave him satisfaction,
it was a clean cut.
Then the whole tree was rustling its branches
“What about this year’s apples,
do you have the money in hand?”
I went for my ax
and chopped down the thing.
die pischen uns überall hin!
die pischen am hauptbahnhof überall auf die wände.
ich habs doch gesehen!
freiräume.
das muss man reinschreiben in den vertrag.
noch etwas?
in der wohnhausanlage von uns gegenüber
gibt es ein notquartier.
hat irgend jemand etwas bemerkt?
ich hab was bemerkt.
wir haben schon was bemerkt.
wie haben sie’s bemerkt?
naja, wir haben’s bemerkt.
wie haben sie’s bemerkt?
wir gehen am abend raus mit dem hund.
da haben wir manchmal etwas bemerkt.
was haben sie da bemerkt?
da stehen manchmal mehr flüchtlinge ‘rum.
ich bin dagegen.
das ist doch alles organisiert.
die kriegen 15.000 euro damit sie flüchten.
das machen die ölscheichs.
dann gehen die nicht nach saudiarabien.
hahaha! hahaha!
naja sie lachen!
sie werden schon sehen!
ich weiß wovon ich rede.
die gehen nicht weg.
die regierung soll sich darum kümmern.
wir geben jeder fünf euro
und mieten einen container.
dort haben sie alles duschen und klos.
das kostet 500 euro im monat.
aber nicht hier bei uns.
irgendwo dort am hauptbahnhof.
ich bin dagegen.
aber vielleicht sind einige hier dafür.
dann kann ich nichts machen.
ich möchte wissen von wem geht das aus?
wir haben hier viel geld investiert.
es ist eine genossenschaft.
jeder von uns zahlt einen genossenschaftsanteil.
wir sind keine mieter.
aber wir leben hier in geförderten wohnungen.
alle steuerzahler auch die nicht so schöne wohnungen haben,
die haben alle gezahlt dass diese häuser gebaut werden.
die gehen doch alle nie wieder weg!
das sind notquartiere. nur für den winter. bis april oder so.
das steht alles drin in dem vertrag mit der ngo.
und wie wissen sie was dann passiert?
ich habe erfahrung.
ich komme aus serbien.
ich war in traiskirchen.
meine eltern sind flüchtlinge.
wenn es schon sein muss dann nur familien.
die brauchen das doch am allermeisten.
sonst trau ich mich nicht zu denen hin.
wenn das lauter junge männer sind.
wieviele sind es? da gibt es doch nur ein klo und ein waschbecken.
nein, es gibt zwei.
das wird doch alles organisiert.
wenn sie zum hauptbahnhof gehen
und genau hinsehen
dann löst das etwas aus
dann denkt man anders.
die pischen uns doch überall hin!
Shen Haobo 《差点入狱的那一年之有事烧纸》 IN DEM JAHR ALS ICH FAST IM GEFÄNGNIS WAR HAB ICH PAPIER VERBRANNT
wenn ich es erzähle wirst du mich auslachen
aber auf dieser geheiligten erde
sag am besten nicht
dass du nie und nimmer
so etwas machen wirst
ich ging zum schluss zu einem großen wahrsager
er hat seinen stand beim lamatempel
drei geheiligte kupfermünzen
hält er in seiner hand
sie entscheiden über mein schicksal
“in den trigrammen steht es ganz klar,
für dich gibt es unglück, gefängnis
wenn nicht ein jahr
dann gleich zehn jahre.
einen hat es schon vorher erwischt,
stimmt es nicht?”
— es stimmt verdammt zu genau
“du bist geboren zur mitternachsstunde
im monat der dieser zeit zugehört
wir haben ein hasenjahr
da gibt es einen konflikt
und deine beiden mitternachtszeiten
das macht es noch schlimmer
du hast durch die jahre
behörden geärgert
jemand im amt will dich zurichten
oder stimmt es nicht?”
— es stimmt verdammt zu genau
meister, gibt es noch ein mittel?
der meister brummt vor sich hin
ist es das?
meister, wieviel geld?
ist es das?
… …
so hab ich drei tage
mit meiner frau
um mitternacht
draußen geistergeld verbrannt
108 weisse seiten
aufgetürmt als silberbarren
an der ersten kreuzung südostwärts
von unserer wohnung
in richtung nordwesten verbrannt
433 weisse seiten
aufgetürmt als silberbarren
an der ersten kreuzung nordwestwärts
von unserer wohnung
in richtung südosten verbrannt
im november im kalten wind
wir sind dick eingewickelt
wie ein zottelbärpaar
hocken wir an der kreuzung, verbrennen papier
murmeln heiligen zauber
… …
du sagst am besten nicht
dass du nie und nimmer so etwas tust
die klinge fürs heu
sitzt an deiner kehle
die schüssel fürs blut macht ihren mund auf
der abschied ist nahe
es gibt noch zeit fürs zappeln
irgendwas musst du tun
dir etwas vormachen
dass du noch kämpfst
dein baumelnder ärmel reden und lachen
dein dunkles gesicht voller staub aus der betonziegelfabrik
du sitzt auf einem schemel deine kleider schmutzig
von sand und getrocknetem zement dein fettes haar
strohhut und schäbige plastikschuhe …
dein mann arbeitet in einer werkstatt nicht weit von hier
ich wollte deine trauer um deinen arm suchen in wirklichkeit
hast du gar keine du wählst mit einer hand zutaten schneidest gemüse
kochst essen du hast dich gewöhnt dass dir die maschine den halben arm
abgebissen hat du erzählst mir den ganzen vorgang deine gelassenheit
irritiert mich ein bisschen ich kenn das gesetz und die entschädigung
aber du redest von menschlichkeit und gewissen “der chef ist ein guter mensch
außer den ganzen arztkosten hat er noch vierzigtausend gezahlt”
“ich war unvorsichtig der chef ist nicht schuld” du schlitterst
immer weiter in selbstbeschuldigung hörst nicht auf zu plappern
wie jemand in einem film der weiß gott was getan hat ich hatte vor
dich zu trösten dich erzählen zu lassen von deinem unglück
in deiner erzählung war es für dich nicht so schlimm wie für deinen chef
du redest davon was dir vierzigtausend gebracht haben
zum beispiel dein haus auf dem land in sichuan deine tochter an der uni
bist dankbar für die vierzigtausend für die situation in deiner familie
ich war sehr ungeduldig über die ganze gesellschaft
ich war müde und feindselig muss ab jetzt von dir lernen
freundlichkeit und liebe
dein baumelnder ärmel ich habe noch etwas verstanden
ich wollte dir erzählen vom kampf um dein recht von der art zu leben
die ich verstehe aber dann hab ich nichts zu sagen
ich sitz nur und hör dir zu du malst dir die zukunft
ein schöner ausblick eine vierzigjährige arbeiterin
froh dass es der linke arm war froh dass es sie war
– ein frauenarm – wär es ein männerarm –
von deinem mann wär es schwieriger ….
sie huschen wie wandelnde seelen am bahnhof
an der maschine in der industriezone im schmutzigen mietquartier
ihre gestalten sind dünn wie messer, weisses papier,
haarsträhnen, luft. mit ihren fingern schneiden sie
eisen. filme. plastik … müde und taub sind sie
wandelnde seelen verpackt in maschinen
arbeitskleidung fließband ihre blitzenden augen
jugendlich huschen sie in ihrem
graudunklen strom ich kann sie nicht unterscheiden
steh ich unter ihnen sind wir auch nicht unterscheidbar
hautsäcke glieder bewegungen unbestimmte blicke lauter
unschuldige gesichter ständig werden sie aufgestellt organisiert
strukturiert ameisenvolk der elektronik bienen der spielzeugfabrik
sie lächeln stehen rennen bücken krümmen sich
werden verkürzt ein paar hände schenkel
sie werden festgedrehte schrauben abgetrennte metallflächen
gepresstes plastik gebogenes aluminium geschnittener stoff
ihr enttäuschter zufriedener erschöpfter glücklicher
aufgelöster hilfloser einsamer … ausdruck
sie kommen aus dörfern weilern gruppen ihre
intelligenten ungeschickten zaghaften feigen …
heute knien sie vor all den hohen hellblitzenden fenstern und türen
wachleute in schwarz glänzende autos grüne mandarinenbäumchen
das goldene fabriksschild gleißt in der sonne
sie knien vor dem fabrikstor halten ein stück karton
mit ungelenker schrift “gebt uns mit schweiß und blut verdientes geld”
furchtlos knien sie zu viert vor dem fabrikstor
die leute um sie herum vor ein paar tagen ihre kolleginnen
aus denselben dörfern freundinnen chefinnen mitarbeiterinnen
ausdruckslos betrachten sie diese vier arbeiterinnen
schauen zu wie die vier kolleginnen von wachleuten weggeschleift werden
wie eine einen schuh verliert wie einer anderen
die hose aufreißt schweigend schauen sie zu wie die
vier knienden arbeiterinnen weggebracht werden in ihren augen
steht weder freude noch leid … ausdruckslos gehen sie in die fabrik
ihr unglück macht mich traurig niedergeschlagen was soll ich sagen
2012
Übersetzt von MW, 2015
Photos and video recording: Beate Maria Wörz
郑小琼
《跪着的讨薪者》
她们如同幽灵闪过 在车站
在机台 在工业区 在肮脏的出租房
她们薄薄的身体 像刀片 像白纸
像发丝 像空气 她们用手指切过
铁 胶片 塑料 … … 她们疲倦而麻木
幽灵一样的神色 她们被装进机台
工衣 流水线 她们鲜亮的眼神
青春的年龄 她们闪进由自己构成的
幽暗的潮流中 我无法再分辨她们
就像我站在他们之中无法分辨 剩下皮囊
肢体 动作 面目模糊 一张张
无辜的脸孔 她们被不停地组合 排列
构成电子厂的蚁穴 玩具厂的蜂窝 她们
笑着 站着 跑着 弯曲着 卷缩着
她们被简化成为一双手指 大腿
她们成为被拧紧的螺丝 被切割的铁片
被压缩的塑料 被弯曲的铝线 被剪裁的布匹
她们失意的 得意的 疲惫的 幸福的
散乱的 无助的 孤独的 。。。表情
她们来自村 屯 坳 组 她们聪明的
笨拙的 她们胆怯的 懦弱的 。。。
如今 她们跪着 对面是高大明亮的玻璃门窗
黑色制服的保安 锃亮的车辆 绿色的年桔
金灿灿的厂名招牌在阳光下散发着光亮
她们跪在厂门口 举着一块硬纸牌
上面笨拙地写着 “给我血汗钱”
她们四个毫无惧色地跪在工厂门口
她们周围是一群观众 数天前 她们是老乡
工友 朋友 或者上下工位的同事
她们面无表情地看着四个跪下的女工
她们目睹四个工友被保安拖走 她们目睹
一个女工的鞋子掉了 她们目睹另一个女工
挣扎时裤子破了 她们沉默地看着
下跪的四个女工被拖到远方 她们眼神里
没有悲伤 没有喜悦 。。。 她们目无表情地走进厂房
她们深深的不幸让我悲伤或者沮丧
Zheng Xiaoqiong
KNEELING, DEMANDING THEIR WAGES
they scurry across like wandering souls at the train station
at the machines the industrial zone squalid rented rooms
their thin female bodies like knifeblades like paper
hair fibres air their fingers cut
iron plastic film etc they’re numb and exhausted
like wandering souls packed into machine tables
work clothes assembly lines their glowing eyes
in the bloom of their youth scurrying into the shadowy stream
they created themselves I can’t tell them apart
I am standing among them no one knows who I am a sack of skin
limbs movement vague expressions one harmless
face after another they are always assembled lined up
forming electronics factory anthill toy factory beehive females
smiling standing running bending curling
each simplified into one pair of hands thies
fastened screws cut iron sheets
compressed plastic curved aluminum cut fabric
their frustrated satisfied weary happy
tangled up helpless lonely expressions
they come from villages hamlets valleys teams they’re intelligent
awkward they are weak timid
today they are kneeling before the shining glass windows doors
black-clad security polished limousines green tangerines
gold-emblazoned factory name shining in sunlight
kneeling at the factory gate holding up a cardboard sign
awkward charakters “give us sweat-and-blood-money”
they look quite fearless as they kneel at the factory gate
surrounded by a crowd days ago they were colleagues
from the same province friends coworkers above or below
women without any expression watching four kneeling women workers
watching four colleagues dragged away by security watching
one of the four losing a shoe watching another worker
getting her pants torn in the struggle silently watching
four kneeling women dragged far away in their eyes
there is no sadness no joy without any expression they enter the factory
their tragedy leaving me sad or depressed
you know the smallest number of people who ever came to my exhibition?
four.
myself, the gallery boss, a friend of mine who came all the way from denmark
and an old guy
who was lost.
he lived next door in a home,
mixed up the entrance,
walked in,
saw one painting,
bought it right away,
saying, “this is me!”
the money my mother gave to me and my brother
that was never enough
she hid in the wood stack in the store room
after a while she thought of looking
rats had bitten three bills
into weird crescent shapes
I took them into the city
to the bank
the bank attendant let me tape them
when I taped half a bill together
he gave me half of the money
300 yuan in rat-notes
became a new bill of 100 yuan
I held it up to the sun
it was real, a brand new portrait
of the great man
month of long days
and of strong sun
fresh-bought cabbage
curled at the sides
all turned to mush
it’s graduation day
the day I became a worker
at the cement factory
the day of the operation
my wife borrowed money for from everyone
the birthday of
one of my daughters
the day my father
dies
sun like an oven
there is no way to let father stay
after a hurried funeral
I lead my shaking mother back to the cave onto the kang
no sound from mother
all through the month
there is no sound
löwen haben kein kleingeld dabei
löwen brauchen fleisch zum essen
löwen haben kein kleingeld dabei
löwen haben kein geld dabei
löwen haben kein geld
löwen haben gar kein geld
löwen brauchen fleisch zum essen
löwen sind keine löwen im sternzeichen
löwen haben keine sternzeichen
löwen haben kein geld
löwen können nur in der steppe bleiben
löwen brauchen fleisch zum essen
lions haven’t brought change
lions need to eat meat
lions haven’t brought change
lions haven’t brought money
lions have no money
lions just don’t have money
lions need to eat meat
lions aren’t leo
lions have no zodiac
lions have no money
lions can only stay in the grasslands
lions need to eat meat
Tr. MW, July 2014
Jiang Tao
LÖWEN HABEN KEIN KLEINGELD DABEI
löwen haben kein kleingeld dabei
löwen brauchen fleisch zum essen
löwen haben kein kleingeld dabei
löwen haben kein geld dabei
löwen haben kein geld
löwen haben gar kein geld
löwen brauchen fleisch zum essen
löwen sind keine löwen im sternzeichen
löwen haben keine sternzeichen
löwen haben kein geld
löwen können nur in der steppe bleiben
löwen brauchen fleisch zum essen
taking a walk in the afternoon
I come out of the east gate of fengqing park
and I see
a young woman leaning on a bicycle
talking on her cellphone:
“hello, director chen
just let my kid into your school
on top of the 50,000 sponsoring money
I will add 10,000 for you,
ok? ….”
behind her
on the back seat of the bicycle
sits a little boy
three or four years old
I walk down the street
but after a while
under the afternoon
hot summer sun
I want to cry
not because I am moved
I’m not moved at all
it was no surprise
it was perfectly normal
but I want to salute
the downtrodden masses accepting their fate
myself among them
the great chinese people
actually, they have
just finished their early shift
and found a noodle shop
to let their spent up bodies rest for a while
handmade noodles, two yuan fifty fen
they don’t want to pay any more for the sauce
only a tea-egg
colored much like their skin
happiness rolled into one
they keep the egg and the soup till the end
as if to remind themselves
not to let this darkness
pass into their wives’ pregnant bellies
all these good people at school want to lend you a pencil.
all these good people will rush to pull you up when you fall down.
all these good people won’t help you when you are bullied.
because to the bullies they are also good schoolmates.
all these good people at the army will polish your boots and stand guard for you.
all these good people will lend you money so you can get back to your hometown.
all these good people won’t help you if you are bullied.
because to the sergeant they are also good soldiers.
all these good people at work want to brew you a coffee.
all these good people will listen all night when you’re broken-hearted.
all these good people won’t help you if the boss shouts at you.
because to the boss they are also good workers.
all these good people on the street will pick up your things when you drop them.
all these good people want to give you directions when you are lost.
all these good people won’t help you when your house gets torn down.
because to the government they are also good citizens.
some of these good people will become good police.
some of these good police will protect you against violence.
all these good police won’t help you if there are bad policemen who beat you.
because to the bad policemen they are also good comrades.
all around us the world is full of good people.
all these good people are filled with good intentions.
our world depends on cooperation among these good people.
when it is time we need to stand up by ourselves and step past good people.