Österreich ist eine Schande.
Wir haben die Balkan-Route verstopft.
Jetzt wird es wieder wie vor einem Jahr.
Im August war da ein Lastwagen,
ein Lastwagen voller Leichen
auf einer Straße im Osten Österreichs
nicht weit vom Flughafen Wien.
Ungefähr 70 Leichen,
nicht wenige Kinder.
Nach diesem Lastwagen,
wann haben sie dann die Grenzen geöffnet?
Nicht alle Grenzen waren gleich offen.
Aber die Eisenbahn
war für die Flüchtlinge offen,
jedenfalls eine Zeitlang.
Warum sind voriges Jahr
soviele Leute auf einmal gekommen?
Wieviele Jahre ist Krieg in Syrien?
Im Libanon wurden voriges Jahr
die Essensrationen halbiert.
Die UNO hatte kein Geld
für die Flüchtlinge.
Das war lange bekannt. Aber einige Staaten,
darunter Österreich, wollten nicht zahlen.
Also sind viele Leute gekommen.
Wann riskierst du dein Leben,
wann riskierst du das Leben
deiner Kinder?
Unter den Nazis,
wie hat man die serbischen Juden ermordet?
Hauptsächlich mit Lastwagen.
Man hat ihnen irgend etwas versprochen.
Die Kinder hat man mit Zuckerln getröstet.
Und dann auf der Fahrt
gingen die Auspuffgase ins Innere.
Die Methode war praktisch.
Keine langen Eisenbahnwege,
das war zu der Zeit
auch gar nicht mehr sicher.
Wieviele Lastwagen,
wieviele Menschen?
Wieviele Nazis
waren aus Österreich?
Wieviele können sich noch erinnern,
im ehemaligen Jugoslawien,
in Griechenland?
Österreich hat die Balkan-Route verstopft.
Es ist eine Schande.
My father is skinny and small,
but has a sharp butcher’s knife.
Dozens of years, how many hogs
has he felled
and sent down to Hades?
Dozens of years, he has kept silent.
Enter white-gleaming blade, exit red blade.
When I was in middle school, another student
made fun of my father.
Said my father had wronged countless innocent souls,
so he must fry in hell,
“eighteenth basement” way down below.
But I have never hated my father.
I will always be my father’s son,
the son of a butcher.
Tr. MW, Febr. 2016
Niu Yihe FLEISCHHAUER
Mein Vater ist klein und mager,
hat aber ein scharfes Fleischhauerbeil.
In dutzenden Jahren, wieviele Schweine
hat er mit seinem Messer
in den Hades geschickt?
Dutzende Jahre hat er geschwiegen.
Weißglänzend geht das Messer hinein,
rot kommt es heraus.
Als ich in der Mittelschule war, hat ein Mitschüler
meinen Vater verspottet.
Unzählige unschuldige Seelen
habe mein Vater auf dem Gewissen,
dafür werde er in der Hölle schmoren,
im achtzehnten Tiefgeschoß.
Aber ich war nie böse auf meinen Vater.
Ich bin für immer sein Sohn,
der Sohn eines Fleischhauers.
lieber gott,
faymann ist umgefallen.
bitte kürz ihm die mindestsicherung.
lieber gott,
pühringer war schon am boden.
bitte kürz ihm die mindestsicherung.
lieber gott,
pröll war die beste weltcupgesamtsiegerin.
bitte kürz ihm die mindestsicherung.
lieber gott,
häupl hat wenigstens in wien gewonnen.
bitte lass ihm die mindestsicherung.
ein bisschen fasten
wär wirklich schön
40 tage keine kronenzeitung
40 tage null mikl-leitner
40 kurze tage kein kurz
40 tage keine begrenzten
keine nächstenliebebeschränker
keine rachenverbreiter
dann immer drei tage weiter
keine auferstehung!
JOURNEY TO SOUTHEAST ASIA《南行記》part 1
THE MOON IS FASTER THAN OTHER PEOPLE
people are slow here
says our guide
you have to get used to them
then it's dark in a jump
and the moon climbs very fast
to her highest position
guess she is happy
to serve Chinese tour groups
so these few years
she runs faster and faster
January 2016
SLEEPING PALACE
actually the palace is very still
tourists stream in and out
serious people stay in their pictures
the palace is sleeping in history
Bangkok, January 2016
IN THE EMPORIUM OF PRECIOUS STONES
in the emporium of precious stones
there is a smoking room
looks a bit like a prison.
men who need separation
quietly gather
with their heavy hearts
just for a short spell
then go on buying things
January 2016
TRANSVESTITES IN THAILAND
“some are half-demon, half-demon, half human.”
I am sure our guide is a man.
He is open-minded, just like his country.
“We in China this, China that …”
I wish his China was a real country.
January 2016
VACATION
let us go diving into the deep.
last year in august someone in tianjin
said one thousand people had died.
he was put in jail.
let us go diving.
elections this year in taiwan.
first female president.
let’s go now, let’s go.
these few days someone gave an interview
voice of freedom or something
said the city he lived in
was not free
autonomous region was not autonomous.
let us go diving now.
he got fourteen years.
he wasn’t the first.
let’s go now, go.
there’ll be other things planned for the afternoon.
wieviele sind es jetzt jeden tag?
ich will informationen
keine politiker
anfang jänner haben noch tausend
oder paar tausend die grenze erreicht
das war damals in kärnten.
die meisten wollen nach deutschland
manche bleiben
deutschland hat in einem halben jahr
eine million aufgenommen
hört man jedenfalls immer.
schweden auch ziemlich viel.
manche wollen nach finnland
zu jemandem von ihrer familie.
jetzt reden fast jeden tag die politiker.
wie soll man begrenzen?
wie sorgt man dafür dass nicht alle bleiben?
wie kann man möglichst einfach zurückschicken?
in welches land ist nicht so wichtig.
fast niemand hat jemals gefragt
warum deutschland und österreich?
was haben deutschland und österreich
denn gemacht im letzten krieg?
und was ist mit ungarn und tschechien und so weiter?
unsere eu hat sie auch aufgenommen
das ist gut für deutschland
für große konzerne
vielleicht gibt es nachteile.
vielleicht sagen manche
die haben unsere wirtschaft geschluckt
sollen die drüben sich darum kümmern.
wieviele sind es jetzt jeden tag?
Hauptsache, es wird geredet. Über Ashraf Fayadh und das Todesurteil über ihn. Die Schande. Auch ein arges Wort. Shame. Starker Roman von Salman Rushdie, auch wenn er damals verrissen wurde. Früh, gleich nach Midnight’s Children. Verurteilt wegen Glaubensabfall. Stinkt nach Öl. Vor ein paar Tagen war eine schöne Lesung hier in Wien. Für viele Frauen und Männer, die Gedichte geschrieben und sich zu Wort gemeldet haben. Sollte es öfter geben. Die Bedrohung ist leider die ganze Zeit da. An vielen Orten.
Zugleich entlarven sich die ach so Christlch-Sozialen selbst. “Der Nächstenliebe Grenzen setzen”. Unter diesem Schild, oder war es ein Transparent? Da sind sie alle gestanden. Der Außenminister. Die Innenministerin. Der Präsidentschaftskandidat. Zu wünschen ist ihnen ein Ergebnis bei der nächsten Wahl wie bei der letzten, der Wahl in Wien im Oktober 2015.
Im Österreichischen Konsulat in Kairo, oder im Außenministerium wird irgend jemand entschieden haben, Omar Hazed kein Schengen-Visum zu gewähren. Über den Dichter Omar Hazed ist in letzter Zeit auch schon öfters berichtet worden. Leider konnte er nicht ausreisen, gestern oder vorgestern. Das ist auch Ai Weiwei passiert, damals 2011. Dann wurde er verschwunden, wie es so schön heißt. 被失踪了。He was disappeared. Für eine Zeit. Oder wie sagt man auf Deutsch? Fünf Buchhändler und Buchhandelsangestellte wurden kassiert. Alle aus Hongkong. Von der Staaatssicherheit. Der Chinesischen.
Liao Yiwu hat darüber geschrieben, dass auch er gewarnt wurde, im Jahr 2011. Von der Staatssicherheit. Die war alarmiert, durch den Arabischen Frühling. Viele durften nicht ausreisen. Auch wenn sie schon Tickets hatten. Und sogar Visa. Wie auch Liao Yiwu. Ai Weiwei fuhr trotzdem zum Flughafen. Er wollte nach Taiwan, zu einer Ausstellung.
Wir hätten auch ein Gedicht von Liao Yiwu vortragen können bei der Lesung für Ashraf Fayad. Hätte auch gut gepasst. Etwa das Lied für Ilham Tohti, der 2014 in Ürümqi in China zu lebenslänglicher Haft verurteilt wurde. Fürs Reden, Schreiben, Unterrichten. Für offene Worte. Im Dezember ist es gesungen worden, in Berlin. Das Lied für Ilham Tohti. Ich habe es übersetzt. Ins Englische und ins Deutsche. Auch für ihn gab es große PEN-Aktionen, in New York und anderswo.
Heute wird in Taiwan gewählt. Bei der Lesung für Ashraf Fayadh am Mittwoch in Wien habe ich ein Gedicht von Hung Hung vorgetragen. Über einen jungen Mann, der sich umgebracht hat. Nachdem er gesucht worden war, nach einer Demonstration. Hung Hung hat Erich Fried übersetzt und vorgetragen. “Die Gewalt”. Bei der Besetzung der Legislative, des “Legislative Yuan” vor zwei Jahren. Poesie muss nicht immer absichtlich von Politik sprechen. Hauptsache, es wird geredet.
In the same night
in Berlin
I was at two events with Chinese writers.
The female writer who lived in London
gave me a stronger impression
than the male writer who stayed in America.
Her English pronunciation was better, more resonant;
also before at the event with the male writer
I was very thirsty
so I was distracted.
When the female writer was up on the stage
I had drunk enough water,
had been to the bathroom.
Under the light,
from the side she frowned at the moderator.
A grimace like
a Hollywood star doing a fierce ugly Asian.
It was really confusing,
like she was seeing her psychiatrist
at the literature festival.
As she screwed up her face
I really wanted to ask her: Are you happy?
Maybe it was
that special
feeling for form
reminding me of my former self.
At a lit fest in Norway, I had a crowd of high school kids;
when it was over,
I saluted the packed mass in the dark,
like a Young Pioneer.
eau pas comme l‘eau
nuages en formation
ombres des nuages blancs
elles ne bougent pas?
sur l’eau et sur la terre
maintenant c’est seulement
des nuages blancs
c’est un privilege
d’être assis dans un avion
bien que maintenant tout le monde prend l’avion
vous prenez un avion c’est a dire vous avez l’argent
ou bien vous êtes assez importante
aller en avion, c’est très vite
mais dans un avion vous avez du temps
vous pouvez regarder les nuages
regarder un film
faire une conversation ou dormir
et vous pouvez écrire un poème
mais si vous prenez un avion tous les jours
c’est une chose différente
les nuages sont différents?
les ombres sont différents?
peut-être les conversations et les poèmes
seraient différentes.
Dieses Gedicht hab ich vor drei Monaten im August im Flugzeug nach China auf Chinesisch geschrieben. Bei einem Gespräch mit einem Schüler aus China. Er war aus Daqing. Es war eine ganze Klasse, sie kamen aus England zurück. Daqing ist der bekannteste Ort in China, wo es Öl gibt. Im Norden.
Die französische Version habe ich jetzt gerade geschrieben. Die Schweizer Künstlerin Anna Kubelik hat mich inspiriert. Sie hat ein Gedicht gelesen, in dem sie vorkommt. Zufällig, auf meinem Blog. Ein Gedicht von einem Flug von Montreal nach Istanbul, vor einem Jahr, vor über einem Jahr. Ich hatte das Gedicht schon vergessen. Es ist recht experimentell. Ungewöhnlich, sehr ungewöhnlich für mich. Aber zurück zu dem chinesischen Gedicht von diesem August.
Ich war auf dem Weg zum internationalen Poesie-Festival in Qinghai. Am Qinghai-See auf der tibetischen Hochebene und in Xining.
Am ersten Tag des Festivals bekam ich in der Früh einen Anruf im Hotelzimmer. Ob ich einen kleinen Vortrag halten könne? Ich hatte vorher gehört, dass sie kleine Vorträge über Poesie haben wollten. Aber dann hieß es wieder, das sei nicht unbedingt nötig. Gedichte vortragen sei genug. Und Übersetzen, in meinem Fall. Aber dann der Anruf. Was sollte ich vortragen? Keine Ahnung, erst einmal Frühstück. Unten beim Frühstück mit den anderen war natürlich auch keine Zeit, sich etwas zu überlegen. Dann war ich in der großen Konferenzhalle der Provinzhauptstadt Xining, gleich beim Hotel. Weltberühmte Poeten und Fachleute hielten ihre Vorträge. Übersetzt ins Englische und ins Chinesische, gleich dort auf der Bühne.
Ich saß neben einer tschechischen Übersetzerin, Zuzana Li. Wir hatten gute Gespräche davor und danach, auf Englisch mit Brocken aus Tschechisch und Deutsch. Ich versuchte unter der Bank mein chinesisches Gedicht aus dem Flugzeug ins Englische zu übersetzen. Dann wurde ich aufgerufen.
Ich ging nach vorn und erklärte auf Chinesisch und Englisch, ich habe keinen Vortrag über Poesie, nur ein Gedicht.
Dann las ich das Gedicht vor und versuchte, es auch auf Englisch deutlich zu machen.
Es beginnt mit vier Silben. Die erste Zeile besteht aus vier Silben. Die zweite auch. Wasser ist nicht wie Wasser. Das sind schon sechs Silben. Das Wasser ist überhaupt nicht wie Wasser. Eine Armee aus weißen Wolken. Die Schatten der weißen Wolken bewegen sich kaum. Auf dem Wasser und über dem Land.
When white clouds get thick, clouds become everything. It is a privilege to sit on a plane. Although nowadays everyone takes a plane. To sit on a plane means you have money. Or it means you are important.
Planes go very fast. But when you sit on a plane, your time is most often your own.
Hier hab ich eingehakt und erklärt, dass mich dieses Motiv, dass man Zeit hat für sich selbst, obwohl man sehr schnell unterwegs ist, dass mich dieses Motiv an Yi Shas 伊沙 berühmtes Gedicht von der Überquerung des Gelben Flusses erinnert 《车过黄河》.
In dem Gedicht überquert er im Zug den Gelben Fluss. Er sollte am Fenster sitzen mit Blick auf den Strom, oder an einer Türe stehen im Korridor, eine Hand an der Mütze, mit dem Blick auf den uralten Strom, mit alten Rechnungen aus der Geschichte. Und wie ein großer Mann aussehen, oder wenigstens wie ein Dichter. Aber er ist am Klo. Er hat schon so lange darauf gewartet. Und jetzt hat er Zeit. Jetzt hat er endlich Zeit für sich selbst. Und wenn er endlich fertig ist, ist der Gelbe Fluss schon weit weg geflossen.
Dieses Motiv, Zeit haben, sich Zeit nehmen können für sich selbst, während man unterwegs ist, das hab ich praktisch zitiert in meinem chinesischen Gedicht. Das hab ich erklärt, und das war mein Vortrag.
österreich liegt im tiefsten frieden
paris war im krieg gestern abend
und taumelt noch
die flüchtlinge sind zu uns gekommen
man merkt es nicht überall
manche engagieren sich sehr
es hat sich etwas großes verändert
mit offenen grenzen
es gibt ein gefühl der hilflosigkeit
es gibt einen namen für dieses gefühl
T-I-N-A, so hat es die thatcher genannt
“There Is No Alternative”
aber es hat sich etwas getan
man kann etwas tun gegen thatcher und orban
und ihre gehilfen
gegen pinochet gegen
die furcht rechts und links
die herrschaft der furcht
ss-trach, furcht und schrecken
aber es hat sich etwas getan
es ist etwas offen
wer weiß wie lange noch
wer will dass die welt so bleibt wie sie war
wie es die innenminister und innen
glauben wollen zu müssen
der will dass nichts offen bleibt
keine chance
keine chancen für uns
für die welt
MW 14. November 2015
There is everything wrong with a flag as a symbol of nationalism. Every time I see a fucking rightist with an Austrian flag I want to do something against them. But this is because I do identify with Austria, even though I feel ashamed of my country almost every day. France has a bloody colonial history. Were and are the massacres after the fall of the Paris Commune and the massacre against Algerians in Paris in 1961 connected with the tri-color flag? I don’t know. It’s good to bring up history. I don’t know much about any flag. Is the Union Jack more of a symbol of empire than the French tricolore, as one commentator suggested? I don’t know. When I see the British flag, I think of Mods and The Who. The flag of China represents a one-party dictatorship, even if it has more than one star on it. But if something that awful happened in Beijing or in Xi’an, maybe I would find nothing wrong with using the current flag of China to show solidarity. Yes, there were massacres in Kenya and in Beirut and people dying from state terror in Xinjiang in China, as far as I’ve heard, and people dying from some sort of terror in Colombia or other places around the world and so on. Yes, Facebook is not all that multicultural in origin, and it’s not always a tool of social change. Big surprise. Anyway, more discussion and more awareness are always good. And more solidarity.
minister kurz
kurz means short
like short-term-memory
nickelsdorf worked rather well
the border with hungary
at least that’s what they say
as long as putin still let them through
or was it erdogan
some politician with christian values
anyway on the styrian border
austria and slovenia
we need a fence
let more people break down
don’t give them warmth and food all at once
we all need a fence
the whole government says
and a folder with values
and glory to god in the highest
and on earth peace, goodwill to men.
MW November 2015
EUROPÄISCHE WERTE
herr minister kurz
heisst eigentlich kurzzeitgedächtnis
nickelsdorf hat funktioniert
relativ jedenfalls
herr schützenkönig klingt überfordert
spielberg geht nicht so gut
man braucht einen zaun
dass noch mehr kollabieren
bevor sie wärme kriegen und essen
das sagt auf einmal die ganze regierung
und einen wertvollen folder dazu
und friede auf erden den menschen
die guten willens sind
a smokestack
a chimney
a phone antenna
and a big tree
form lady liberty
maybe not
MW October 2015
BEI THOMAS & CORNELIA:Chang’an Poesiefest
wo 2 oder 3
oder auch 4
einander zuprosten
im namen der poesie
der musik
da bin ich mitten unter dem tisch
chang’an poesiefestival
diesmal ohne chinesen
in darmstadt bei frankfurt
ich lese liao yiwu
das neue lang-gedicht
MEIN GEFÄNGNIS. MEIN TEMPEL
aus der zeitschrift akzente
herausgegeben von herta müller
und mein GEBET
thomas spielt akkordeon
eine art knopfharmonika
cornelia querflöte
hauptsächlich arbeiterlieder
jackie singt lettische weisen
wir singen mit
fast wie wenn in china
unter der stadtautobahn
an einem neuen kanal
wo eine fabrik war
und jetzt teure wohnblöcke stehen
zwei, drei musik machen
chang’an poesiefestival
kommt natürlich aus xi’an
von yi sha gegründet
mit qin bazi & xidu heshang
& vielen anderen
chang’an poesiefestival
das gibt es an vielen anderen orten
nur nicht ohne yi sha
insgesamt über 200mal
private treffen mit poesie
das hat etwas von freiheit
es kommt mehr zur sprache
als auf großer bühne
wir haben auch so etwas gemacht
MW Oktober 2015
HORIZONT
ein rauchfang
ein schornstein
ein handymast
und ein großer baum
eine freiheitsstatue
oder auch nicht
MW Oktober 2015
《早上风景》
一条烟囱
一棵树
是一条烟囱吗?
一条电话天线
是这样说的吗?
一条电话天线
和一棵树
自由女神
也许不
2015.10.19
EIN GEDICHT
ein gedicht eine
berührung wen du
berührst weisst du nicht
am wahltag schauen sie ein bisschen traurig
die kandidatinnen
es sind junge frauen mit gutem gebiss
sie haben sich alle sehr viel bemüht
die partei ist ok
es sind die grünen
der zettel der roten war ziemlich gut
für diesen bezirk und für diese gegend
das schlimme an dieser wahl sind die blauen
sie haben meine tochter verstört
wir wohnen neben dem hauptbahnhof
dort sind viele flüchtlinge
meine tochter hat oft mit den kindern gespielt
ich bin froh dass sie da sind
obama hat ihn nicht bombardiert
den assad vor zwei jahren
und mit putin verhandelt
was wäre wenn
tunesien hat den friedensnobelpreis
besser als für obama und für die eu
und die chemiewaffen sind auch noch da
was wäre wenn
jedenfalls sind die flüchtlinge am hauptbahnhof
österreich ist besser als ungarn
die ganze eu ist durchgebeutelt
vom kapitalismus
oder wie man das nennen mag
thatcher und reagan wurden gewählt
was haben die nicht alles zerstört
the world is still reeling
am wahltag schauen wir ein bisschen traurig
MW 11. Oktober 2015
ELECTION DAY
they look rather sad on election day
candidates on their posters
their teeth are ok they are young women
they have tried their best
it’s a nice party
the greens are the nicest party in town
the reds in this district and on the new streets
they had a leaflet talking to us
the blue meanies are evil
they are not even funny
we live in new houses next to the station
our daughter likes playing with refugee kids
she was disturbed by the blue meanies
all over europe people are helping
some are disturbing
everything’s on the move
at least more than before
we are trying our best
at least some of us
I am the one who can vote in our family
I met some new people
we had a good time at the polling station
getting acquainted
at least some of us
have looked rather sad on election day
dieses jahr wird das mittelmeer
verwendet um syrier zu ertränken
wenn das angespülte kind
nicht ausgeschaut hätte als würd es saugen
hätten die mütter der welt dann geweint?
hätte sein t-shirt
nicht so blendend rot in die kamera geleuchtet
wär er dann auf die titelseite gekommen?
soviele syrer sind dieses jahr
ertrunken im mittelmeer
4. September 2015
Übersetzt von MW, Sept.-Okt. 2015
Shen Haobo ES TUT MIR WEH
im regen kann ich die welt nicht erkennen
ich erkenne keinen baum
aber ich will einer grünen seele nah sein
wenn der baum eine seele hat.
wer keine seele hat, das sind die menschen
erst im regen erkennst du die falschen gesichter
in der sonne glänzen sie im wachsmuseum
baumförmige gegenstände im regen
und menschenförmige
alles wird undeutlich, zweifelhaft
unzählige leitungen schneiden die tropfen
manche dinge schneiden die seelen
4. September 2015
Übersetzt von MW im Herbst 2015
Shen Haobo EINE GROSSARTIGE PARADE
1)
unser führer winkt vom wachturm
wie jeder führer vor ihm
soldaten auf dem platz im stechschritt
die brüste der weiblichen rekruten
schwellen mit jedem schritt
bomber und panzer
wie mücken und tiger
getretene menschen die gestern lebten wie hunde und schweine
sind heute glühende patrioten
vor ihrem fernseher
sie drängen zur fahne mit heißen tränen
um treue zu schwören
2)
Ich hab keinen zweifel
wenn sie nur wollten
ließen sie gottesanbeterinnen
marschieren im stechschritt
und eine spinne
würd ihnen winken
3)
gestern mussten raketen und panzer auf dem platz demonstrieren
gestern mussten flieger und tauben hoch in der luft sein
gestern mussten alte leute auf dem turm eine stunde lang stehen
gestern durfte es nicht regnen
gestern wollte die blase bersten aber der himmel musste es halten
er wollte auch kein terrorist sein
platzregen haben wir heute
4. September 2015
Übersetzt von Martin Winter im Herbst 2015
Shen Haobo PANZERFAHRZEUG FÄHRT IN DIE STADT
ein panzerfahrzeug
fährt ins nordosttor
das ist dongzhimen
es fährt gemächlich
nicht wie ein flinkes reh
es hat keine schlanken beine
aber das heißt nicht
dass es nicht schnell wär
es hat auch keine
rehaugen
es sieht mich an
mit seinem pechschwarzen rohr
24. August 2015
Übersetzt von MW im Herbst 2015
Shen Haobo MEDITERRANEAN SEA
this year the mediterranean sea
is used in drowning the syrians
if that child washed up on the shore
would not have died like he was feeding
would mothers over the world still have cried?
if the T-shirt he wore
would not have shone piercingly red
would he have been first page over europe?
this year the mediterranean sea
has drowned so many syrians
9/4/15
Tr. MW, Sept. 2015
Shen Haobo A SWELL MILITARY PARADE
Our leader waves from the watchtower
like every leader before him
soldiers in lockstep on the square
female soldier’s breasts
swelling in unison
bombers and tanks
like mosquitoes and tigers
downtrodden people living like hogs
suddenly become patriots
crying hot tears before their TVs
they want to step forward right now
to swear allegiance under the flag
2)
I’ve no doubt at all
if they wanted to
they could make
a herd of mantises
march in goose-step over the square
and a spider
wave at them
3)
yesterday tanks and missiles marched on the square
yesterday pigeons and planes had to fly in the sky
yesterday old men had to stand a whole hour up on the tower
yesterday raining was not allowed
yesterday heaven’s bladder was swelling like hell
so he would not appear like a terrorist
the moon is a white bean
at the tv tower
maybe it’s only
a cell phone tower
it’s for the army
and for the refugees
e.t. phone home
MW Oct. 1st, 2015
E.T. IM ARSENAL
der mond ist eine weisse bohne
neben dem fernsehturm
vielleicht ist es nur
ein handyturm
und etwas fürs bundesheer
und für die flüchtlinge
e.t. nach hause telefonieren
how many idiots in carinthia?
how many in styria?
how many fools in burgenland?
30% idiots in upper austria
a party for cheating old women
a party creating bad banks
a party more cheeky than any other
in taking their shares
the neo-nazis’ party of choice
30 percent in upper austria
how many idiots in old vienna?
wieviele idioten hat kärnten?
die steiermark?
das burgenland?
oberösterreich hat 30 % idioten
eine erbschleicherpartei
eine bankenbetrügerpartei
eine provisionenpartei
eine partei der neonazis
oberösterreich hat 30 % idioten
wieviele idioten hat wien?
wieviele idioten hat kärnten?
die steiermark?
das burgenland?
oberösterreich hat 30 % idioten
eine erbschleicherpartei
eine bankenbetrügerpartei
eine provisionenpartei
eine partei der neonazis
oberösterreich hat 30 % idioten
wieviele idioten hat wien?
wieviele idioten hat kärnten?
die steiermark?
das burgenland?
oberösterreich hat 30 %
eine erbschleicherpartei
eine bankenbetrügerpartei
eine provisionenpartei
eine partei der neonazis
oberösterreich hat 30 % idioten
wieviele idioten hat wien?
die pischen uns überall hin!
die pischen am hauptbahnhof überall auf die wände.
ich habs doch gesehen!
freiräume.
das muss man reinschreiben in den vertrag.
noch etwas?
in der wohnhausanlage von uns gegenüber
gibt es ein notquartier.
hat irgend jemand etwas bemerkt?
ich hab was bemerkt.
wir haben schon was bemerkt.
wie haben sie’s bemerkt?
naja, wir haben’s bemerkt.
wie haben sie’s bemerkt?
wir gehen am abend raus mit dem hund.
da haben wir manchmal etwas bemerkt.
was haben sie da bemerkt?
da stehen manchmal mehr flüchtlinge ‘rum.
ich bin dagegen.
das ist doch alles organisiert.
die kriegen 15.000 euro damit sie flüchten.
das machen die ölscheichs.
dann gehen die nicht nach saudiarabien.
hahaha! hahaha!
naja sie lachen!
sie werden schon sehen!
ich weiß wovon ich rede.
die gehen nicht weg.
die regierung soll sich darum kümmern.
wir geben jeder fünf euro
und mieten einen container.
dort haben sie alles duschen und klos.
das kostet 500 euro im monat.
aber nicht hier bei uns.
irgendwo dort am hauptbahnhof.
ich bin dagegen.
aber vielleicht sind einige hier dafür.
dann kann ich nichts machen.
ich möchte wissen von wem geht das aus?
wir haben hier viel geld investiert.
es ist eine genossenschaft.
jeder von uns zahlt einen genossenschaftsanteil.
wir sind keine mieter.
aber wir leben hier in geförderten wohnungen.
alle steuerzahler auch die nicht so schöne wohnungen haben,
die haben alle gezahlt dass diese häuser gebaut werden.
die gehen doch alle nie wieder weg!
das sind notquartiere. nur für den winter. bis april oder so.
das steht alles drin in dem vertrag mit der ngo.
und wie wissen sie was dann passiert?
ich habe erfahrung.
ich komme aus serbien.
ich war in traiskirchen.
meine eltern sind flüchtlinge.
wenn es schon sein muss dann nur familien.
die brauchen das doch am allermeisten.
sonst trau ich mich nicht zu denen hin.
wenn das lauter junge männer sind.
wieviele sind es? da gibt es doch nur ein klo und ein waschbecken.
nein, es gibt zwei.
das wird doch alles organisiert.
wenn sie zum hauptbahnhof gehen
und genau hinsehen
dann löst das etwas aus
dann denkt man anders.
die pischen uns doch überall hin!
ich finde den adler nicht schön
nur den schatten des adlers
in der kapelle für katyn
gegenüber vom platz der aufständischen
es war ein tapferer aufstand
sie haben auch gewonnen zuerst
die rote armee stand bereit
auf der anderen seite des flusses
aber die rote armee hat gewartet
und die deutschen kamen zurück
sie haben die stadt abgerissen
die rote armee hat gewartet
das war 1944
der aufstand im ghetto war vorher
auf dem platz wo das ghetto war
steht stalins kulturpalast
das ghetto war noch viel größer
katyn
das war 1940
zehntausende polnische offiziere
vom geheimdienst getötet
vom sowjetischen geheimdienst
auch ukrainische offiziere
in der kapelle für katyn
gegenüber vom platz der aufständischen
zehntausende namen
und ein schöner adler
so steht es geschrieben
ich mag seinen schatten
die kastanien sind bald reif
so viele kastanienbäume in wien
die kastanien sind bald reif
und so viele flüchtlinge
die kastanien sind bald reif
wir haben hier keine schweine
die kastanien sind bald reif
so viele leute helfen den flüchtlingen
die kastanien sind bald reif
wir haben so viele schweine in wien
die kastanien sind bald reif
so viele wählen die fpö
die kastanien sind bald reif
vielleicht heißt mehr flüchtlinge weniger nazis
So., 6. Sept. 2015
CHESTNUTS ARE NEARLY RIPE
chestnuts are nearly ripe
so many chestnut trees in vienna
chestnuts are nearly ripe
so many refugees
chestnuts are nearly ripe
we don’t have pigs
chestnuts are nearly ripe
so many people helping refugees
chestnuts are nearly ripe
we have so many swine
chestnuts are nearly ripe
so many people vote fpö
chestnuts are nearly ripe
maybe more refugees means less for the nazis
Please click on the picture and read my interview!
NACHRICHTEN AUS SCHÜTZENDEN HÖHLEN
wanderwege perfekt angelegt
nach dem wandern am besten obst
in den 80er jahren hat man entdeckt
am 35. breitengrad schmeckt dieser apfel sehr süß
im falun-tempel der tang-zeit
wächst eine föhre aus der pagode
inschriften unter mao zerstört
einer sagt mao schrieb genial
ein alter mönch mag meine haare
einer sagt tianjin tausend sind tot
oder noch mehr
perfect paths to get lost
perfect crowds lead you home
as they discovered in the 1980s
35 degrees latitude is great for apples
tang dynasty falun-temple
pagoda with pine tree growing on top
inscriptions destroyed under mao
someone says mao wrote great calligraphy
some old abbot loves hair on my arms
someone says one thousand people died in tianjin
or maybe more
they have a free ferry in świnoujście
one of the best things in this town
don’t know how much you have to pay
if you bring your car
guess there are monthly passes
or some permanent card
everyone needs to cross
at the mouth of the river świna
there is no bridge
the seaside is a little like latvia
except for the trees
we didn’t see any blueberries either
but the baltic sea and the sand
and the sun in summer are much the same
and also the rain
the wind is strong
the park is beautiful
they destroyed more than half of this town
in world war two
there is a church tower
without a church
a café in the tower
there is one central square
with some old houses
a fountain for kids
streets are named after national heroes
from solidarity and from before
train station is on the other side
the ferry is one of the best things in town
in this life
me and the moon
and the window
we have this great bond
when it’s time to eat
time to sleep
time to take a ride
I’ve come to rely on them
I’m not accustomed to have
the moon and the window
without myself at any time
or
I am there
and the moon
but there is no window
or
to have myself
and a window
but there is no moon
actually it’s no big deal if they’re gone
I can tell myself
the moon is sleeping behind the clouds
the wind outside is too strong so the window can’t come along
just be good & wait here it’ll be ok
when there is nothing at all
I paint a window up on the wall
a moon
one made-up I
more than one I
more and more Is
a house full of Is
Qin Bazi 《全民书法》 DAS GANZE VOLK SCHREIBT KALLIGRAPHIE
mit dem pinsel auf reispapier
schreib ich mein neues gedicht ab
von links nach rechts, waagrechte zeilen
ein vers eine zeile
moderne gedichte müssen modern sein
moderne formen
ja nicht die alten nachahmen
ja nicht in dieselben geleise
ein großes rufzeichen
ein großes fragezeichen
ich schreibe und schreibe
verfalle in trance
auf einmal bin ich
in der kulturrevolution
und schreib große poster
in yunnan hat jeder baum feste brüste
in jedem obst summt ein bienenstock
schlürfst du ihren saft, scheint die sonne auf dich
du brauchst solches glück, sonst verstehst du das leid nicht
ein mädchen weint unterm mangobaum, ihre liebe
ist ein elefant mit schwerem hintern. gestern noch saß sie
hinten auf dem motorrad, ihr freund mit rotem haar
fegt wie ein sturmgewehr, röhrt oben vom berg bis an den fluss.
der pfau, ein blauer dämon, ein kalter hahn, und berechnend
der pfau ist schön wie eine frau, der hahn ist ein dorfbürgermeister
kühl ist der mond, eine weiße taste springt auf einem schwarzen klavier
aus der kokosnuss am himmel gießt jemand kokosmilch
morgendämmerung, reispflanzerinnen spielen die felder hinauf
at vermont studio center
drugs are taboo
no smoking inside
in case of sexual harassment
please dial this number
with a sigh I said to martin:
“even charles bukowski
such a great writer
had to go out himself to buy alcohol
this would never happen
in china …”
later we found
johnson town supermarket
stacked all kinds of booze
we breathed a sigh of relief
for old bukowski
one day later
we found the shop at the gas station
closer from the studios
another sigh of relief
for old bukowski
even later than that
we found a place
looked like a liquor store
complete selection
of local specialties
at cheaper prices
now
we could be rather sure
bukowski’s days at vsc
were happy days
drinking
and writing to his heart’s content
bukowski was happy
we were happy too
Oct. 2014
Tr. MW, 2015
Yi Sha 《与布靠斯基同行》 MIT BUKOWSKI UNTERWEGS
im künstlerzentrum
sind drogen verboten
besonders das rauchen
bei sexueller belästigung
gibt es einen notruf
ich sage seufzend zu martin:
“sogar charles bukowski
der große dichter
musste hier selbst nach alkohol suchen
das wäre in china
undenkbar ….”
nachher fanden wir
im großen supermarkt mitten im ort
die regale voller alkohol
wir atmeten auf
in gedanken an bukowski
später fanden wir
bei der tankstelle auch einen supermarkt
noch näher am künstlerzentrum
wir atmeten noch einmal auf
für den alten bukowski
noch später
entdeckten wir ein spezialgeschäft
lauter alkohol in allen sorten
außerdem billiger
jetzt war es entschieden
wir konnten sicher sein
im vermont studio center
war bukowski glücklich
trank in frieden
schrieb in frieden
bukowski war glücklich
wir waren es auch
Oktober 2014
Übers. v. MW, 2014-2015
Yi Sha 《飞越太平洋》 FLUG ÜBER DEN PAZIFIK
von china nach amerika
von peking nach detroit
ich hatte geglaubt
wir würden den weiten pazifischen ozean
überqueren
doch unser flugzeug
war praktisch die ganze zeit
über festem boden
von peking nach nordosten
über harbin hinweg
ich sah die lichter
dann ging es nach russland
über das äußere hinggan-gebirge
über die halbinsel kamtschatka
über die beringsee
(der einzige schmale streifen meer
den wir überflogen)
dann kam alaska
(also war ich schon in amerika)
wir überquerten die kordilleren
flogen durch kanadas öde weiten
und dann nach südosten
bald darauf die landung
im üppigen grün
der häuser und villen rund um detroit
nach meinen informationen
gelangten die eskimos
aus der mongolischen hochebene
über genau diese route
auf den amerikanischen kontinent
Ende Sept. 2014
Übers. v. MW, 2015
Yi Sha 《窗外》 DRAUSSEN VORM FENSTER
jede nacht
fährt ein auto
auf der pearl street an meinem fenster vorbei
schnell wie der wind
ein mobiles
heavy metal konzert
lang nachdem der wagen verschwindet
hallt die musik in meinem herzen
das ist amerika
jedenfalls hab ich in china
oder in anderen ländern
so etwas nicht erlebt
Okt. 2014
Übers. v. MW, 2014-2015
Yi Sha 《异国小镇》 KLEINE ORTE IM AUSLAND
“solche kleinen orte
da krieg ich gleich
ein unheimliches gefühl
wahrscheinlich hab ich
zu viele amerikanische filme gesehen”
sag ich zu martin
martin antwortet:
“das geht mir auch so”
(hätt ich nicht erwartet)
“gibt es in österreich
auch solche orte?”
“natürlich, sehr viele”
“wenn du solche orte siehst
hast du dort auch
ein unheimliches gefühl?”
“ja”
“warum? dort ist deine heimat
dort muss dir alles vertraut sein …”
“in solchen orten
gibt es auch neonazis”
Okt. 2014
Übers. v. MW 2014-2015
Yi Sha 《在天涯》 AN DEN RÄNDERN DES HIMMELS
drückt mich lässt mich nicht los
heimatland
im computer
mein pass ohne visum
mit dem brief auf englisch
ist schneller als ich
zuhaus angekommen
vier jahre später noch einmal abgelehnt
nach amerika england
die begründung wie letztes mal:
dieser mensch will emigrieren
(tut mir unrecht!)
nur der unterschied ist
der beamte hat im vergleich zu den amis
konkrete anhaltspunkte
dass ich verdächtig bin
auf der einladung des aldeburgh poetry festivals
steht ganz unumstößlich
der beweis für mein verbrechen:
sie zahlen 200 pfund für meine lesung
der beamte schließt messerscharf: bezahlte arbeit
verstößt gegen britische paragraphen
und gar mein gedichtband der bald publiziert wird
sogar mit geld für mich im vertrag
huch! ich bin noch nicht in england
und hab dort schon gesetze gebrochen
andrerseits, diese 200 pfund
werden für dichter aus anderen ländern
eher nicht zum grund für ein ähnliches schicksal
die machen das festival
nun schon zum zehnten mal
die dichter aus irland australien
usa südafrika werden eher nicht abgelehnt
wegen etwaiger immigrationsabsichten
(die sind als emigranten wahrscheinlich willkommen)
also muss man sagen ich vertrete mein land
(noch eine furz-goldmedaille für china)
wegen dieser leute die unbedingt dort bleiben
schwarztellerwäscher schwarzbauarbeiter
was weiß ich vertret ich
ok dann vetret ich sie
wer hat mir geschaffen
der große chinesische dichter zu werden
2008
Übersetzt von MW, 2015
you know the smallest number of people who ever came to my exhibition?
four.
myself, the gallery boss, a friend of mine who came all the way from denmark
and an old guy
who was lost.
he lived next door in a home,
mixed up the entrance,
walked in,
saw one painting,
bought it right away,
saying, “this is me!”
Please take a look at my previous translations of Jun Er’s poems:以前翻譯了《針織廠》 KNITTING MILL、《鼠鈔》 RAT NOTES、《海棠花開》 CRABAPPLE BLOSSOMS。Today I have translated five poems – two into English, three into German. 今天翻譯了《懷念》、《色與空》、《啤酒花的來歷》、《給不在世的姐姐算命》、《一天》。別的也很喜歡。《歌鐘》、《體內異端》。。。
都因為碰到《熱愛讓我擁抱了它們的名字》很喜歡,一時不能翻譯,就翻到其他的。。。
Jun Er COLOR AND SPACE
my son – I hadn’t thought
the embarrassment I had met with
you would know it all over
our skin for example
we are those mesons
another kind
between black and yellow people
white in africa
dark in asia
what if we feel proud of ourselves?
and why the hell not?
2009
Tr. MW, 2015
Jun Er ONE DAY
sometimes I admire foreign women
sometimes I shop at taobao.com
sometimes I come home with garbage
sometimes my half soles come out of my shoes
May 2013
Tr. MW, March 2015
Jun Er SEHNSUCHT
lass mich hier im zimmer sitzen
sehnsucht verstehen
sehnsucht nach fremden phänomenen
leuchten zwanzigtausend jahr
in der ferne
in zwanzigtausend stillen jahren
bist du gekommen
bist verflogen
hast mir lauter blüten gemalt
auf meinen sutren
lass andere generationen
riechen und einander finden
om mani padme hum
lass meine gebetsmühlen fliegen
2004
Übers. v. MW, 2015
Jun Er WOHER KOMMT DAS BIER?
das bier das wir trinken
ist aus gerste gebraut und einem kraut namens hopfen
das kraut hat dornen und viele namen bei uns schlangenhanf
es bringt den geschmack ein bisschen bitter
Übers. v. MW im März 2015
Jun Er WAHRSAGEN FÜR MEINE SCHWESTER IM HIMMEL
große schwester
früher hab ich bücher verwendet
jetzt sitz ich am computer
rechne dein schicksal aus
ein horoskop
für jemanden der nicht mehr auf der welt ist
gibt es etwas absurderes
du hattest 46 punkte
ich 58
wir hatten beide zuwenig
12 punkte unterschied
du besuchst die gelben quellen
ich kleb noch am staub dieser welt
faul. schläfrig. wehr mich…
große schwester
schnee auf dem bildschirm
find dein gesicht, deine stimme nicht mehr
wo du jetzt bist
was ist das für eine welt
braucht man dort auch sechzig punkte
um durchzukommen
wie viele wiedergeburten
haben wir dann zuwenig punkte gemeinsam
in der wievielten komma wievielten
wievielten welt
ein kleines kind baut im sand am strand den sommerpalast, windsor castle, den kreml, den eiffelturm, pyramiden mit mumien und pyramiden von mayas mit menschenopfern
wind weht streichelnd vom meer
von der sonne ein goldener glanz
dann steigt die flut, es ist aus mit der menschheit
im abendlicht treten wir auf weizensprossen
die sind im winter auch noch nicht gelb
oma und opa gehen wir besuchen,
wohnen schon viele jahre im grab.
am grab ist ein grabstein, der stein hat die namen der ganzen familie.
oben die großen zeichen sind liebe toten
oh, oma hat keinen eigenen namen
sie heißt einfach shen, geborene yuan
unten sind ganz viele ganz kleine zeichen, das sind die enkel
ein haufen namen, ganz dicht beisammen
wie korn an korn verzahnt ineinander
auf einem maiskolben
die stärkste art von blutsverbindung
nicht zu vertreiben, nicht zu zerstören
all die namen auf dem grabstein
stehen zusammen noch viele jahre
der wind ist stark, das totengeld brennt immer schlecht
vor dem grab kniet meine tochter. “uropa, uroma!
bitte beschützt mich, macht mich ganz ganz froh, jeden tag hab ich zuckerl!”
Went to a search engine,
searched for my name.
Found out on renren.com,
there are 53 people
called Zhao Lihong.
16.67% of them are from the north.
22.22% are born in the nineties,
62.22% are male.
I want all these people,
these Zhao Lihongs
to come together,
to hear us shout it together,
our own name,
Zhao Lihong,
Zhao Lihong.
To hear us calling each other,
each calling the name
Zhao Lihong;
to hear one Zhao Lihong
call another Zhao Lihong;
to hear an old Zhao Lihong
call for a young Zhao Lihong.
Hear a boy Zhao Lihong
call a girl Zhao Lihong,
hear a north Zhao Lihong
call for a south
Zhao Lihong.
To hear a
public security guy Zhao Lihong
call a teacher
Zhao Lihong.
standing along the line
Xia Qiu
Zhang Zifeng
Xiao Peng
Li Xiaoding
Tang Xiumeng
Lei Lanjiao
Xu Lizhi
Zhu Zhengwu
Pan Xia
Ran Xuemei
day and night
migrant workers are ready
fully dressed up
anti-static coats
anti-static hats
anti-static shoes
anti-static gloves
anti-static wrist bands
well-equipped at attention
waiting for orders
once bells are ringing
one and all report to the first emperor!
the organ and the choir begin
the people on the house are dead
the people at the bank are dead
the people at the post are dead
the houses in the town are old
the alleys and the streets are old
the organ and the choir begin
the children from the town are dead
the old ones from the town are dead
the women from the town are dead
the menfolk from the town are dead
the organ and the choir begin
the angels in the church are dead
the figures in the light are dead
the figures in the dark are dead
the alleys and the streets are old
the houses in the town are old
the organ and the choir begin
“The United Kingdom is here to stay. Actually, no matter what the outcome would have been, the vote in Scotland has shown to the people of another certain country that in such a crisis, England does not evoke a “anti-split-up-law”. There are no armored vehicles on Scottish street corners, Scottish leaders have not been branded as betraying and selling out the great English nation, and not one citizen has been thrown in jail for fomenting trouble and encouraging independence. Just for these few points, Great Britain, the sun has not set on your empire!” (A Weibo user in China
caught by a whiff of salty fish
I know I have entered the square
the biggest fish market in town
is on the south side
so the square has been reeking
all through the years
at the east is the science museum
never been in there
don’t know what they have
young pioneers palace is on the west side
I sneaked in alone
when I was 14
to see the human body display
I stood in front of a model
of female sexual organs forever
without understanding
now I’ve come to the north of the square
they call it the front side
from a double decker window
I can see everything
the province government building
looks quite imposing
up there my wife whiled her hours away
for shabby pay
the square – concrete slabs and some grass
they are lowering the flag
it’s at the middle now
looks like half-mast
22 years ago in september
we were standing here mourning
the former leader who had just died
red kerchiefs and our young faces
drenched in icy autumn rain
our white-haired principal
standing there howling through wind and rain
“What will happen to China?”*
I can see the whole scene
now I see the spectators gleaming
in the sunset
a heap of tangerines
I see two people
have left the ranks
they are two grown-up men
holding hands
running towards the east of the square
and my bus keeps going west
so I can’t make out
where they might be going
1998
Tr. MW, June 2014
*“What will happen to China?”, literally “Whither China?”, “Where is China going?”, in Chinese Zhongguo Xiang He Chu Qu 中国向何处去 was the title of a political essay published in Big Character Posters in 1968, written by the 19-year-old Yang Xiaokai 杨小凯 who was sentenced to 10 years in prison for his text. In the end he became an economist and taught at universities in China, USA and Australia (online sources).
ein gestank nach salzigem fisch
sagt mir ich bin auf den platz vorgedrungen
der größte fischmarkt der stadt
ist im süden des platzes
deshalb ist er durch die jahre
von diesem geruch durchweht
im osten steht das technische museum
ich bin nie hineingegangen
weiß nicht was es drinnen gibt
im westen steht der jugendpalast
einmal schlich ich mich hinein
als 14jähriger schüler
es ging um das geheimnis des körpers
ich stand sehr lange vor einem modell
weiblicher fortpflanzungsorgane
ich blickte auch am ende nicht durch
jetzt bin ich schon am nordrand des platzes
man sagt hier die vorderseite
aus einem doppeldeckerfenster
kann ich alles überblicken
das provinzregierungsgebäude
erhebt sich doch recht stattlich
meine frau war dort oben beschäftigt
für kümmerlichen lohn
über den platz – gras und betonziegel
man lässt gerade die fahne hinunter
sie ist bei der hälfte
sieht aus wie auf halbmast
im september vor 22 jahren
standen wir in trauer hier
der frühere staatsführer war grad gestorben
junge gesichter mit roten halstüchern
im eisigen herbstregen
der schuldirektor mit weißen haaren
stand heulend und jammernd im wind und im regen
“was wird aus china?”
ich hab es noch genau vor augen
jetzt seh ich die zuseher
in der sinkenden sonne
sehen sie aus wie ein haufen orangen
ich sehe auch zwei menschen
sie haben sich schon aus der menge gelöst
es sind zwei erwachsene männer
hand in hand
laufen sie zum osten des platzes
mein bus entfernt sich nach westen
ich kann nicht erkennen
wohin sie am ende gehen
all those so-called platonists
all those rotten at heart
all those taking themselves for judges and kings
all those dreaming of giving
directions to mankind
all those fat shining bugs
wagging their hidden poisonous hairs
banning lions and wolves
banning desperate youths
banning indecent wives
banning loonies and thieves
banning beggars and thugs
banning satan
banning contrary jesus
banning poets
banning me
without need
you don’t need to ban me
I was just passing by
just came looking to see how you’re doing at home
I have seen enough
your republic
holds no place for loonies and no place for me
IMAGINE
you might as well give up the ghost
of a chance for change in this land
change has been very fast in this land for a while
you won’t recognize a road or a house
or a street is gone that you knew very well
a decade ago or maybe a week.
sometimes the wind clears up the smog
and you can see the sky, or even the hills
and the ranges farther afield with the walls.
there are no wars. this land is peaceful.
the army is the largest by far. there are no tanks.
a tank was burnt and some soldiers were killed.
imagine there’s no heavenly peace
and no rulers above us.
there is only sky and a kite and the doves.
it’s easy if you try.
imagine all the people …
MW January 2014
chairman, he is not a bird
chairman, he is not a plane
what is chairman all about?
chairman makes a chair for you
chairman, he makes all the legs
chairman, he makes all the arms
chairman, he makes every back
chairman, he makes all the chairs
don’t tell me you didn’t know
what is chairlady about?
chairlady will make them too
chairlady makes all the legs
chairlady makes all the arms
chairlady makes every back
chairlady makes all the chairs
don’t tell me you didn’t know
i am a rock next time around
what will you be in your next life?
what will you be when you are dead?
the question is not accurate
there is no world next time around
when we are tired, it is here
and in the morning, god be willing
i’m paper then next time around
next time around i am a child
what will you be in your next life?
what will you be when you are dead?
the question is not accurate
there is no world next time around
it is with us, when we are there
and in the morning, god be willing
my child is here this time around
under mao zedong
we had starry nights
we had vast starry skies
people lifting their heads
one summer night
it was father and i
father told me
about the universe
about a cosmonaut
yuri gagarin
flying in space
my mouth stood open
like a barn door
thank you, father
my heavenly father
in a dark corner
of north korea
measuring 9,600,000
square kilometers
among hundreds of millions
malnourished blockheads
i was the smartest
did not see the future
but i saw space
Concentrating on private impressions and conversations in published poems is self-evident for many, maybe for most people who read, write, translate, edit such stuff. But China, and also Taiwan to a certain extent, have put into question art, books, beauty, skills, traditions, language- anything had to serve the Party, and what the Party couldn’t use could not exist. Capitalism does it too, everything that doesn’t pay, that we can’t finance, cannot remain. They get along splendidly, finance and centralized state, Mao and the Mammon. That’s how the modern world was developed.
“Beneath our feet, we couldn’t see through dust and ash, rank growth of old. Father holding his iron staff, asking me: ‘Are you afraid?’ Oh, I raised my head, Orion sparkling right in the middle, space reverberations sounding from eons– falling silently, are those meteors, one blue whiplash after the other?” 流星記事, Meteor Account, or Meteor Accounts, by Zhu Fengming 祝凤鸣 (Oct. 1996). Nick Kaldis just showed me his translation of Meteor Account, from a dozen Chinese poems in the magazine Dirty Goat (#24 February 2011).The quote above is in my own translation, I couldn’t resist. Rank growth of old – 古蟒 or 古莽? Nick Kaldis thinks there might be a misprint. (“古蟒 would refer to a snake known from fossil remains, the Paleopython, while 古莽 refers to rank grass.”). 祝凤鸣,男,1964年生于安徽宿松县… Zhu Fengming (born 1964) is a geologist from Anhui.
《流星記事》
祝鳳鳴
有一次,丘崗夜色正濃,二月還未清醒,
我踏著回家的羊腸小徑,在山坡
白花花的梨樹下,碰見鄰村
淒涼的赤腳醫生,面孔平和。
“剛從李灣回來,那個孩子怕是不行了。”
他說,藥箱在右肩閃著棗紅的微光。
路邊的灌叢越來越黑,細沙嗖嗖——
我們站在風中,談起宅基,柳樹,輪轉的風水。
陰陽和天體在交割,無盡的秘密,使人聲變冷,
“……生死由命。”這時,藍光一閃
話語聲中,一群流星靜靜地布滿天空﹔
還有一次,我和父親走在冬月下
曠野的一切彷彿在錫箔中顫抖。
腳下是隱形的塵土和古蟒的灰燼。
父親拿著鐵棒,問我:“你怕不怕?”
哦,我抬起頭來,獵戶星座在中天閃耀,
空中傳來千秋的微響——
那無聲垂落的,是流星,還是一道道藍色的鞭影?
The existence of space. Of God(s). Yin-yang, fengshui. Existence of wonder. Or the other way, wonder of existence. Outside the Party. Very much among the common people on the other hand, in the countryside, barefoot doctors, and so on, in the rest of Zhu Fengming’s poem.
Yes, 蟒 (mang3) may be a misprint for the homophonous character 莽 (mang3). 古莽之國, the ancient uncultured state. The Book of Liezi. 古莽之國,出《列子周穆王第三》,屬迺古三國。三國者何也?古莽之國、中央之國、阜落之國也。蓋處天地之外、神話之中,事未可徵,史未可考。古莽之地,陰陽不交,寒暑不辨;民不衣不食而多眠,五旬一覺,而以夢為真,真為妄也。(Wikipedia)
Space, spaceflight. A great achievement. “Sister killed her baby ’cause she couldn’t afford to feed it we are sending people to the moon.” Prince, Sign o’ the Times. Really, I think they should have written more about this in the international papers. Yes, it worked, no-one died, Wang Yaping 王亞平 teaching from space, tens of millions watching and listening to her. A great leap, a giant leap, really. Responsibility, great responsibility. How many things could go wrong, in space, for the nation. Planning everything, the very opposite of wu wei. That’s how the famine came. No space for real wondering. Everything organized, all propaganda, all of the nation. They are planning, they have begun to move hundreds of millions more to the cities. Destroying small farms, villages, settlements, temples. Like they destroyed the ancient cities.
They should write about spaceflight, every time. I have to get back to my daughter. Show her the videos from Shenzhou 10.
Yi Sha’s poem is from 2003, from the beginning of these missions 10 years ago.
little wee gets up to play
we are more than what we are
sometimes we may call it god
wee may call as soon as twelve
sometimes we may call it light
wee may call as soon as two
wee may always call at night
little wee wakes up to cry
we are less than what we are
wee may sleep as soon as noon
sometimes we may call it god
wee may call as late as eight
sometimes we can see the light
wee can call us any time
sometimes we can feel the night
sometimes wee can be alright
the days of the blossoms
the yellow the white
the shoots and the air
and the birds and the bees
the flies and the beetles
the earth and the trembling
the cars that come floating
the buildings come tumbling
the life that sprouts
die tage die blueten
die spitzen die gruenen
die weissen die gelben
die bienen die fliegen
die wogen die steigen
die wagen die treiben
die erde die bebt und
das leben das keimt
Time To Say No! is an initiative inspired by Malala Yousafzai. There is a presentation in Brazil today. Yesterday there was a press conference and poetry reading in Vienna, organized by Austrian PEN. Time to Say No! is about rights. Education and dignity, which means not to be violated, are basic rights of all human beings. We heard female writers from Kenya, Sudan, Iran, India, Bulgaria, a wonderful male voice from former Yugoslavia, Austrian voices: Philo Ikonya, Ishraga Hamid, Sarita Jemanani, Boško Tomašević, Dorothea Nürnberg…. And two poems from China. The first one was “YOUR RED LIPS, A WORDLESS HOLE” 你空洞無聲的欲言紅唇 by Sheng Xue 盛雪, English translation by Maiping Chen and Brenda Vellino, German translation by Angelika Burgsteiner. The second poem from China was Lily’s Story 丽丽传 by Zhao Siyun 赵思云. The book Time To Say No, edited by Philo Inkonya and Helmuth Niederle, also contains poems by Ana Schoretits, Chantelle Tiong 张依蘋, Hong Ying 虹影, Reet Kudu, Wu Runsheng 吴润生 and many, many others.
it is children’s day today
so i’m very very tired
as i’ve been for many years
so i don’t appear so often
so i’m very very late
so i’m here like anyone
so we’re doing what we can
so i’ll have another birthday
so we’ve china to remember
so we’ve 1989
so we’re doing what we can
Verhaftungswelle – Ai Weiwei, vorher schon andere Künstler wie Wu Yuren; auch Ran Yunfei und viele andere Blogger, Teng Biao und viele andere Menschenrechtsanwälte …
Gao Zhisheng (Anwalt) seit Jahren verschwunden, vorher mehrfach inhaftiert und gefoltert
Viele unter Hausarrest und abgeschirmt, in letzter Zeit verschärft, auch Liu Xia, Frau von Liu Xiaobo.
Seit Oktober durfte niemand Liu Xiaobo besuchen, auch seine Frau nicht. Falls Bruder oder Eltern doch einmal hindurften, dann unter Geheimhaltung, alles abgeschirmt, jeder Kontakt nach außen wird strengstens verhindert.
Liu Xianbin wurde letzte Woche wieder zu 10 Jahren wegen Anstiftung zur Untergrabung der Staatsgewalt verurteilt. Seit 1989 bekam er insgesamt 25 1/2 Jahre, u.a. wegen Gründung einer Oppositionspartei. Solche wie ihn gibt es noch mehrere, sie sind halt alle nicht so bekannt wie Liu Xiaobo. Liu Xianbin kam erst 2008 frei, unterschrieb aber sofort die Charta 08 und wurde 2009 wieder erhaftet. Er hat eine Tochter im Teenageralter, die ihren Vater hauptsächlich von Besuchen im Gefängnis her kennt. Es gibt einen sehr interessanten Text von Liu Xianbins Frau Chen Mingxian (leider nur auf Chinesisch), in dem sie von ihrem Leben seit 1995 erzählt. Sie ist einfache Lehrerin, lernte zufällig Liu Xianbin kennen, wurde langsam in die Dissidentenszene hineingezogen, beschreibt sehr eindringlich ihr tägliches Leben in einer kleineren Stadt, mit häufigen Polizeibesuchen.
Seit Februar gibt es im Internet Aufrufe, in 10-15 Städten auf die Straße zu gehen, jeden Sonntag, gegen hohe Lebensmittelpreise, Korruption und viele Misstände; ohne Transparente, einfach Spazierengehen an bestimmten Orten, höchstens manchmal Sprechchöre; darauf wird jedoch mit großem Polizeiaufgebot, Brutalität und vielen teils willkürlichen Verhaftungen reagiert.
Der Dichter Liao Yiwu, der 1989 wegen einer Radioausstrahlung seines Gedichts “Massaker” ins Gefängnis kam, die 90er Jahre hauptsächlich in Lagern verbrachte, dort viel Stoff für Reportagen und Erzählungen fand, die auch ins Deutsche übersetzt wurden, und von einem alten Mönch Flüte spielen lernte, durfte im Herbst 2010 erstmals ins Ausland, nach den Solidaritätslesungen am 20. März (Tag der politischen Lüge, Authors for Peace, Internationales Literaturfestival Berlin) und nachdem sich sogar Angela Merkel für ihn einsetzte. September und Oktober 2010 war er in Deutschland, dann ging er zurück nach Sichuan. Sofort wurde er wieder überwacht, öfters zur Polizei beordert, etc. Heuer wurde er in die USA zu einer Lesereise eingeladen, durfte aber im März wieder nicht ausreisen. Auf diese Weise wird er auch die folgende Reise nach Australien, wo er dasselbe Buch vorstellen sollte, nicht antreten können. Seit den 90er Jahren wurde er 16 Mal in verschiedene Länder zu literarischen Veranstaltungen und Konzerten eingeladen, 1 mal (im Vorjahr) durfte er ausreisen, 15 mal nicht. Liao Yiwu ist nicht das einzige Beispiel; der Dichter Bai Hua durfte lange Zeit ebenfalls nicht ausreisen; ich habe noch von anderen Fällen gehört.
Zhao Wei, der Student, der unlängst auf einer Zugfahrt umkam, ist auch ein Fall, der einen an viele ähnliche Fälle erinnert, von denen man ebenfalls in China gehört hat.
Liu Xiaobo, Ai Weiwei und Bei Ling kennen einander aus den 80er Jahren. Alle Künstler, Musiker, Schriftsteller etc., die jetzt über 30 sind, sind durch das Proteste-Desaster und Massaker von 1989 miteinander verbunden, auch wenn sie künstlerisch, intellektuell etc. überhaupt nicht miteinander übereinstimmen. Dissidenten, auch im Ausland, sind teilweise sehr zerstritten. Liu Xiaobo wird von manchen nicht als geeignet angesehn, die Arbeiter, ArbeitsmigrantInnen etc. zu vertreten, die in den letzten Jahren mit Streiks, Selbstmorden und schon länger auch durch die vielen Arbeitsunfälle in den großen Fabriken in den Industriestädten um Kanton und anderswo von sich reden gemacht haben. Aber auch da gibt es eine Verbindung: Zheng Xiaoqiong, die Arbeitsmigrantin und Dichterin, die 2003/2004 bekannt wurde. 2009 kam eine Auswahl ihrer Gedichte in Taiwan heraus, in einer Serie, in der auch Gedichte der tibetischen Schriftstellerin Woeser erschienen. Am 5. April 1976 begann die Öffnung Chinas, noch vor Maos Tod, auf dem Tian’anmen-Platz mit Gedichten. Auch heute ist Lyrik bedeutender und integrativer, als man glauben möchte. Natürlich ist nicht alles davon immer ‘nur’ Literatur – Kunst und Politik sind in Wirklichkeit weiterhin sehr eng miteinander vebrunden, auch wenn seit den 90er Jahren alle sagen, alles sei nur noch kommerziell geworden. Unter Mao war allles Politik. In den 80er Jahren waren die Verbindungen noch sehr deutlich. Jetzt sind sie auch sehr deutlich, wenn man die Nachrichten hört.
12.4. 19 Uhr
Lesung mit Gerhard Ruiss und Bei Ling (Lyriker, Essayist, Dissident, Biograf des Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo)
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Raum D / quartier21
Gedichte von Liu Xiaobo und Liu Xia
Auszüge aus Essays von Bei Ling und aus der Biografie von Liu Xiaobo
Gedichte von Bei Ling
Es lesen Gerhard Ruiss (IG Autorinnen Autoren) und Bei Ling
Nach der Solidaritäts-Lesung für den inhaftierten chinesischen Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo am 20. März (mit Gerhard Ruiss im Radio – siehe http://archiv.literadio.org/get.php?id=766pr1602) kommt sein Biograf Bei Ling zu einer Lesung nach Wien ins Museumsquartier. Der Versuch der Überwindung von Zeit und Raum ist für Bei Ling seit mehr als einem Jahrzehnt bittere Realität. Der Lyriker war – wegen der Veröffentlichung einer Literaturzeitschrift – selbst in Haft, wurde 2000 auf internationalen Druck hin freigelassen und aus China ausgewiesen. Seither lebt er im Exil.
„Es gibt keine Wahl mehr. Das Blut vieler junger Menschen, jene Seelen, jene eingekerkerten Menschen, und dann noch Xiaobo im Gefängnis – er wird mich verfolgen und auch das, was ich schreibe. Er wird mein Verhalten bestimmen“, das schrieb Bei Ling vor 22 Jahren als er erfuhr, dass sein Freund Liu Xiaobo nach dem Massaker vom 4. Juni 1989 verhaftet worden war – und er scheint recht behalten zu haben. Die Biografie seines Weggefährten Liu Xiaobo ,Der Freiheit geopfert´ ist erst kürzlich auf Deutsch erschienen.
Am 12. April liest Bei Ling mit Gerhard Ruiss Gedichte von Liu Xiaobo und Liu Xia (der Frau des inhaftierten Nobelpreisträgers, die seit Oktober in ihrer Wohnung festgehalten wird). Außerdem trägt Bei Ling aus seinem lyrischen Werk vor und liest aus der Biografie über den Friedensnobelpreisträger.
Die Veranstaltung in Kooperation mit dem quartier21/ MQ wird von der IG Autorinnen Autoren mitgetragen.
die tage die blueten
die spitzen die gruenen
die weissen die gelben
die bienen die fliegen
die wogen die steigen
die wagen die treiben
die erde die bebt und
das leben das keimt
the days of the blossoms
the yellow the white
the shoots and the air
and the birds and the bees
the flies and the beetles
the earth and the trembling
the cars that come floating
the buildings come tumbling
the life that sprouts
In 2004/2005 or so in Beijing, my wife and I became friends with some parents of other kids at the local kindergarten. One mother had studied art in Japan and introduced me to blogging. Since early 2008 I have a website at Yahoo Japan. (I had spent a few weeks in Japan in early 1993, on a boat trip from Shanghai.) There is a blog I maintain at Langmates (translation and localization), another one for poems only (almost) and a harmonized teaser, among others. My translations of poems and various signs and banners in China can also be found on websites set up by Sam Brier (2004) and by Charles Laughlin (Ma Lan’s poetry). MCLC (Modern Chinese Literature and Culture), edited by Kirk Denton, has not only spawned an extensive treasure trove of Modern Chinese Literature and Culture sources, but also an Email-list server which has maintained professional and other exchange services for the international Chinese Studies community and beyond, including some very lively discussions. Recently, list members have introduced their blogs, such as Anne Henochowicz, Andrew Field, Jeanne Boden and Charles Laughlin. The initiative was started by Paul Manfredi.
Liu Xiaobo, the Chinese dissident sentenced to 11 years on Dec.25th 2009 for “incitingsubversion“, was awarded the Nobel Peace prize in absentia in Oslo on Dec. 10th, 2010. Liu’s old friend and Independent Chinese PEN co-founder Bei Ling has written a biography of Liu Xiaobo. Bei Ling started off from an essay he wrote in June 1989 in New York, after Liu Xiaobo had been arrested in Beijing in the aftermath of the massacre throughout the city, as People’s Liberation Army troops forced their way through the streets blocked by protesters in the last phase of the demonstrations on Tian’anmen Square. Liu Xiaobo had returned to China from New York and led a hunger strike of intellectuals on the square, supporting the students and Beijing residents in their demands for civil liberties. Bei Ling‘s essay from 1989 was re-published in Chinese in Hongkong and Taiwan in June 2009, and in the German newspaper FAZ on October 12th, 2010, a few days after the Nobel Peace prize announcement from Oslo. Soon after, the German publisher Riva expressed interest in a biography of Liu. Bei Ling had recently written a literary memoir of his years a Beijing underground poet in the 1980s and a literary magazine editor, shuttling between China and foreign countries, in the 1990s. Liu Xiaobo and other old friends such as Liao Yiwu are important figures in Bei Ling’s memoir, to be published by Suhrkamp in Germany this year. So Bei Ling was ready to write his biography of Liu Xiaobo on short notice. It was a crazy idea, but it worked. We worked around the clock in November 2010, and in early December the book hit the shelves. In the first week, from Dec. 9 to 16, it sold 2500 volumes, according to the publisher. Since then, Bei Ling’s biography of Liu Xiaobo has been reviewed in many newspapers, magazines, on TV and radio stations etc. throughout Germany and in neighbouring countries. This month (January 2011), according to the publisher, the book has started to appear on the Spiegel magazine’s bestseller list, the standard list in the German-speaking realm. On January 11th, 2011, a symposion with Bei Ling, Prof. Weigelin-Schwiedrzik, Prof. Findeisen, Prof. Zhu Jiaming, Dr. Felix Wemheuer and others was held at Vienna University and met with great interest among students and teachers from various faculties. Seehere …
Liu Xiaobo biographer Bei Ling at Vienna University on Jan. 11th, 2011. Photo: Angelika Burgsteiner