in junior high
I went to her place
her mom drying peanuts out in the sun
turning them over
telling us
don’t eat the peanuts
they’re for your big brother’s wedding
she graduated from college
her mom was still drying peanuts
she married
her mom drying peanuts
for her big brother’s wedding
now her own son is already married
her mom is still drying peanuts
ist das ein baum?
das bin ich ganz allein
ist das ein baum im winter?
er ist das ganze jahr so
wo sind die blätter?
die sieht man nicht
warum zeichnest du einen baum?
ich mag die art wie er steht
wird der baum auf die dauer nicht müde?
auch ein müder baum muss stehen
leistet dir niemand gesellschaft?
es gibt vögel
ich sehe keine vögel
ich hör ihre flügel
wenn du vögel hinmalst sieht es doch gut aus?
ich bin alt und blind und seh sie nicht
du kannst überhaupt keine vögel zeichnen?
nein, kann ich nicht
du bist dieser alte und dumme baum
das bin ich
2013-12-12
Übersetzt von Martin Winter im November 2014
LIU XIA. Eine Fotografin aus China. Vernissage am 10.Februar 2015. Ausstellungsdauer: 21.Februar – 19.April 2015 m Martin Gropius Bau Berlin. LIAO YIWU, MARCUS HAGEMANN, MARTIN WINTER
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Qin Bazi 《全民书法》 DAS GANZE VOLK SCHREIBT KALLIGRAPHIE
mit dem pinsel auf reispapier
schreib ich mein neues gedicht ab
von links nach rechts, waagrechte zeilen
ein vers eine zeile
moderne gedichte müssen modern sein
moderne formen
ja nicht die alten nachahmen
ja nicht in dieselben geleise
ein großes rufzeichen
ein großes fragezeichen
ich schreibe und schreibe
verfalle in trance
auf einmal bin ich
in der kulturrevolution
und schreib große poster
säg ab das linke vorderbein
leg dein gewicht aufs rechte hinterbein
du sitzt noch stabil
säg ab das rechte vorderbein
leg deinen schwerpunkt ganz nach hinten
du kannst dich noch halten
säg ab das rechte hinterbein
dein gewicht kann nur am linken hinterbein sein
einbeiniger hocker
du sitzt zitternd und wankend
säg ab das linke hinterbein —
ha!
vierbeiniger hocker
ganz ohne beine
streck aus ein bein noch ein bein
deine eigenen beine
sitzt sehr gemütlich
obwohl du nicht auf den tisch reichst ….
Xidu Heshang THE GUY WHO SELLS SWEET POTATOES IS GONE
only the sweet potato oven is there
on the side of the road
baking by itself
next to the oven
a long line of people
but
the guy who sells sweet potatoes is gone
there is a girl with paper boxes
there is a boy who squats by the road
with a stand selling tangerines
and the cart shouting out stinky tofu
dusk and the scenes of departure
pressed into juice
by the crowd of the evening
parking lot auntie putting her life on the line
chasing a fee-dodging audi
at the bus stop
people coming to blows
only the line at the sweet potato oven
stays in perfect order
but the guy who sells sweet potatoes is gone
2014-12-17
Tr. MW, May 2015
Xidu Heshang DER SÜSZKARTOFFELVERKÄUFER IST WEG
nur der süßkartoffelofen
steht noch an der straße
bäckt alleine weiter
vor dem ofen
eine lange schlange
aber
der süßkartoffelverkäufer ist weg
da ist ein mädchen mit papierschachteln
da hockt ein mann auf der straße
und verkauft mandarinen
und der stinktofu-karren preist laut seine ware
und die menge am abend
presst ihren saft
aus dämmerung und szenen des fahrens
die tante vom parkplatz
riskiert ihr leben,
verfolgt einen audi, der nicht bezahlt hat
an der bushaltestelle
ist eine schlägerei
nur vor dem süßkartoffelofen
steht eine stille geordnete schlange
aber der süßkartoffelverkäufer ist weg
I’ve always felt close
to simple images
like a bench or a shoehorn.
Only doors make me uneasy
mainly because after the gate it gets complicated
and so I have heard
when they make doors
people have built in the sound of knocking.
What is the use of that?
It’s decades since then.
I think it has been useful.
Doors often need a knock on their heart.
2
The door kept in by the doors
is the door to the bedroom.
The door kept out of the doors
is the door of the house.
The door that never needs to be closed
has not been born.
March 2015
Tr. MW, June 1st, 2015
Yan Li 门 TÜR UND TOR
1
bei einfachen erscheinungen
hab ich immer schon ein vertrautes gefühl
zum beispiel eine bank oder ein schuhlöffel
nur bei einem tor trau ich mich nicht so leicht
erstens wirds nach dem tor zu kompliziert
ich hab auch gehört
deswegen baut man bei der herstellung
extra ein klopfen ein in das tor
wofür ist das denn
nach ein paar dutzend jahren
kommt mir vor das ist wirklich nützlich
ein tor muss oft auf sein inneres pochen
2
die tür eingeschlossen von türen
ist die schlafzimmertür
die von den türen ausgeschlossene tür
ist die wohnungstür
und die tür die du nie schließen musst
die ist noch nicht geboren
Every morning at 10
from the high school High-New next to my place
from the big speakers
comes Jackie Chan with his song
“Boys need to be strong”.
Come rain or shine
he wakes me up
and my first words
every morning
are to brother Jackie —
Big brother, I say,
don’t know how many times I have told you
I’m not a boy,
don’t need to be strong like you, don’t need to …
He doesn’t listen at all.
2015-04-24
Tr. MW, June 1st, 2015
Liao Wanning AUFGEWECKT
jeden morgen um 10
kommt aus aus den großen lautsprechern
der mittelschule Hoch-Neu neben uns
Jackie Chan mit seinem song
“Buben müssen stärker werden”
egal ob es stürmt oder schneit
er weckt mich pünktlich
jeden tag wenn ich aufwach
sag ich’s ihm als erstes
großer bruder jackie
ich hab dir’s oft gesagt
ich bin kein bub
muss nicht stärker werden, nicht …
er hört gar nicht zu
”I don’t know very much but my dad says I went to Hong Kong when I was small. But I don’t remember.
He told me how Hong Kong began: At first, there was no Hong Kong, there was Macau. Macau was established by the Portuguese. Before that China had even bigger ships that made it to Africa.
When the Portuguese came to China, they rented a small piece of land and made a small harbour. This small harbour became Macau. Then British people came and wanted another small harbour.
Later the British sold drugs. Chinese officials didn’t allow them to sell drugs. But the British had strong weapons. China could not beat them. They opened fire on many cities. China could do nothing.
The British just sold what they wanted. And built a bigger harbour. This harbour became Hong Kong.”
these days
the kid
is getting weaned
this means I as the father
have to cooperate
this means time and again
to be firm
to grab him
to pull him away
from his mother’s chest
to ignore
time and again the explosions
of crying
till I get him to sleep
sounds of bombs
falling
from the west
along
the fields
still without crops
coming
to the city
a tiny tremble
very tiny
no-one feels it
except
a baby
who cannot sleep
unten im hof
mein sohn muss lulu
ich bring ihn zu
dem bambus
am gartenrand
aber er will nicht
der grund ist
wenn er auf den bambus macht
frisst der panda den bambus nicht
ich bring ihn
auf die seite
schieb ihn ein bisschen weiter
jetzt zieht er die hose hinunter
und pisst beruhigt
in hohem bogen ins gras
und schaut die ganze zeit
in den bambus
Dreamt of two girls, seems I’ve known them for a long time; they are looking for books. My wife and I are on the road, not many books in our room. I am translating Patricia Highsmith. In my dream she writes in Chinese. Can’t give them the novel I am translating, so I take them to my former home, where I lived with my parents. In my dream it’s just through a corridor, books should be plenty. In my room I want to open the blinds; they become dragonfly wings.
MW March 2015. Written in Chinese, tr. May 2015
YI SHA IST VERFLOGEN JETZT TRÄUM ICH CHINESISCH
da sind zwei mädchen
die kenn ich schon lange
die kommen um bücher
meine frau und ich sind unterwegs
nicht viele bücher im zimmer
ich übersetze
patricia highsmith
sie schreibt auf chinesisch
das buch das ich übersetz kann ich ihnen nicht geben
also nehm ich sie mit dorthin wo ich gewohnt hab
das war bei meinen eltern
man geht durch einen gang und ist schon da
dort sind viele bücher
im zimmer will ich die jalousie aufmachen
ich greif sie an sie bewegt sich
es sind die flügel von einer libelle
MW März 2015. Auf Chinesisch geschrieben, übers. am 29. 5. 2015
dein baumelnder ärmel reden und lachen
dein dunkles gesicht voller staub aus der betonziegelfabrik
du sitzt auf einem schemel deine kleider schmutzig
von sand und getrocknetem zement dein fettes haar
strohhut und schäbige plastikschuhe …
dein mann arbeitet in einer werkstatt nicht weit von hier
ich wollte deine trauer um deinen arm suchen in wirklichkeit
hast du gar keine du wählst mit einer hand zutaten schneidest gemüse
kochst essen du hast dich gewöhnt dass dir die maschine den halben arm
abgebissen hat du erzählst mir den ganzen vorgang deine gelassenheit
irritiert mich ein bisschen ich kenn das gesetz und die entschädigung
aber du redest von menschlichkeit und gewissen “der chef ist ein guter mensch
außer den ganzen arztkosten hat er noch vierzigtausend gezahlt”
“ich war unvorsichtig der chef ist nicht schuld” du schlitterst
immer weiter in selbstbeschuldigung hörst nicht auf zu plappern
wie jemand in einem film der weiß gott was getan hat ich hatte vor
dich zu trösten dich erzählen zu lassen von deinem unglück
in deiner erzählung war es für dich nicht so schlimm wie für deinen chef
du redest davon was dir vierzigtausend gebracht haben
zum beispiel dein haus auf dem land in sichuan deine tochter an der uni
bist dankbar für die vierzigtausend für die situation in deiner familie
ich war sehr ungeduldig über die ganze gesellschaft
ich war müde und feindselig muss ab jetzt von dir lernen
freundlichkeit und liebe
dein baumelnder ärmel ich habe noch etwas verstanden
ich wollte dir erzählen vom kampf um dein recht von der art zu leben
die ich verstehe aber dann hab ich nichts zu sagen
ich sitz nur und hör dir zu du malst dir die zukunft
ein schöner ausblick eine vierzigjährige arbeiterin
froh dass es der linke arm war froh dass es sie war
– ein frauenarm – wär es ein männerarm –
von deinem mann wär es schwieriger ….
Glaubst du, du bist eine Intellektuelle?
Glaubst du, du bist eine Existenzialistin?
Glaubst du, du magst Zhajiang-Nudeln?
Glaubst du, du sammelst Antiquitäten?
Glaubst du, du gehst mit der Zeit?
Glaubst du, du bist vorwärts gekommen?
Glaubst du, du hast deine Ideale verwirklicht?
Glaubst du, du liebst dein Land?
Glaubst, du liebst die Wahrheit?
Glaubst du, du wagst es, die Wahrheit zu sagen?
Glaubst du, du fürchtest keine Vergeltung?
Glaubst du, du bist eine gute Schriftstellerin?
Glaubst, du bist eine Dichterin?
Glaubst du, du bist eine gute Mutter?
Glaubst du, du bist ein guter Vater?
Glaubst du, du hast schon mal geliebt?
Glaubst du, du hast Anstand?
Glaubst du, Microblogging bringt China voran?
Frage, Frage, Fragezeichen
Glaubst du, man sollte sie anbeten?
Glaubst du, du bist ein Fangirl?
Glaubst du, es gibt Sachen, die darf man nicht sagen?
Glaubst du, manche Leute darf man nicht provozieren?
Glaubst du, deine Romane sind deine Memoiren?
Glaubst du, du bist begabt?
Glaubst du, deine Dinge werden bleiben?
Glaubst du, du hast ein Geheimnis?
Glaubst du, du hast ein großes Herz?
Glaubst du, du bist jedem gerecht geworden?
Glaubst du, du hast Verantwortung übernommen?
Glaubst du, du hast nach den Regeln gehandelt?
Glaubst du, du findest keine Scham in deinem Herzen?
Glaubst du, du hältst dich für unfehlbar?
Glaubst du, du möchtest dich rächen?
Glaubst du, du fürchtest den Tod?
Glaubst du, du kannst sie um den Finger wickeln?
Glaubst du, du wirst ihnen lästig?
Glaubst du, du hast noch ein Morgen?
Glaubst du, du bist schon zurückgeblieben?
Glaubst du, du bist allein?
Glaubst du, was du da schreibst, ist ein Gedicht?
Der Mensch macht einen verrückt
Lass sie sich doch
selber fragen
2012
Übersetzt von Cornelia Travnicek und Martin Winter im Jänner 2015
untertags bilder schießen
und nachts schlaflos sein
im traum mit einem feind
von liebe sprechen
mit einem spion
mit jemandem gleichen geschlechts
zusammen mit dem, der mich streichelt
zusammen mit dem, der mich grapscht
in einem traum da kann kein großes feuer sein
kein schwerer schnee
gefühle besprechen, menschen morden
manchmal stolpert das herz, manchmal bricht‘s
kleider in schreienden farben tragen
schäumender überschwang
und heißes blut
2012
Übersetzt von Cornelia Travnicek & Martin Winter im Jänner 2015
Chun Sue
DREAMING OF LIVING INSIDE A DREAM
taking pictures by day
then sleepless at night
in a dream with a foe
talking love
with a spy
talking love
in a dream, same-sex love
in a dream with the one who caressed me
in a dream with the one who harassed me
talking love, can’t be no big fire
can’t be no great snow
in a dream, making love, shoot to kill
panicking, heart-broken
showing colourful clothes
going round gushing feelings
or gushing blood
2012
Tr. MW, 2014-2015
Chun Sue MORGENS ÜBER DIE CHANG‘AN-STRASSE
Mein kleiner Bruder sagt: Vater, wir sind auf der Chang’an
schau sie dir gut an
Das ist genau die Chang‘an, die du über zwanzig Jahre lang gegangen bist
Ich sitze beim Vater, beim kleinen Bruder
Fast beginn ich zu weinen
Jetzt erst weiß ich
warum ich diese Straße des ewigen Friedens mag
Langsam, langsam fährt das Auto am Militärmuseum vorbei
an den roten Mauern von Zhongnanhai
am Xinhuamen
Papa ist klein jetzt, er ist eine Urne
die steht zwischen uns
die braucht nicht viel Platz
Das Auto fährt am Tian’anmen vorbei
und ich sehe
wie er auf dem Platz steht
und uns zusieht, wie wir vorbei fahren
Wie soll ich nur über dich schreiben
Du Sohn eines Bauern
Auch ich bin in einem Dorf geboren
Auch ich bin das Kind eines Bauern
Ich lege für dich eine Nacht lang Armeelieder auf
schluchzend und schreiend –
das mag ich auch.
2012
Übersetzt von Cornelia Travnicek & Martin Winter im Jänner 2015
I n-need t-to b-b-break out
f-f-from y-y-your s-sp-pout-ting s-song
b-break o-out o-of y-your h-house
m-m-my sh-shoot-t-ting t-t-tongue
m-m-mach-chine g-g-gunn f-fire
it feels so good
i-in m-m-my s-st-tut-t-ter-ring l-life
the-there a-are n-no g-ghosts
ju-just l-llook at-t m-my f-face
I d-d-don’t c-care!
1991
Tr. MW, 2015
Yi Sha 《结结巴巴》 ST-STO-TO-TT-TERN
m-mein st-sto-to-tt-ternd-der m-mund
b-b-behind-dderter schschlund
b-b-bei-sst- s-ich wund
an m-meinem r-rasenden hirn
und m-meine b-beine –
euer t-trief-fend-der,
schschimmliger schschleim
m-meine l-lunge
i-ist m-müd’ und hin
i-ich w-will r-r-aus
aus eurem g-gross-a-artiggen rh-rhythmus
a-aus eurem h-haus
m-m-meine
sch-schp-prache
m-masch-schinengewehr-s-salven
es tut so gut
in m-meinem st-stott-ttoterndem r-reim
auf m-mein l-leben g-gibt es k-keine l-leich-chen
s-s-seht m-mich a-an
m-m-mir i-ist all-les g-gleich!
1991
Übersetzt von MW im April 2013
<結結巴巴>
結結巴巴我的嘴
二二二等殘廢
咬不住我狂狂狂奔的思維
還有我的腿
你們四處流流流淌的口水
散著霉味
我我我的肺
多麼勞累
我要突突突圍
你們莫莫莫名其妙
的節奏
急待突圍
我我我的
我的機槍點點點射般
的語言
充滿快慰
結結巴巴我的命
我的命裡沒沒沒有鬼
你們瞧瞧瞧我
一臉無所謂
1991
Photos and videos by Beate Maria Wörz
Yi Sha 《精神病患者》 GEISTESKRANKE
theoretisch
weiß ich nicht
wie es sich äußert
wenn eine geisteskrankheit ausbricht
ich hab nur gesehen
in diesem land
in dieser stadt
wenn ein geisteskranker loslegt
streckt er den arm hoch und bricht aus
in parolen
der revolution
theoretically
I don’t know
how it should be
when a mental patient
suffers an outbreak
but what I have seen
in this country
in this city –
a mental patient suffers an outbreak:
up goes his arm
out come the slogans of revolution
1994
Tr. MW, 2013-2014
Photos and videos by Beate Maria Wörz
Yi Sha 《我想杀人》 ICH MÖCHTE JEMANDEN UMBRINGEN
ich fühle mich etwas komisch
ich will jemanden töten
oh! das war letztes jahr
herbst kroch über das laub
zwanzig todeskandidaten
am flussufer nördlich der stadt
“peng! peng!”
einer wurde aufgeschnitten
in der folgenden operation
erhielten WIR eine niere
I am feeling a little strange
– I want to kill someone
Oh! It was last year
autumn crept over the leaves
twenty death candidates lined up
at the river north of the city
„Peng! peng!“
One of them was cut open
and in the following operation
We got a kidney
1994
Tr. MW, 2015
Yi Sha 《9/11心理报告》 9/11 AUF DER COUCH
erste sekunde mund offen scheunentor
zweite sekunde stumm wie ein holzhuhn
dritte sekunde das ist nicht wahr
vierte sekunde kein zweifel mehr da
fünfte sekunde das brennt nicht schlecht
sechste sekunde geschieht ihnen recht
siebte sekunde das ist die rache
achte sekunde sie verstehen ihre sache
neunte sekunde die sind sehr fromm
zehnte sekunde bis ich drauf komm
meine schwester
wohnt in new york
wo ist das telefon
bitte ein ferngespräch
komme nicht durch
spring zum computer
bitte ins internet
email ans mädl
zitternde finger
wo sind die tasten
mädl, schwester!
lebst du noch?
in sorge, dein bruder!
2001
Übersetzt 2013 von Martin Winter
Yi Sha 9.11 REPORT FROM THE COUCH
Ist second: mouth barn-door open
2nd second: wooden-chicken stiff
3rd second: couldn’t believe it
4th second: it must be true
5th second: what a great fire
6th second: well they deserve it
7th second: this is retribution
8th second: these buggers have guts
9th second: must be their religion
10th second: before I realize
my own little sister
lives in new york
I need a telephone
long distance call!
can’t get a connection!
I go storming for a computer
where is the internet
typing out characters
writing an email
shaky fingers
“sister, sister!
are you alive?
your elder brother is worried sick!”
markt in der nacht der sternenglanz
von straßenlampen gedrückt bleiben taschenlampen
blinken beleuchten grünzeug karotten
nacht hat in ihr wurzeln geschlagen
dunkelheit schluckt ihre groben und dunklen züge
sie dreht ihre taschenlampe ein bisschen auf
schwaches flackerndes licht weiß
gelb und braun blinkend wie kleine
glühwürmchen schwankend beleuchten sie
die anzeige der waagebalken das von weit her
transportierte gemüse wind bringt die nacht
dunkel auf dunkel gedrückt tritt sie in schwere pedale
des lastenfahrrads die nacht wird noch dunkler
sie fährt weiter vorwärts beugt sich noch tiefer
bergauf geht es langsamer die grünen blätter auf ihrem dreirad
sind so frisch zart und nass
sie zieht lastendreiräder
der wagen mit stangenbohnen der wagen mit sellerie der wagen mit kleinem chinakohl
wind bläst vom stinkenden fleischmarkt sie zwängt sich
in einen gang zwischen zwei LKW schwenkt ihre
taschenlampe diese fünfundvierzigjährige frau
diese witwe aus hubei diese putzfrau die vor drei jahren
ihre spielzeugfabrikstelle verloren hat schiebt
ihre schweren dreiräder die tief gebückte haltung
lässt sie noch älter erscheinen dunkle haut aufgeschwollen
je schwerer der gemüsewagen desto tiefer bückt sie sich
sie biegt in die gasse vor dem gebäude bleibt ein bisschen stehen
dreht sich um schaut dreht sich wieder um kommt langsam vorwärts
wind wirbelt abfall im wind schwache lichter
beleuchten die ein wenig schmutzige frau
wie einen löchrigen schäbigen traum
sie bewegt sich ein stück noch ein stück
tief in die gasse
sie huschen wie wandelnde seelen am bahnhof
an der maschine in der industriezone im schmutzigen mietquartier
ihre gestalten sind dünn wie messer, weisses papier,
haarsträhnen, luft. mit ihren fingern schneiden sie
eisen. filme. plastik … müde und taub sind sie
wandelnde seelen verpackt in maschinen
arbeitskleidung fließband ihre blitzenden augen
jugendlich huschen sie in ihrem
graudunklen strom ich kann sie nicht unterscheiden
steh ich unter ihnen sind wir auch nicht unterscheidbar
hautsäcke glieder bewegungen unbestimmte blicke lauter
unschuldige gesichter ständig werden sie aufgestellt organisiert
strukturiert ameisenvolk der elektronik bienen der spielzeugfabrik
sie lächeln stehen rennen bücken krümmen sich
werden verkürzt ein paar hände schenkel
sie werden festgedrehte schrauben abgetrennte metallflächen
gepresstes plastik gebogenes aluminium geschnittener stoff
ihr enttäuschter zufriedener erschöpfter glücklicher
aufgelöster hilfloser einsamer … ausdruck
sie kommen aus dörfern weilern gruppen ihre
intelligenten ungeschickten zaghaften feigen …
heute knien sie vor all den hohen hellblitzenden fenstern und türen
wachleute in schwarz glänzende autos grüne mandarinenbäumchen
das goldene fabriksschild gleißt in der sonne
sie knien vor dem fabrikstor halten ein stück karton
mit ungelenker schrift “gebt uns mit schweiß und blut verdientes geld”
furchtlos knien sie zu viert vor dem fabrikstor
die leute um sie herum vor ein paar tagen ihre kolleginnen
aus denselben dörfern freundinnen chefinnen mitarbeiterinnen
ausdruckslos betrachten sie diese vier arbeiterinnen
schauen zu wie die vier kolleginnen von wachleuten weggeschleift werden
wie eine einen schuh verliert wie einer anderen
die hose aufreißt schweigend schauen sie zu wie die
vier knienden arbeiterinnen weggebracht werden in ihren augen
steht weder freude noch leid … ausdruckslos gehen sie in die fabrik
ihr unglück macht mich traurig niedergeschlagen was soll ich sagen
2012
Übersetzt von MW, 2015
Photos and video recording: Beate Maria Wörz
郑小琼
《跪着的讨薪者》
她们如同幽灵闪过 在车站
在机台 在工业区 在肮脏的出租房
她们薄薄的身体 像刀片 像白纸
像发丝 像空气 她们用手指切过
铁 胶片 塑料 … … 她们疲倦而麻木
幽灵一样的神色 她们被装进机台
工衣 流水线 她们鲜亮的眼神
青春的年龄 她们闪进由自己构成的
幽暗的潮流中 我无法再分辨她们
就像我站在他们之中无法分辨 剩下皮囊
肢体 动作 面目模糊 一张张
无辜的脸孔 她们被不停地组合 排列
构成电子厂的蚁穴 玩具厂的蜂窝 她们
笑着 站着 跑着 弯曲着 卷缩着
她们被简化成为一双手指 大腿
她们成为被拧紧的螺丝 被切割的铁片
被压缩的塑料 被弯曲的铝线 被剪裁的布匹
她们失意的 得意的 疲惫的 幸福的
散乱的 无助的 孤独的 。。。表情
她们来自村 屯 坳 组 她们聪明的
笨拙的 她们胆怯的 懦弱的 。。。
如今 她们跪着 对面是高大明亮的玻璃门窗
黑色制服的保安 锃亮的车辆 绿色的年桔
金灿灿的厂名招牌在阳光下散发着光亮
她们跪在厂门口 举着一块硬纸牌
上面笨拙地写着 “给我血汗钱”
她们四个毫无惧色地跪在工厂门口
她们周围是一群观众 数天前 她们是老乡
工友 朋友 或者上下工位的同事
她们面无表情地看着四个跪下的女工
她们目睹四个工友被保安拖走 她们目睹
一个女工的鞋子掉了 她们目睹另一个女工
挣扎时裤子破了 她们沉默地看着
下跪的四个女工被拖到远方 她们眼神里
没有悲伤 没有喜悦 。。。 她们目无表情地走进厂房
她们深深的不幸让我悲伤或者沮丧
Zheng Xiaoqiong
KNEELING, DEMANDING THEIR WAGES
they scurry across like wandering souls at the train station
at the machines the industrial zone squalid rented rooms
their thin female bodies like knifeblades like paper
hair fibres air their fingers cut
iron plastic film etc they’re numb and exhausted
like wandering souls packed into machine tables
work clothes assembly lines their glowing eyes
in the bloom of their youth scurrying into the shadowy stream
they created themselves I can’t tell them apart
I am standing among them no one knows who I am a sack of skin
limbs movement vague expressions one harmless
face after another they are always assembled lined up
forming electronics factory anthill toy factory beehive females
smiling standing running bending curling
each simplified into one pair of hands thies
fastened screws cut iron sheets
compressed plastic curved aluminum cut fabric
their frustrated satisfied weary happy
tangled up helpless lonely expressions
they come from villages hamlets valleys teams they’re intelligent
awkward they are weak timid
today they are kneeling before the shining glass windows doors
black-clad security polished limousines green tangerines
gold-emblazoned factory name shining in sunlight
kneeling at the factory gate holding up a cardboard sign
awkward charakters “give us sweat-and-blood-money”
they look quite fearless as they kneel at the factory gate
surrounded by a crowd days ago they were colleagues
from the same province friends coworkers above or below
women without any expression watching four kneeling women workers
watching four colleagues dragged away by security watching
one of the four losing a shoe watching another worker
getting her pants torn in the struggle silently watching
four kneeling women dragged far away in their eyes
there is no sadness no joy without any expression they enter the factory
their tragedy leaving me sad or depressed
In this home I am the law.
Listen to me:
No drinking. No smoking. No Internet.
No borrowing money from other people, no easy promises to anyone.
No going out for any gathering, not even if they are your best buddies.
No secret meeting with beautiful students. No dirty language.
Absolutely no cursing. No making enemies, not even once.
Of course, this is all by the way.
Most important, you cannot cheat on me. Don’t waste your life.
Every day, write more poems. Every week, go play basketball. Take me out on many trips.
Buy foreign language books with me. Next year you propose to me.
The year after you marry me.
From then on we are one heart and one mind, you are with me and with our child.
Treat my parents well, just like you are obedient to your own parents.
This is no game. I am writing this down. This will be hanging over our bed.
Put down your thumb print. I will keep this forever.
Tr. MW, May 2015
Zuo You GESETZESTAFEL DER FREUNDIN
in dieser wohnung bin ich das gesetz.
hör mir gut zu:
kein alkohol. rauchen verboten. kein internet.
kein geld ausborgen von anderen leuten. keine leichten versprechungen.
kein ausgehen zu deinen versammlungen. nicht einmal mit deinen besten freunden.
keine rendez-vous mit schönen studentinnen. kein schimpfen!
nicht ein schmutziges wort. keine feindschaften, nicht eine einzige.
natürlich ist das alles nicht das wichtigste.
am wichtigsten ist, du darfst mich nicht betrügen. darfst dein leben nicht vergeuden.
jeden tag schreibst du noch mehr gedichte. jede woche basketball. mach öfter reisen mit mir.
geh oft mit mir fremdsprachen-bücher kaufen. nächstes jahr bittest du um meine hand.
übernächstes jahr wirst du mich heiraten.
von da an bist du immer gut zu mir, und zu dem kind, das ich gebäre.
sei gut zu meinen eltern, so wie du deinen eltern gehorchst.
schau nicht so, das ist kein spiel. ich schreib es, du hängst es über dem bett auf.
du machst einen stempel mit deinem daumen. das wird jetzt für immer aufbewahrt.
am muttertag
wird
beim eintritt
in die
russische raumfähre
der befreiung
die außer
vor 70 jahren
kontrolle
atmosphäre
von mauthausen
gedacht
geratene
ist verglüht
I am one semen
in my mother’s belly
competing with the other semen
sprinting as fast as I can
to be the first
at the finish
and become the champion
If I don’t run
faster
if I’m not
the champion
there will be
no me on this world
ein kleines geschäft
im pissoir
im becken ist ein fußballtor
mit einem ball
das zweite mal im leben
dass ich das sehe
hat jemand das tor
falsch herum gespült
ich mach einen umweg
hock mich beim becken im boden hin
jetzt bin ich ersatzmann
zuerst hab ich gedacht
hillary hält sich die hand vor den mund
weil die navy seals
wehrlose töten
dann hab ich gelesen
der eine hubschrauber
ist beim landen gecrashed.
das war der moment
der gimpflich ausging.
MW April 2015
SITUATION ROOM
at first I thought
hillary puts her hand on her mouth
because the navy seals
are killing women
and unarmed men
around bin laden.
later I read in a book
a helicopter crashed
that was the moment
when no-one was hurt.
in yunnan hat jeder baum feste brüste
in jedem obst summt ein bienenstock
schlürfst du ihren saft, scheint die sonne auf dich
du brauchst solches glück, sonst verstehst du das leid nicht
ein mädchen weint unterm mangobaum, ihre liebe
ist ein elefant mit schwerem hintern. gestern noch saß sie
hinten auf dem motorrad, ihr freund mit rotem haar
fegt wie ein sturmgewehr, röhrt oben vom berg bis an den fluss.
der pfau, ein blauer dämon, ein kalter hahn, und berechnend
der pfau ist schön wie eine frau, der hahn ist ein dorfbürgermeister
kühl ist der mond, eine weiße taste springt auf einem schwarzen klavier
aus der kokosnuss am himmel gießt jemand kokosmilch
morgendämmerung, reispflanzerinnen spielen die felder hinauf
er streckt seine hand
hinter die friseuse
mit geübter bewegung
greift er ihr an den hintern
ich hab alles gesehen
am sitz neben ihm
kann ich es verstehen
eine menschliche regung
was ich nicht tolerier
sein gesicht im spiegel
die art von grinsen
nicht wegen der bewegung der lippen der zunge
wegen eines besonderen gefühls
nur weil er
als der andere teilnehmer
nachher
mit dem handrücken
seinen mund abwischte
at vermont studio center
drugs are taboo
no smoking inside
in case of sexual harassment
please dial this number
with a sigh I said to martin:
“even charles bukowski
such a great writer
had to go out himself to buy alcohol
this would never happen
in china …”
later we found
johnson town supermarket
stacked all kinds of booze
we breathed a sigh of relief
for old bukowski
one day later
we found the shop at the gas station
closer from the studios
another sigh of relief
for old bukowski
even later than that
we found a place
looked like a liquor store
complete selection
of local specialties
at cheaper prices
now
we could be rather sure
bukowski’s days at vsc
were happy days
drinking
and writing to his heart’s content
bukowski was happy
we were happy too
Oct. 2014
Tr. MW, 2015
Yi Sha 《与布靠斯基同行》 MIT BUKOWSKI UNTERWEGS
im künstlerzentrum
sind drogen verboten
besonders das rauchen
bei sexueller belästigung
gibt es einen notruf
ich sage seufzend zu martin:
“sogar charles bukowski
der große dichter
musste hier selbst nach alkohol suchen
das wäre in china
undenkbar ….”
nachher fanden wir
im großen supermarkt mitten im ort
die regale voller alkohol
wir atmeten auf
in gedanken an bukowski
später fanden wir
bei der tankstelle auch einen supermarkt
noch näher am künstlerzentrum
wir atmeten noch einmal auf
für den alten bukowski
noch später
entdeckten wir ein spezialgeschäft
lauter alkohol in allen sorten
außerdem billiger
jetzt war es entschieden
wir konnten sicher sein
im vermont studio center
war bukowski glücklich
trank in frieden
schrieb in frieden
bukowski war glücklich
wir waren es auch
Oktober 2014
Übers. v. MW, 2014-2015
Yi Sha 《飞越太平洋》 FLUG ÜBER DEN PAZIFIK
von china nach amerika
von peking nach detroit
ich hatte geglaubt
wir würden den weiten pazifischen ozean
überqueren
doch unser flugzeug
war praktisch die ganze zeit
über festem boden
von peking nach nordosten
über harbin hinweg
ich sah die lichter
dann ging es nach russland
über das äußere hinggan-gebirge
über die halbinsel kamtschatka
über die beringsee
(der einzige schmale streifen meer
den wir überflogen)
dann kam alaska
(also war ich schon in amerika)
wir überquerten die kordilleren
flogen durch kanadas öde weiten
und dann nach südosten
bald darauf die landung
im üppigen grün
der häuser und villen rund um detroit
nach meinen informationen
gelangten die eskimos
aus der mongolischen hochebene
über genau diese route
auf den amerikanischen kontinent
Ende Sept. 2014
Übers. v. MW, 2015
Yi Sha 《窗外》 DRAUSSEN VORM FENSTER
jede nacht
fährt ein auto
auf der pearl street an meinem fenster vorbei
schnell wie der wind
ein mobiles
heavy metal konzert
lang nachdem der wagen verschwindet
hallt die musik in meinem herzen
das ist amerika
jedenfalls hab ich in china
oder in anderen ländern
so etwas nicht erlebt
Okt. 2014
Übers. v. MW, 2014-2015
Yi Sha 《异国小镇》 KLEINE ORTE IM AUSLAND
“solche kleinen orte
da krieg ich gleich
ein unheimliches gefühl
wahrscheinlich hab ich
zu viele amerikanische filme gesehen”
sag ich zu martin
martin antwortet:
“das geht mir auch so”
(hätt ich nicht erwartet)
“gibt es in österreich
auch solche orte?”
“natürlich, sehr viele”
“wenn du solche orte siehst
hast du dort auch
ein unheimliches gefühl?”
“ja”
“warum? dort ist deine heimat
dort muss dir alles vertraut sein …”
“in solchen orten
gibt es auch neonazis”
Okt. 2014
Übers. v. MW 2014-2015
Yi Sha 《在天涯》 AN DEN RÄNDERN DES HIMMELS
drückt mich lässt mich nicht los
heimatland
im computer
in einem roman von wolf haas
über die missionarsstellung
zieht der erzähler
über das wort t-kreuzung her
die t-kreuzung gebe es gar nicht
das sei ein amerikanismus
ich habe einen vorschlag:
teebeutelkreuzung
Ma Fei A CONSOLATION FOR THE LATE MR. ZHANG, MY FORMER TEACHER
In junior high,
there was a character,
I wrote it wrong
again and again,
every time
we had a dictation.
Now I can write it,
I’ll write it for you:
“rain” on the top,
“worms” down at the left,
as in “insects and worms”.
“Inside” at the right,
like “outside and inside”.
I can write it correctly
and make a phrase:
“fog-like haze”.
I can make sentences with “haze”,
many sentences.
Tr. MW, April 2015
Ma Fei FÜR HERRN LEHRER ZHANG IM HIMMEL ZUM TROST
in der mittelschule
gab es ein zeichen,
das schrieb ich immer falsch.
immer wieder,
jedesmal
beim diktat.
aber jetzt kann ich es schreiben.
ich schreib es dir vor:
oben kommt “regen”,
unten links “würmer”,
wie “insekten und würmer”.
unten rechts “innen”,
wie in “außen und innen”.
und nicht nur das,
ich kann das zeichen gebrauchen:
dunstglocke.
ich kann auch sätze mit “dunst” bilden,
ganz viele sätze.
I imagine
I am standing at the chairman’s rostrum
where hitler stood
but from up there you see it more clearly
all those kinds of olympic events
all sorts of people doing their best
no way of telling overall quality
how could he have arrived at
superiority of the german race?
he was a politician
for a raving politician
what does sport count after all?
he is so selfless
he can forget on the whole square
he’s the most meager ghost of them all
a pathetic born clown
2008
Tr. MW, April 2015
Yi Sha BERLIN 1936
ich stell mir vor
ich steh auf der plattform des vorsitzenden
dort wo hitler stand
aber von oben seh ich noch deutlicher
in allen sparten der olympiade
tut jeder sein bestes
alle arten von menschen
wie war es möglich wie kam er
zur überlegenheit der germanischen rasse?
er war ein politiker
was bedeutet der sport
für einen politiker mit minderwertigkeitskomplex?
er ist so selbstlos
vergisst dass er auf dem riesigen platz
der allerkleinste magerste teufel ist
der geborene clown
eines tages komm ich von draußen
geh durch den hof
von einem balkon
fragt mich ein bariton:
“bist du ein olympischer fackelträger?”
instinktiv
will ich antworten
aber da stimmt etwas nicht
das war nicht der herr dieser wohnung
– ein fanatischer sportfan
– es ist ein häßlicher papagei
papageien haben doch kinderstimmen?
wieso ist der ein bariton?
allen wesen will ich freund sein
deshalb sag ich ehrlich: “nein.”
aber der papagei ist kein freund,
gibt zurück: “nein – schwachkopf!”
die olympiade rückt jeden tag näher
das vieh wird immer lebendiger
sogar etwas hysterisch
heute morgen sieht er mich
und kommt mit fließendem englisch
(englisch ist immer die sprache der vögel)
ONE WORLD ONE DREAM
ich bin ein rachsüchtiger mensch
denk noch an den “schwachkopf”
also sag ich ihm: “FUCK!”
nachher schreit er die ganze zeit: “FUCK! FUCK! FUCK!”
die lieben frauen im hof die ihn schon adoptiert haben
springen wie von einem erdbeben
these days I’ve been reading
a biography of mao zedong
published overseas
each day a few chapters
many times
in the middle of reading
I have been grinning
having to think of
an older friend from former times
I’m surprised to discover
in many ways
he was learning from mao
his way of thinking
his style of talking
his habits on stage
I discover such older friends
are still all over town
they are all around us
even my father
is one of them
reading further
I discover I am
different from them
but the scary thing is
though I never tried to imitate him
the resemblance is there
2008
Tr. MW, 2015
Yi Sha 《毛》 MAO
in diesen tagen
lese ich eine außerhalb
des chinesischen festlands publizierte
biographie von mao zedong
jeden tag ein paar kapitel
viele male
mitten im lesen
muss ich grinsen
ich denk an einen
älteren freund
ich komme darauf
in vielerlei hinsicht
macht er mao nach
die art zu denken
die art zu reden
die art wie er auftritt
ich komme darauf in wirklichkeit
gibt es noch viele wie ihn
überall rings um mich
sogar mein vater
gehört dazu
beim weiterlesen
bemerk ich ich selber
bin nicht so wie sie
aber es ist noch schlimmer
ich mach ihn zwar nicht absichtlich nach
aber es kommt das gleiche heraus
das dach der volksschule war schräg
die schülerin aus der nebenklasse ging an meinem fenster vorbei
die meute las gerade mit herrn wang zusammen eine herde papageien
nach links hinunter waagrecht waagrecht senkrecht bogen und haken
nach links hinunter waagrecht waagrecht senkrecht bogen und haken
das war mein erstes chinesisches zeichen, deins auch
die erde bebt
als ob der himmel brennt
walter
du stehst am brückenkopf
hörst die kirchenglocken
ein schlag nach dem andern
unter den parteistandarten
die altstadt ein haufen ruinen
walter
du weißt was du gebrauchst
ist nicht mehr ein kennwort
was verteidigt werden muss
ist auch nicht nur
der boden
es ist der wind
ob er durchwehen kann
die gassen in feindeshand
zwischen verlassenen
häusern hindurch
auch wenn nur eine
eidechse überbleibt
spricht sie serbokroatisch
vielleicht bleiben nach einer explosion
nur noch kreisende mücken
aber du musst dich dennoch anzünden
walter walter
die erde bebt
als ob der himmel brennt
mein pass ohne visum
mit dem brief auf englisch
ist schneller als ich
zuhaus angekommen
vier jahre später noch einmal abgelehnt
nach amerika england
die begründung wie letztes mal:
dieser mensch will emigrieren
(tut mir unrecht!)
nur der unterschied ist
der beamte hat im vergleich zu den amis
konkrete anhaltspunkte
dass ich verdächtig bin
auf der einladung des aldeburgh poetry festivals
steht ganz unumstößlich
der beweis für mein verbrechen:
sie zahlen 200 pfund für meine lesung
der beamte schließt messerscharf: bezahlte arbeit
verstößt gegen britische paragraphen
und gar mein gedichtband der bald publiziert wird
sogar mit geld für mich im vertrag
huch! ich bin noch nicht in england
und hab dort schon gesetze gebrochen
andrerseits, diese 200 pfund
werden für dichter aus anderen ländern
eher nicht zum grund für ein ähnliches schicksal
die machen das festival
nun schon zum zehnten mal
die dichter aus irland australien
usa südafrika werden eher nicht abgelehnt
wegen etwaiger immigrationsabsichten
(die sind als emigranten wahrscheinlich willkommen)
also muss man sagen ich vertrete mein land
(noch eine furz-goldmedaille für china)
wegen dieser leute die unbedingt dort bleiben
schwarztellerwäscher schwarzbauarbeiter
was weiß ich vertret ich
ok dann vetret ich sie
wer hat mir geschaffen
der große chinesische dichter zu werden
2008
Übersetzt von MW, 2015
she was talking again about her stuff
I was falling asleep
but when she said for the first time
“my heart is broken like ground meat for pasta”
I woke up that moment
to tell her she’d said something very interesting
but she cried even more
OUR WOMEN
– for the women detained in China around March 8
they cannot speak for our women
nobody can speak for our women
anyone who is not from our women
is against our women
they’re not legitimate
how could anyone speak
for our women?
only our women
speak for our women
MW April 2015
AUSTRIA 1%
about austria
about major major
a bout a bout
of mozartkugel
about 1 percent of the earth
we are a gated community
in a gated community
in a gated community
have you watched our new year’s concert?
have you seen our spanish horses?
have you read our serbian writers?
milo dor was a good one
99 percent of us are not rich
relatively speaking
vienna, austria
two o’clock in the morning
yi sha from chang’an
my chinese dream
let’s go for a walk
get lost in the woods
two protected species
two or three
chinese european rare deer
and from chicago
you know the smallest number of people who ever came to my exhibition?
four.
myself, the gallery boss, a friend of mine who came all the way from denmark
and an old guy
who was lost.
he lived next door in a home,
mixed up the entrance,
walked in,
saw one painting,
bought it right away,
saying, “this is me!”
the lamp in the fruit department is red.
the lamp in the meat department is red.
in the alley at the night market,
red lantern hanging over each stand
the spotlight at the prize ceremony is red.
the guy on the stage with the prize in his hand,
he is one red-hot item,
red like he works in a darkroom.
when I was at work at the factory,
when there was not enough electricity,
the light bulb went red.
my master said: turn the screw on tight!
I praise cigarettes
the fingers that produce them
I imagine where tobacco comes from
in that golden season
people appear in and out of the sun like black slaves
a battered truck drives into the distance
smokestacks puff out grey curling clouds
the cigarettes I crave
that’s where they come from
on the assembly line
they are like bullets ready to fire
or like rows of standard white poplars
but I cannot compare them like this
I know the meaning of work
every good cigarette
retains a heavy taste of sweat
each time I enjoy them
watch them burn to ash
in a short time
I have a special satisfaction
because I care about origins
1989
Tr. MW, April 2015
Yi Sha LOB DER ZIGARETTE
ich preise zigaretten
die hände die sie produzieren
ich stelle mir vor wo der tabak herkommt
in der goldenen jahreszeit
leute tauchen auf aus der sonne wie sklaven
ein verbeulter lkw fährt in die ferne
schornsteine speien ringelnde wolken
die zigaretten auf die ich warte
dort kommen sie her
auf dem fließband
sind sie wie patronen fertig zum schießen
wie standard-reihen von weißen pappeln
aber so kann ich sie nicht vergleichen
ich weiß was arbeit heißt
eine gute zigarette
hat noch das schwere aroma von schweiß
wenn ich sie genieße
wenn sie in kurzer zeit
abbrennen
hab ich eine eigene befriedigung
ich achte auf herkunft
heute ist karfreitag
ein strahlender tag
viel schöner als viele andere tage
wolken und regen, aber nicht viel
wolken und regen heißt etwas anderes
in der sonne ist es recht warm
der wind ist noch kalt
heuer ist ostermontag der tag des grabes
in china
mein vater ist grad 75 geworden
unser sohn ist 10, unsere tochter ist 12
als baby war sie ein engel
wenn sie nicht schrie
vieles war nicht leicht
vieles ist ungewiss
vieles klingt vielversprechend
manches ist jeden tag fast dasselbe
unsere tochter schreit immer noch
und ich auch
heute ist karsamstag
eine zeitlang war es wärmer als gestern
somewhere in the south on a restaurant table
I saw a pagoda
of red shining pork
(I hope I don’t remember its name)
when it appeared
I gazed on that thing
couldn’t take off my eyes
all the other dishes
had become worshippers
I was a worshipper
until I remembered
where I was born
in tibet
all those believers around a pagoda
their heads on the ground, offering incense
I was one of them
now I am one of them here
all those years, I kept my respect
for the mystery of a pagoda
I also kept my taboos about foods
looking at this pagoda of pork
red dazzling meat
I understand what appetite means:
people will eat all they can eat
and they will eat up all things they can’t
raising their chopsticks, sharing the food
the shining pagoda
pork dazzling red
I didn’t hear any sound
but it was as if I could see the dust
the rumbling dust
of our beliefs prostate on the ground
shoved down the throats of other people
their juices have no taboos
they clear it up without any sound
am ersten april sind die straßen ganz voller leute
am ersten april stehst du und wirst ein spucknapf
wartest auf den straßen der stadt bis dir jemand
erzählt von feuer, vom krieg
von sachen die nicht jeden tag vorkommen
das hat ein spucknapf davon dass er wartet
auf einen dicken mundvoll – die lust der erwartung
den ganzen tag
die sonne rutscht ihm vom scheitel hinunter
wie eine fliege mit rotem kopf
ausrutscht und sich das rechte bein bricht
auch diese blicke die bleichen
die kommen herüber
und bleichen die roten vorhänge vor den geschäften
die bürger der stadt
sind voller kultur
nicht ein einziger schöner
faden von speichel
heute bleibst du ganz sauber
und ganz allein
an sonstigen tagen
bückst du dich und sammelst
den schleimigen schorf
das blut von den lügen
in meiner brust
in meinem herzen
wächst ein wald von pagoden
es sind lauter dichter
aus alten zeiten
verstummt
stehen sie
deshalb bin ich so ernst
in mir funkelt
ein licht von buddha
der glanz den du siehst
in meinen augen
grenzenloses leid
kein ausweg in sicht
hier ist mein eigener turm
er hilft mir nicht zu schweigen
die spitze ragt bei mir aus dem mund
das ist meine kleine pagode
im großen wald
in dieser kleinen pagode
tief in meinem körper
bin ich ganz enthalten
Yi Sha 《善良的愿望抑或倒放胶片的感觉》 FROMMER WUNSCH ODER DAS GEFÜHL EINEN FILM ZURÜCKZUDREHEN
patronen schießen zurück in die rohre
worte ziehn sich zurück in den stift
schneeflocken fliegen hinauf von der erde
der helle tag rennt in die sonne
züge verstecken sich alle im tunnel
ruinen richten sich auf als gebäude
maschinen zerfallen in einzelteile
kinder kriechen zurück in den bauch
auf den straßen sind weniger leute
blätter springen zurück auf die zweige
das lebensmüde mädchen hüpft in den zweiten stock
verschwundene lösen sich von den vermisstenanzeigen
hände nach leuten ausgestreckt gehn zurück in die taschen
braut entflieht der hochzeitsnacht
und erlebt ihre erste liebe
der junge bursch wird ganz unschuldig
saugt an einer flasche nicht an zigaretten
und sie kommt zurück
geht rückwärts in mein kleines zimmer
ich entfliehe dem kalten
und fremden bahnhof
bin zurück auf der schulbank
mit einem roten tuch um den hals
steh auf für den lehrer sitz in der stunde
jeden tag nach oben lerne fleißig
im antiseptischen
flughafen: eine frau
hält ein schild: “papa”
MW 2015-03-12
标牌
维也纳
等中国来的飞机
消毒的机场
年轻的中国妇女
举牌
”PAPA“
2015-03
OMI IST IN DER BUTTERMILCH
Wir sitzen im Zug
Zurück nach Wien
Am Stuhleck sieht man den Lift
Am Semmering liegt auch noch Schnee
3 Dichter im Zug
2 Dichter aus China im Zug nach Wien
Von Graz nach Wien
Ein Frühlingstag
Von Graz nach Bruck
Entlang der Mur
Frisches Brot
Mit Buttermilch
Du bist in der Buttermilch
Meine Kindheit
Ist in der Buttermilch
Deine Wohnung
Ist in der Buttermilch
Leben
Ist in der Buttermilch
18. März 2015
SCHÖN
die sonne ist heute wirklich recht schön
ich kann mir noch aussuchen was ich heut tu
schreib ich halt ein gedicht
ich hab gerade ruth klüger gelesen
sie erzählt von wien
auch in der sprache
ich sitz in der wohnung
warum räum ich nicht auf
wenn ich schon nicht arbeite
sollt ein bisschen schlafen
gedichte ordnen
abschicken
ruth klüger hat zwanghaft gedichte gelernt
von uhland und schiller
als jüdisches kind
die sonne ist heute wirklich recht schön
sobald der regen weg ist
ich seh zum ersten mal einen baum
hör die möwen
oder die krähen
ich ich ich
warum schreibt man ein gedicht?
man erholt sich halt wie man kann
gestern war ich wieder bei martin
hab mit leo gespielt
seinem zehnjährigen sohn
in der nacht im traum
war ich sein kleiner spielkamerad
zehn jahre alt
sollte in österreich noch einmal aufwachsen
alles frühere ausradiert
unglaublich kompliziertes
gefühl
völlig durcheinander
martin und ich
kommen zum tiergarten
er hält ein kind
in windeln gewickelt
vor uns erscheint
eine riesige schlange
hebt ihren kopf
will das baby verschlingen
ich versteck mich hinter martin,
sag ihm: “schnell, gib mir das kind,
ich renn zuerst …”
drachenpferdhaus-sommerinsel des meisters
tranströmer- apfelbaumhain
was ich sage im herzen
ist nur für deine ohren
der alte versteht mein gedicht “farbenblind”
und lässt es gelten
aber ich entspring noch einmal
aus dem freudenmoment
auf dem couchtisch liegt
sein gedichtband auf hindi
ganz frisch hergeschickt
aber ich neid ihm nicht seinen erfolg
sondern wie er geliebt wird
in seinem alter
seit 12 jahren
vom schlaganfall stumm
kann grad noch summen
wie eine biene
nur seine monika
versteht was er sagt
seinen ganzen ausdruck
wie ein kind dass sich verirrt hat
voller erwartung
schaut er sie an, schaut sie an
liebe
ist das unsere zukunft
kann ich es verdienen
ich will nichts mehr sagen
von heute an
werd ich mich bemühen
Please take a look at my previous translations of Jun Er’s poems:以前翻譯了《針織廠》 KNITTING MILL、《鼠鈔》 RAT NOTES、《海棠花開》 CRABAPPLE BLOSSOMS。Today I have translated five poems – two into English, three into German. 今天翻譯了《懷念》、《色與空》、《啤酒花的來歷》、《給不在世的姐姐算命》、《一天》。別的也很喜歡。《歌鐘》、《體內異端》。。。
都因為碰到《熱愛讓我擁抱了它們的名字》很喜歡,一時不能翻譯,就翻到其他的。。。
Jun Er COLOR AND SPACE
my son – I hadn’t thought
the embarrassment I had met with
you would know it all over
our skin for example
we are those mesons
another kind
between black and yellow people
white in africa
dark in asia
what if we feel proud of ourselves?
and why the hell not?
2009
Tr. MW, 2015
Jun Er ONE DAY
sometimes I admire foreign women
sometimes I shop at taobao.com
sometimes I come home with garbage
sometimes my half soles come out of my shoes
May 2013
Tr. MW, March 2015
Jun Er SEHNSUCHT
lass mich hier im zimmer sitzen
sehnsucht verstehen
sehnsucht nach fremden phänomenen
leuchten zwanzigtausend jahr
in der ferne
in zwanzigtausend stillen jahren
bist du gekommen
bist verflogen
hast mir lauter blüten gemalt
auf meinen sutren
lass andere generationen
riechen und einander finden
om mani padme hum
lass meine gebetsmühlen fliegen
2004
Übers. v. MW, 2015
Jun Er WOHER KOMMT DAS BIER?
das bier das wir trinken
ist aus gerste gebraut und einem kraut namens hopfen
das kraut hat dornen und viele namen bei uns schlangenhanf
es bringt den geschmack ein bisschen bitter
Übers. v. MW im März 2015
Jun Er WAHRSAGEN FÜR MEINE SCHWESTER IM HIMMEL
große schwester
früher hab ich bücher verwendet
jetzt sitz ich am computer
rechne dein schicksal aus
ein horoskop
für jemanden der nicht mehr auf der welt ist
gibt es etwas absurderes
du hattest 46 punkte
ich 58
wir hatten beide zuwenig
12 punkte unterschied
du besuchst die gelben quellen
ich kleb noch am staub dieser welt
faul. schläfrig. wehr mich…
große schwester
schnee auf dem bildschirm
find dein gesicht, deine stimme nicht mehr
wo du jetzt bist
was ist das für eine welt
braucht man dort auch sechzig punkte
um durchzukommen
wie viele wiedergeburten
haben wir dann zuwenig punkte gemeinsam
in der wievielten komma wievielten
wievielten welt
3 uhr in der früh
ich geh durch den torkelnden wohnblock
und seh einen hund
den schwanz eingezogen
die nase am boden
ich werf ihm einen fleischfladen hin
aber er saust davon!
“Hund beisst Lü Dongbin!”
schimpf ich ihm nach
bück mich und heb
den fleischfladen auf
werf ihn in eine tonne
dann fällt mir ein
das war mein
frühstück
early morning, on a bus passing
an old narrow lane
feeling cold, not really awake
a small iron gate, halfway open
a little girl with a red schoolbag
walks out of that rusty gate
old motorcycle waits at the curb
dark, skinny father
before she climbs on the bike
she shouts towards the house
a woman in grey scurries out
holds the little girl’s head
messing her hair
woman says something
starting to laugh
man also laughs
little girl laughs
mouth after mouth, white gleaming teeth
when the earthquake struck in haiti
it was very different
from the sichuan earthquake two years ago
for me it was
only a piece of news
200.000 people dead
one more thing on the news
I had time and leisure
to wonder at the name
Port Au Prince
sounds rather bourgeois
I had time to remember
many years ago
one of the poorest most autocratic lands
on the planet
had had a man-eating dictator
it was my education
teaching me to make a difference
from childhood they taught me to be chinese
no one taught me to be a child of the earth
2010
Tr. MW, 2015/3
Yi Sha ERDBEBEN IN HAITI
in haiti passiert ein erdbeben
es ist ganz anders
als das erdbeben in sichuan vorvoriges jahr
für mich
ist es nur in den nachrichten
zweihunderttausend leute tot
nur in den nachrichten
ich hab noch die zeit
nachzudenken
über den namen der stadt
port au prince
klingt sehr bourgeois
ich kann mich noch erinnern
vor vielen jahren
an der spitze eines der ärmsten länder
auf dem planeten
saß ein kannibale
das war halt meine bildung
ich lernte zu unterscheiden
ich lernte ein guter chinese zu werden
und nicht ein guter bürger der erde
how many cows did I eat?
how many hogs
how many sheep
how many fish
how many hens
how many ducks
how much wild game
how much seafood
how many ….
how many decades!
what’s left after eating?
a set of false teeth.
what flies in the sky,
what runs on the earth,
what swims in the water,
piled into a mountain of meat.
yi yu! what a great peak!
now I am going to spit them all ounce by ounce …
outside of broadcasting studio #1
I’m holding on to a marten fur coat
stumbling about
I am holding the coat
for a #1 singer queen just like wang fei
to everyone
of the people who ask me what I am doing
I throw them one sentence
resounding and clear:
“I am a poet!”
“I am a poet!”
“I am a poet!”
finally there comes the day
of the last dress rehearsal
the director with pubic hair on his chin
is thinking of something
he’s calling me over:
“hey! you are a poet, right?”
how about a recital for our show?”
and so
with a country girl who sings in the underpass
and two migrant workers straining their throats
to tell you they’re old and alone
I am representing the downtrodden masses
the evening before the lunar new year
maybe because I’m a poet
I don’t look as nervous as the three others
ein kleines kind baut im sand am strand den sommerpalast, windsor castle, den kreml, den eiffelturm, pyramiden mit mumien und pyramiden von mayas mit menschenopfern
wind weht streichelnd vom meer
von der sonne ein goldener glanz
dann steigt die flut, es ist aus mit der menschheit
after my son wrote his first poem
after I went through six poems
he wrote in one month
with the most critical eye
I think I could muster
when I firmly believed
he had what it takes
I sighed with relief
raised my head
discovered this world
had improved very much
in this very moment
I lost my anger, my fighting spirit
no angry words deep down in my heart
I was loosing my balance
stretched out my hands
for something to grab
something to hold onto
the apples that year
made up on the stage
caressed my disease
like one crazy bun
sexy, beautiful, close to the skin
the apples that year
flew down to earth
they lit up my road coming home
oh how they needed photosynthesis
I held her skin and all
then I understood
the pain in my back
apples in their last year
your body most pure
blown ripe by the wind
no way to go forward, no path to retreat
a pair made of jade like ice doesn’t melt
cannot be put to rest
Auf dem Bus an einem Tag mit viel Schnee
stehen zwei Kinder hinter mir,
eingestiegen im besseren Viertel.
Aus ihrem Gespräch
weiß ich sie wollen Schneebrillen kaufen,
von Prada und im Restaurant neben Prada
etwas einschaufeln.
Sie kommen von
Brillen zu Luxuswagen,
dann zu tausend-Dollar-Handys.
Ich seufze schon.
Die Reichen haben gern ihren Willen.
An der Station “Zweite Technik-Straße”
sehen sie jemanden telefonieren
und einer sieht sogar,
der Mensch mit dem Handy
verwendet ein Apple 6.
Und so planen die beiden Kinder
einen Raubüberfall.
Die Ausführung, die Flucht,
etwaige Verfolgungsszenarien,
wie zu reagieren ist –
mit bestechender Logik,
sie denken an alles,
sind wirklich begabt.
Vorbei an der früheren Adresse
der 1. Grundschule Hoch-Neu,
sprechen sie von früheren Mitschülern.
Das Mädchen So-und-so sei zwar hübsch
aber vom Dorf;
der Schüler So-und-so
ein armer Teufel,
die besten Noten nützen ihm gar nichts.
Jetzt dreh ich mich um,
sie sind von einer berühmten Schule in Uniform,
einen halben Kopf größer als ich,
ungefähr 16, 17.
Aus den sauberen Gesichtern
blitzen Durchtriebenheit
und kühles Blut.
Sie schaffen es sicher
auf die beste Uni.
Ein paar Semester in Europa, Amerika
und Doktorabschlüsse.
Ich hab keinen Zweifel
sie werden zu Stützen des Staates
und zucken nicht mit der Wimper
wenn es ans Töten geht.
der kleine ma war erst 12 und trug die teller mit rindsnudelsuppe
ich sah ihn zum ersten mal
mit seiner kleinen weißen mütze
reichte er nicht bis zum salatregal
der kleine ma hat einen sohn
der trägt mit zwölf teller mit rindsnudelsuppe
wir nennen ihn ebenso
den kleinen ma
im abendlicht treten wir auf weizensprossen
die sind im winter auch noch nicht gelb
oma und opa gehen wir besuchen,
wohnen schon viele jahre im grab.
am grab ist ein grabstein, der stein hat die namen der ganzen familie.
oben die großen zeichen sind liebe toten
oh, oma hat keinen eigenen namen
sie heißt einfach shen, geborene yuan
unten sind ganz viele ganz kleine zeichen, das sind die enkel
ein haufen namen, ganz dicht beisammen
wie korn an korn verzahnt ineinander
auf einem maiskolben
die stärkste art von blutsverbindung
nicht zu vertreiben, nicht zu zerstören
all die namen auf dem grabstein
stehen zusammen noch viele jahre
der wind ist stark, das totengeld brennt immer schlecht
vor dem grab kniet meine tochter. “uropa, uroma!
bitte beschützt mich, macht mich ganz ganz froh, jeden tag hab ich zuckerl!”
“viele leute nerven dich”
hat er mir letzten sommer
in qingdao gesagt
ich geb zu
das ist nicht falsch
er sprach die wahrheit
aber ich bin kein trottel
aus seinen worten
hör ich etwas anderes
nämlich er nervt mich
das macht überhaupt nichts
ich nerv ihn ebenfalls
nerv ihn bis zum geht-nicht-mehr
im netz
gibt der den ganzen tag dummheit von sich wie zum spass
da schau ich nicht seit gestern zu
aber seit er das gesagt hat
brauch ich mich nicht zurückhalten
kann einfach sagen
was mich stört
“You are mine,
you are mine”,
I‘ve told you countless times.
Your eyes are mine
(maybe your glance belongs to France)
your nose is mine
(sinus infections belong to spring)
your lips are mine
(hot kisses are pure molten lava)
your breasts are mine
(milk was for our kids)
your raven hair is mine
(white hairs one or two are from the years)
your attachments are mine
(no infected attachments, you don’t have adnexitis)
your eighty years are mine
(eighteen years are for the photos)
if you
go before me
your ashes are mine
(gravestone belongs to the earth)
auntie had seen the world
she always thought
mother’s hair style from the Miao mountains
too coarse, like
a snail
when mother went into the city
she waited until mother slept
then came with the scissors
cut down mother’s hair
mother woke up
discovered
her head feeling lighter
her style handed down
from the ancestors, gone
mother cried
back at the village, neighbours laughed
“a guerilla commander!”
“a new Liu Hulan!”
mother felt more ashamed
always wore a straw hat
at work in the fields
for over a year
her comb went through her empty scalp
one day her hair was long enough
she coiled it once more into a snail
went out the door, her head held high
Am liebsten würde ich ein ganzes Heft gestalten. Das Cover. Malala gewinnt den Friedensnobelpreis. Apple Daily in Hongkong. Malalas Kopf, rundherum alles Chinesisch.
“Ich möchte weder Rache an den Taliban, noch an irgendeiner anderen Organisation. Ich möchte meine Stimme nur dafür erheben, dass jedes Kind ein Recht auf Unterricht hat. Mein Traum ist, dass alle Kinder, auch die Söhne und Töchter der Terroristen und Radikalen, in die Schule gehen können und Bildung bekommen. Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch, ein Stift – kann die Welt verändern.” Hat sie das wirklich gesagt? Ich habe mir ihre Rede angeschaut, auf Youtube. Englisch, Urdu, Pashto. Auf der Bühne mit ihrer Familie. Ihr Bruder, ihre Eltern. Der Bruder wird neidisch sein. Sie bemüht sich sehr um Harmonie, ist wirklich froh, dass auch jemand aus Indien gewonnen hat, der für Kinderrechte einsteht.
Dieses Cover. Nur das Bild. Foto: Apple Daily. Das ist auch schon ein Hinweis auf die Proteste in Hongkong von August bis Dezember 2014. In den USA gab es auch Proteste, für Bürgerrechte, in der Nachfolge von Martin Luther King. Und in Österreich meldet wenigstens das Gratisblatt “Österreich” wieder einmal, dass Strache als Neo-Nazi im Gefängnis war. Strache heißt Furcht und Schrecken. Graz heißt Stadt. Eine wichtige Stadt für die Literatur. Eine gar nicht so heimliche Hauptstadt, zu manchen Zeiten. Für den Schrecken. Für die Literatur, etwas später. Yi Sha 伊沙, der am 17. März in Graz seine Texte vorstellt, die in manchem an Ernst Jandl erinnern, kommt aus Xi’an 西安. Hauptstadt schon vor über 2000 Jahren. Terrakottakrieger. Tang-Gedichte. Von daher kommt Gustav Mahlers Lied von der Erde.
Eine wilde Mischung. Sich der Gewalt stellen. Respekt geben, zeigen, und damit auch fordern. Haben sie das gemeinsam? Yang Lian 楊煉, ein großer Dichter, aktiv und engagiert seit den 1970er Jahren. Liu Zhenyun 刘震云, bis vor zwei Jahren vielleicht bekannter als Mo Yan, auf jeden Fall unterhaltsamer. Richard Claydermann und die Trommeln in den Bergen. Klingt vielleicht eskapistisch. Aber Liu Zhenyun geht es um Aufarbeitung, und um Respekt für die kleinen Leute. Er kommt aus einem armen Dorf und ging zur Armee, um schreiben zu können – wie auch Mo Yan 莫言 und manche andere.
Respekt zeigen, und damit einfordern. Zheng Xiaoqiong 郑小琼 tritt auch am 17. März in Graz auf. Ihre Texte kommen aus den Fabriken in Dongguan. Das ist im Perlflussdelta, nicht weit von Kanton 広州, Hongkong 香港 und Shenzhen 深圳. Xu Lizhi 许立志 sprang in Shenzhen in seinen Tod. Bei Foxconn 富士康, wo sich schon viele Arbeiter und Arbeiterinnen umgebracht haben. Foxconn fertigt Computer und Telefone für Apple. Xu Lizhi war ein sehr begabter Dichter. Bei Zheng Xiaoqiong kommen viele Kolleginnen vor, die nicht mehr am Leben sind. Oft wegen Unfällen. Viele sind auch verschwunden.
Respekt zeigen, und Hoffnung geben. Wie Malala. Viele Frauen sind in diesem Dossier, verglichen mit anderen Kunstsammlungen, nicht nur chinesischen. Fünf Frauen, von elf Autorinnen. Zwei mit Prosatexten. Zheng Xiaoqiong hat sehr gute Reportagen geschrieben, leider habe ich bis zum Redaktionsschluss noch keine fertig übersetzt. Aber von Zheng Xiaoqiong kommt bald ein Buch in Österreich heraus, mit Reportagen und Gedichten. Bei FabrikTransit. Und in Wien gibt es am 20 März am Ostasieninstitut der Universität Wien einen Workshop mit Zheng Xiaoqiong, auf der Grundlage von einer Reportage und anderen Texten. Und eine Lesung gibt es, veranstaltet vom Institut für Sprachkunst der Universität für Angewandte Kunst.
Hao Jingfangs 郝景芳 Science-Fiction-Geschichte ist der längste Text in diesem Dossier. Widerstand. Wie ist Widerstand möglich, wenn aller Widerstand gegen den Staat längst gebrochen wurde?
Kaufen Sie das Heft, lesen Sie, wie es geht. Oder lesen Sie von Ma Lans 马兰 ”Doppeluterus“, und unerklärlichen Spuren im Schnee. Von Liu Xias 刘霞 Charlotte Salomon. Soll noch einer sagen, chinesische Literatur sei nur über China. Alle Beiträge reden über Respekt, und über Rechte. Sehr allgemein.
du bist der mond über alaska
du bist der fluss
grüne wellen spiegeln dein schwarzes gewand
du zündest dir selbstgedrehten tabak an
ich seh du bist 16 schläfst mit einem jungen
machst raudau, nimmst drogen, machst liebe
du gießt mir wein ein
hoffentlich ist es roter
du spielst gitarre
sagst du geht nach thailand und wirst ein mönch
dein meister ist in vietnam
kann sein deine seele blieb in tibet
deinen traum, den gabst du vor langer zeit auf
und wirst doch wieder unsicher
am nachmittag wirst du namenlos müde
du schläfst ein und träumst
du streiftest umher im früheren leben
du liebtest jungen
ich war deine große schwester
du wachst auf und bist verheiratet
und findest im netz eine junge chinesin nach deinem herzen
I am from a minority nation.
Although I live where we congregate,
I don’t speak our language.
I have never worn an ethnic costume.
I say this is normal
in our region
and so some people
are disappointed.
This is a very good article. One of the few very inspiring responses to these horrible attacks in Paris. I was involved in another response – I translated a text by Liao Yiwu 廖亦武, a Chinese writer in exile in Germany. I put it in a blog post here some two weeks ago, along with words by “Charb” from Charlie Hebdo and others. Liao Yiwu’s text first appeared in German in the Neue Zürcher Zeitung. It is also available in English, on the website of the German Book Trade Organization. This response should equally be read by as many people as possible! Thank you very much, Soh Wee Ling! I went demonstrating in Vienna on January 11, and again on Friday, January 30, when the xenophobe Neo-Nazis had their ball in the historic halls of the Hofburg in Vienna, overlooking the Heldenplatz where Hitler spoke to eradicate Austria in 1938, cheered by thousands. We were around 5000-6000 at least all over the centre of Vienna, although the police had cordoned off a large area and many people had been arrested and criminalized last year. No windows broken this time, and hardly anyone injured. Some people always get angry, and there are Neo-Nazi sympathizers in the police and in parliament. And they have been tolerated and cosseted, and they were in government 2000-2006. Recently an editor of the newspaper Der Standard, which has been very much against the fascists, has actually suggested that the Social Democrats should consider working with the F-Party. In Germany, their slogans would not be allowed, and some of their leaders would be in prison. On the other hand, we have a cherished tradition of fierce satire in Austria. I read an article by the Jewish French-German writer Gina Lustiger, published in Die Welt. She also said, just like you Soh Wee Ling, that the Charlie Hebdo cartoons were aimed at the average French citizens, including the cartoonists themselves. She said she missed them very much, missed their incisive humour. And she emphasized that unless the French Jewish victims were equally respected, even if their relatives had them buried abroad, people had not understood what this was about. Unless you can imagine Charlie as a Turkish woman in a head scarf at a funeral in Jerusalem, she said. Thank you very much again!
anyone who is for
masters of war
what should u do with them?
I’d rather not
give him a prize.
MW 2015/1
KUBIN
anyone who is for
the chinese government
against ai weiwei
anyone who pretends
no-one gets disappeared
there is justice in china
what should u do with them?
I’d start with naming one.
nine thirty at night walking on dongguan road
third-floor balcony on an old building
middle-aged woman coming up half of her
then
a dozen empty boxes falling, thundering
“hey sir, good fortune”,
she says to the person picking up trash
those years she was there
he was there if
if they took a turn
arrived at those years
she didn’t like it if
he didn’t like those years
she was always there those years
he was always there what if
he was hoping so much
what if those years
weren’t there
11/4/14
Yang Yan 杨艳 WENN DIE JAHRE NICHT WÄREN
die jahre war sie da
war er da wenn
wenn ums eck
gleich die jahre wären
sie mag es nicht wenn
er sie nicht mag die jahre
wo sie immer da war die jahre
und er immer da war wenn
er so gern hätte
wenn sie nicht wären
die jahre
Went to a search engine,
searched for my name.
Found out on renren.com,
there are 53 people
called Zhao Lihong.
16.67% of them are from the north.
22.22% are born in the nineties,
62.22% are male.
I want all these people,
these Zhao Lihongs
to come together,
to hear us shout it together,
our own name,
Zhao Lihong,
Zhao Lihong.
To hear us calling each other,
each calling the name
Zhao Lihong;
to hear one Zhao Lihong
call another Zhao Lihong;
to hear an old Zhao Lihong
call for a young Zhao Lihong.
Hear a boy Zhao Lihong
call a girl Zhao Lihong,
hear a north Zhao Lihong
call for a south
Zhao Lihong.
To hear a
public security guy Zhao Lihong
call a teacher
Zhao Lihong.
baumaugen
wachsen nicht nur unter der stirn
(es ist nicht kulturell festgelegt
wieviele ein baum haben darf
also hat er ebenso viele
wie er grad mag)
sie passen auch nicht zueinander
(es gibt keine muster
sie stellen sich nicht in ein rechteck)
und strahlen auch nicht
(sie blinzeln eher
wie alte hündinnen
ihnen rinnen die tränen)
sie haben wimpern
(ein kurzer vorhang,
kauf nicht soviel stoff)
und schlaf in den augen
warten auf käfer, die machen sauber
(vögel oben am nasenrücken
putzen die käfer weg)
baumaugen
größer als kuhaugen
deshalb erschrecken sie
kinder, die spielen
in bäumen verstecken
Erschienen in
Yi Shas Gedichte des Neuen Jahrhunderts
am 19. 1. 2015
Übersetzt von MW im Jänner 2015
Am Neujahrsmorgen
mach ich die Augen auf
und hör die Nachrichten.
35 Menschen am Bund getötet
im Gedränge um Mitternacht.
Im Schreck
weck ich gleich die Frau an meiner Seite,
sag ihr was passiert ist.
Was mich wirklich traurig macht
ist der Live-Bericht nachher:
In der Halle der Notaufnahme
liegt groß und klein.
Sie haben eines gemeinsam,
sie atmen nicht mehr.
Bei vielen sind Handys in ihren Taschen noch in Bewegung.
Man sieht, sie empfangen
Neujahrsgrüße.
am ersten tag auf der uni
traf ich ein mädchen
sie nahm mir den platz weg
ich sagte ich sehe schlecht
sie sagte sie auch
doch ihre augen glänzten ganz groß
wir waren einander bös
redeten einen monat nichts mehr
I write
not compared to grown-ups
or kids
but compared to
my shadow
2014-12-15
Tr. MW, 1/7/15
《比》
我写诗
不和大人比
不和小孩比
只和自己的
影子
比
2014.12.15
You Ruoxin AT THE SUPERMARKET
supermarket, papa and I
I see something to wear
beautiful
I want to buy it
papa agrees
but from the rack
he takes out the hanger
to beat me
I’m standing stiff
then
I wake up
“Ne perdons pas notre temps en vains discours. (Un temps. Avec véhémence.) Faisons quelque chose, pendant que l’occasion se présente! Ce n’est pas tout les jours que l’on a besoin de nous. Non pas a vrai dire qu’on ait précisément besoin de nous. D’autres feraient aussi bien l’affaire, sinon mieux. L’appel que nous venons d’entendre, c’est plutôt à l’humanité tout entière qu’il s’adresse. Mais à cet endroit, en ce moment, l’humanité c’est nous, que ça nous plaise ou non. Profitons-en, avant qu’il soit trop tard. Représentons dignement pour une fois l’engeance où le malheur nous a fourrés. Qu’en dis-tu? (Estragon n’en dit rien.) Il est vrai qu’en pesant, les bras croisés, le pour et le contre, nous faisons également honneur à notre condition. Le tigre se précipite au secours de ses congénères sans la moindre réflexion. Ou bien il se sauve au plus profond des taillis. Mais la question n’est pas là. Que faisons-nous ici, voilà ce qu’il faut se demander. Nous avons la chance de le savoir. Oui, dans cette immense confusion, une seule chose est claire : nous attendons que Godot vienne.”
Voici un texte publié par Charb, directeur de la rédaction de Charlie Hebdo tué ce matin. Il l’avait publié en octobre 2012. Il s’intitule “Rire, bordel de Dieu”
a slice of lemon
a slice of tangerine
a ginger cake
finally we have snow
MW Dec. 28, 2014
Yi Sha DREAM #203
I am on an iron ladder
on the side of a tall building
I’m facing outside
stepping down slowly
outside of my dreams
I’m not at all afraid of heights
but in this dream
my hands and feet are cold with fear
I’m risking a look
down to what I call
mother earth in my poems
getting dizzy
wanting to fall, headlong
gingerly feeling my way
step by step
finally
losing my feet
but – I’m still okay
because by now
it’s not more than a man’s height to the ground
lightly and softly
my feet touching down
the doctor at the physical said
your IUD
is an old model
not easy to get it out
you fill out an application form at your work unit
get a stamp from the family planning bureau where you live
then come again and we’ll extract it
in your mind’s eye
you see the old elm tree for hanging the laundry
iron wire grown into the tree
scar looks like cutting a body in half
now you want the wire pulled out from your flesh
your knees getting weak
People’s Hospital corridor
you sit thirty minutes
and still can’t get up
there are things we know, there are things we don’t know.
there are things everyone knows we know we know them.
there are things no-one knows we don’t know them
and there are things we don’t know we know them.
the point is we know there are things we don’t know we don’t know them.
I memorized these lines and made a guy listen.
he was dying with laughter, tears in his eyes.
sometimes I think rumsfeld wasn’t bad after all.
made you laugh like a baby, laugh yourself silly.
made me say this world is actually nice
to make one person happy.
standing along the line
Xia Qiu
Zhang Zifeng
Xiao Peng
Li Xiaoding
Tang Xiumeng
Lei Lanjiao
Xu Lizhi
Zhu Zhengwu
Pan Xia
Ran Xuemei
day and night
migrant workers are ready
fully dressed up
anti-static coats
anti-static hats
anti-static shoes
anti-static gloves
anti-static wrist bands
well-equipped at attention
waiting for orders
once bells are ringing
one and all report to the first emperor!
Yu Cui-fang 于翠芳 has grown old,
can only go to her grave.
Funeral music played on and on,
becoming a shroud,
big enough to wrap up a life.
Yu Cui-fang, I don’t know her at all.
I’m a young Chinese guy in a small town
Yu Cui-fang must be kin to our landlord,
downstairs they set up a funeral tent.
I just went down to empty the garbage,
all I could see were these three characters.
Yu Cui-fang has grown old,
funeral music played on and on.
I must get up early for my driver’s exam.
Every night
before I sleep,
in my heart
I say “good night!”
Sometimes I think
of certain people,
or I say it just to myself.
No clamour outside now,
my heart’s growing calm.
This day in this life
moving out far away.
All in all on this day
I am feeling content –
“good night” …