A big truck, on the front no Om Mani Padme Hum, instead a painted head of Che Guevara. I lift my phone to take a picture, he pulls Che Guevara down the road like crazy, in a second they have disappeared.
Die Mayflower hat keine
Freiheit des Glaubens gebracht.
Plündern und Totschießen
und der Erfolg war eine Nation.
Ich feiere in diesem Land
in diesem blühendsten
von Grund auf gottlosen
New York
die zehnte Christnacht.
Rockefeller Square,
unter dem weltgrößten Christbaum,
unzählige rote Weihnachtsmützen
treiben und schweben
wie wandelnde Seelen.
Übersetzt von Martin Winter im Oktober 2020
Hong Junzhi, geb. in den 1960er Jahren. Dichter und Übersetzer aus dem Chinesischen ins Koreanische, Verleger, Redakteur in New York. 《新诗典》小档案:洪君植,60后,汉韩双语诗人、翻译家、出版人,居纽约。有著作50余部,现美国《HPW国际诗坛》杂志主编,纽约新世纪出版社社长。
Meine Tochter ist grad zwei geworden. Sie rennt auf einmal her mit einem Pinsel, nimmt meine Hand, will auf meinem Handgelenk eine Armbanduhr malen. Ich streck meine Hand hin, lass sie am Handgelenk kritzeln. Ich hab etwas vergessen gehabt, meine Mutter vor 33 Jahren ist auferstanden im Augenblick. Ich bin sieben, meine Mutter ist noch am Leben. Sie nimmt einen dünnen Zweig der im Herd verkohlt ist und malt auf meinem Handgelenk eine Armbanduhr.
10. August, Lijiang Übersetzt von MW im Oktober 2020
Han Jingyuan, geboren 1980 in Kunming. Studierte an der Xi’an International Studies University Literatur bei Yi Sha. Publizierte zwei Gedichtbände und theoretische Werke. 《新诗典》小档案:韩敬源,诗人,男,汉族,1980年7月4日出生于云南省昆明市石林县。毕业于西安外国语大学中国语言文学院汉语言文学专业,出版诗集《儿时同伴》、《谈论命运的时候要关好门》,撰录出版《观音在远远的山上——伊沙的文学课》,出版诗歌理论著作《后现代主义口语诗论》。
My 80-year old aunt,
to protect her corn seeds from birds,
spreads rat poison in her field.
In the morning I see her,
she picks up about one dozen dead sparrows,
puts them in a plastic bag.
Walking along the ridge,
she swears:
„Damn birds,
no matter how many die,
they cannot pay me for one cob of corn.“
The old lady has no children with her. Several men pick up their strength to straighten her curled up body, I hear her bones creaking. They wash her and wrap her in linen. She was bow-legged, so those men all together push her into the coffin, bones rattling again. They keep the coffin in a cool spot. As they come out and lock the door, an elder hands out dark chicken eggs from the old lady’s coop and reminds them to come again for the interment in a few days.
Like squatting on the ground, watching ants moving house, black ants all in one line moving into the same direction. As the camera gets closer, their path becomes a wide street, marching ants become a big demonstration. The sound goes from silent to many loud voices, then even louder, the masses erupt into shouting, surging like a dark river.
Mein Vater war Kader für politische Arbeit,
aber in seinem Leben
war er außerdem
Elektriker
Tischler
Installateur
Fleischhauer
Bauer
Holzfäller
Gärtner
Maurer
Tierpfleger
Friseur
Pflichtschullehrer
Traktorfahrer
und darin ist er
keineswegs eine Ausnahme.
Aber sein Sohn:
außer Wortspielereien,
außer einigen Texten,
auf anderen Gebieten,
ungefähr ein Idiot.
Beim Glühbirnenwechseln
wackeln die Beine,
der Bauch mit dazu.
Er kommt aus Weifang zurück, stellt mir drei Leute vor die Weifang regieren. Ich kenn sie überhaupt nicht, kenn nicht mal die Namen, sag nur Zheng Banqiao war dort im Amt. Er fragt, seit wann ist der pensioniert? Mir verschlägts die Rede.. Der Zheng ist nachher nach Yangzhou, sag ich dann, hat Bilder verkauft und davon gelebt. Oh, sagt er, das war ein Qing Guan, sauberer Beamter. Ja, sag ich, das war er, Qing Guan, denk ich mir, Beamter der Qing-Dynastie.
Mit 12 hab ichs auf die Mittelschule von Groß-Tang geschafft. In der Schule gewohnt, Essen mitgebracht: Dampfbrötchen aus Mais oder Hirse, manchmal auch Weizen. Dazu kaltes Wasser. Überhaupt kein Gemüse. Aber weil meine Noten irrsinnig gut waren haben Elternverein und Lehrer entschieden meine Mutter aus unserem Dorf einzuladen. Wirklich eine Bombe aus heiterem Himmel. Mama war so gerührt von dieser Auszeichnung, sie hat mir aus ihrer Jacke 20 Cent hervorgekramt. Ich war damit auf einmal im Paradies auf Erden. Zumindest eine Zeitlang ein Krösus. Zu den Dampfbrötchen endlich Suppe, Kochwasser mit Schnipseln von Porree.
Grüne Kletterpflanze an der Straße rankt sich hinauf an roten Ziegeln durch einen Drahtzaun in einen völlig verstaubten Lüftungsventilator. Dort war der grüne Trieb unvorsichtig, ist zu lange geblieben, hat eine große Gurke gebildet, wollte noch raus und ist nicht mehr herausgekommen.
12. August 2020, 20 Uhr 25 Minuten Übersetzt von MW im September 2020
Mein Onkel zieht seinen Karren. Auf dem Karren sitzen 800 Pfund Schnaps und sein achtjähriger Sohn. Er ist mein Cousin, ein halbes Jahr älter als ich. Onkel arbeitet im Transport für die Konsumgenossenschaft der Gemeinde Qingshan. Die Bergstraße ist holprig, das Kind sitzt stabil, der Schnaps leider nicht. Das Kind leckt den ganzen Weg an der Ritze wo Schnaps aus dem Deckel herauskommt. Die Bergstraße ist 18 Li lang, 800 Pfund Schnaps wollen nicht schlafen. Der achtjährige Sohn ist eingeschlafen und wacht nicht mehr auf.
In den 1970er Jahren stand Andrej Sacharow Jahr für Jahr am 7. November am Puschkin-Platz vor dem Denkmal des Dichters im Schnee. Die Silhouetten von Sacharow und von Puschkin haben sich im Schnee überlagert.
Schnee, Schnee fällt am 7. November vor der Statue, eure Figuren, Puschkin und Du aufeinander im Schnee, endlose Stille. Du hörst auf dich selbst, auf den Schnee.
Du stehst im Frost, in der Weite des Schnees. Sonne friert im Wasser, Wasser friert im Licht. Vom Glitzern des ersten Strahls zum Waschen der ersten eisigen Welle.
Du stehst, von Schnee zu Schnee im tiefen Schnee, aus dem Du nicht heraussteigst. Obwohl Wege im Schnee nach Osten und Westen unter Deinen Füßen nicht enden, obwohl
Puschkins Augen wieder auf Deine treffen, sieht er Dich nicht im strahlenden Schneelicht. Was aus dem Schnee kommt, bleibt im Schnee. Im Schnee begraben, Dein Opfer im Schnee.
Von Wasser bleibt in der Sonne nichts über als brennender Glanz, Glitzern trifft aufeinander auf klaren Flächen bis in die Tiefe. Schnee im Licht unverdeckt, Schnee verdeckt nicht,
so wie die Sonne im Wasser jedes Sandkorn herauswäscht, das Licht, das läuft und stürzt aus dem Schnee nichts verschlingt und nicht untergeht im wogenden Strom bis ins Meer. Schnee strömt aus Schnee, Schnee ohne Ufer.
Reinheit am Ende ist auch Vernichtung am Anfang, reiner Schnee wird leicht zu Schneeresten, Schneescherben. Schneetrauer gewandelt und wiedergeboren in Schnee. Schnee flüstert weiter in endloser Stille.
So wie Wasser Sonne zurückbringt, die nicht verwelkt, so bringt Sonne Wasser zurück, das nicht verfließt. Ich hör Deine reine Schwermut im Schnee, ich hör dich, die Dämmerung im Sommer ist die Weiße Nacht.
Nachdem Mo Yan den Nobelpreis bekommen hat, haben Leute in Lu Yaos Heimatort gesagt, Lu Yao sei gestorben. Gestorben? Wie könnt er die Welt dem kleinen Kerl überlassen, der müsste Fürze essen und kaltes Wasser trinken. Der kleine Kerl hat noch Briefe an Lu Yao geschrieben. Lu Yao ist ein Heiliger! Was ist der kleine Kerl, eine Dattel-Teigfülllung? Lu Yao hat einen Tempel, der ist schon gebaut! Und zwar von der Regierung.
In einer Nacht geschüttelt von Sturm und Regen sind die Lilien im Hof aufgegangen. Feine lange Hälse mit sehr großen Köpfen. Sechs Staubgefäße dicht gedrängt um einen Stempel. Auf einmal aufgesprungen jetzt in der Früh nach dem Regen. Oh! So schön. So laut und klar. So hab ichs gehört vor 30 Jahren bei der Geburt meines Sohnes, dass mein Muttermund aufgeht.
In solch einer Nacht seh ich den Meister mit abgeschnittenem Ohr, er wirkt eher schäbig, im niedrigen Zimmer geht er auf und ab, Hände auf dem Rücken. So sind die Farben auf uns gekommen, stärker noch als Sonnenblumen.
In diesem Moment stopft er meine Knochen in wirre Striche, die gehen direkt durch meine Wohnung. Ich merk ganz genau wie das Ohr runterfällt.
1994 im Frühling war ich Fallschirmspringer aus dem blauen Himmel von Hubei und hab gehört die drei vom Teufelsfelsen die Rockstars Dou Wei, Zhang Chu und He Yong hatten drei Platten herausgebracht, ein neuer Frühling der Rockmusik. Ich hab mich losgemacht vom Fallschirmspringen, bin zur Kreisstadt gerannt zum Plattenladen, da war nur mehr eine Kassette von Zhang Chu: „Einsame Leute müssen sich schämen“. Ich hab auf das Poster an der Wand gedeutet und gesagt bitte das möcht ich auch.
At the water you live off the water Ancestors who kept oysters used oyster shells to build wondrous walls.
I saw an intro, you mix in clay, cane sugar, sticky rice and so on ordinary people could not afford that. The walls that still stand now are ancestral halls of a clan or some official.
Records state, for one ancestral hall you need ten tons of shells. Dazed and surprised I looked to the village across from the halls. A hundred-year-old white-haired lady came tottering out, like an oyster ghost who somehow survived.
Die Gemüse anbauen, sind Gemüsebauern. Die Obst anbauen, sind Obstbauern. Die Tee anbauen, heißen Teebauern. Die Blumen anbauen, nennt man Blumenbauern. Die Tabak pflanzen und rösten, heißen Tabakbauern. Die Seidenraupen halten, nennt man Seidenbauern. … … Felder bestellen und dabei Gedichte schreiben, das sind Poesiebauern. Was die betrifft, die in kalten Bergen von der Natur leben, das heißt, die sich winden auf der großen Erde, im Frost Käfer suchen und im Sommer Gras für ihre Familien da haben die Leute ein anderen Namen: Strohvolk, das ist auch ein Wort für ich.
In der vierten Klasse lernen wir Abakus-Rechnen. Vater geht mit mir zum Laden der Produktionsbrigade und kauft mir den größten und teuersten Abakus. Ich trag ihn heim. Mutter, die Buchhaltung gelernt hat, murmelt: Jetzt haben wir immer weniger Geld und er kann immer weniger rechnen. Wer kauft einem Volksschüler einen so großen Abakus? Vater wirderspricht nicht, sagt nur trocken: „So lernt er nicht kleinlich zu rechnen.“
In meinem Traum haben viele Leute Masken weggeworfen. Manche davon noch original in der Verpackung. Ich geh mit meiner Familie in Reisfeldern Masken auflesen. So wie ich als Jugendlicher Reisähren aufgelesen habe. Wenn ich eine aufhebe, eine Maske, wink ich jedesmal, ruf den anderen zu: Maske! Maske! Maske!
Gegen Abend jogg ich am Fluss. Unter einem dürren Zedrachbaum spielt ein weißhaariger Mann Saxophon. Ich setz mich neben ihn auf eine Steinbank, ein bisschen ausruhen. Hör ein Stück fertig, heb unwillkürlich meinen Daumen. „Sind Sie Künstler?“ Er nimmt einen Schluck Tee, „Nein. Als junger Mann war ich Signalhornist. Damals haben die Japsen von dort den Fluss überquert. Das Wasser war ganz rot …“ Ich bemerke, in dem Blumenbeet neben dem Etui für sein Instrument, stecken lauter Räucherstäbchen.
In Wien liebt man das Bier wie in Deutschland so sehr wie das Leben und zwar bei jeder Mahlzeit. Zehn Tage in Wien, österreichisches Bier ein bisschen Heineken dazu, ein Dutzend verschiedene Marken; Durst ausgelebt, mehr als genug.
Auf der Rückreise mit China Southerm gibt es auch Bier im Flugzeug, aber nur eine Marke: „Snowbeer – Globe Trekker“ Der Geschmack, eine alte Geschichte, beim Gefühl im Mund fehlt noch sehr viel.
Your poetry’s tubes have been tied. I can tell, your loose tracts have been plugged with a metal ring. Actually, my poetry has cheated too. Before I went out I swallowed a few pills of Viagra. But however I tried, Poetry Periodical, state-owned flagship, you could never get pregnant. My poetry must be lonely for life.
In her childhood, she says, she never saw herself in a mirror. When she wanted to see her own face she bent over the rim of a vat and looked for a while at her floating reflection. Sometimes the water was full to the brim, she had to take care not to dip in her plaits.
Ich gebe zu, die Leute, die bei mir vorkommen sind Huang Vier, Li Drei oder Zhang Sechs, diese Namen hab ich erfunden. Ihre Kindernamen sind in Wirklichkeit Namen für Tiere, Windhund, Schäfchen, Ochse. Vielleicht haben sie auch Namen von körperlichen Gebrechen her, Lahmer, Blinder, Taubstummer. Ihre Vor-und Nachnamen hat man übersehen und sie nach ihren Vätern eingeteilt, Grundbesitzer, Rechtsabweichler, Konterrevolutionär.
Das sind echte Leute aus meinem Heimatort, nach ihrem Tod erst können sie auf ihrem Grabstein ihren eigenen Namen eingeschnitzt haben – zum Beispiel Herr Sowieso.
On the dormitory’s first floor, conditions are worst. Moss on wooden doors, rust on window bars. From outside, passing the windows, I see three special rooms, with their own bathroom, doors and windows aluminum, Simmons mattress. A black student wielding a club to chase a mouse that ran in from the Chinese students next door.
Early morning in the horseshoe-shaped forest, finally the flock flies in again. They are in high spirits, talking excitedly. Walking quietly up to the tree, Moses, where is he? They tell me, Moses has waded through the Red Sea, left Egypt already. Tears flow to the tip of my nose.
3/23/20 Translated by MW, June 2020 Hu Bo MOSES
In der Früh im hufeisenförmigen Wald kommt der Schwarm endlich geflogen. Sie reden aufgeregt und diskutieren. Leise geh ich bis vor den Baum. Moses, was ist mit ihm? Sie sagen mir Moses ist schon durchs Rote Meer, hat Ägypten verlassen. Tränen auf meiner Nasenspitze.
23. März 2020 Übersetzt von MW, Juni 2020
Hu Bo, geboren am 19. Juni 1961 in Dalian, aufgewachsen in Tianjin. Lebt in Taida. Volksschüler im Fach Alltagssprache-Poesie seit Mai 1999. 《新诗典》小档案:胡泊, 1961年6月19日生于大连, 天津长大。有诗入选《新诗典》感谢伊沙, 感谢所有帮助我的诗人. 现居泰达, 我是口语诗中小学生从1999年5月开启
Walking from one end of the village to the other takes hardly more than 10 minutes. Since I came to live here, I have never walked like that by day. Sometimes at night, half closing my eyes, I am walking past broken houses, one after the other. Ruins, encircled by newly erected factories from every side. Wish I could meet a young student returning from school. Sometimes at sunset, I stand in a daze for a while at the edge of the village.
Mein Opa ist 1976 von uns gegangen, damals war er 66. Meine Oma ist 2011 von uns gegangen, sie war 93. Wenn jemand sagt, meine Oma habe als Witwe 35 Jahre lang das Andenken ihres Mannes gewahrt, dann muss ich ihm unbedingt sagen, und zwar Wort für Wort, damit er es kapiert: Meine liebe Oma hat in all den Tagen ohne meinen Opa ganz allein in harter Arbeit 35 Jahre an Kinder und Enkel gedacht.
Alcohol disinfectant, 75% Thermometer Facemask hangs by the entrance, ready for re-use Steamed bread, failed three times Fresh flowers from Yunnan, bought online from Taobo Cat hairs in the rug, always Unwashed dishes, several days 50 installments of a trite soap opera Uncontrolled feelings Three o’clock in the morning, tears on my pillow Six lamps turned on together News of people who died News of people waiting to die News of people dying in vain More and more in this apartment A kind of gloom I never felt before A heavy heart A heavy heart like in Du Fu (Ballad of Army Wagons) Spring rain outside, unceasing cold „Dark skies, rain wails and wails“ Layer on layer They weigh on my chest.
Make America dim Make America diminished Make America diminished capacity Make America diminished credibility Make America diminished trust Make America diminished opportunity Make America diminished equality Make America diminished Make America dim Go on
MW 6/3/20
Picture by Wang @oa___aob
ALL SORTS
all sorts of factors and factories all sorts of tractors all sorts of actors all sorts of dorks all kinds of assorted windshield wipers all sorts of snipers maybe some kind ones kind to their weapons and also to people something in all sorts of people when you listen to water, to wind when you feel the sun in the woods when you find something to share bare for the joy when we walk anywhere in paths and trees in cemeteries, in streets and fields sharing ourselves with the light and the night within and around each other amen
MW Pentecost, May 31st, 2020
RUNNING OUT
I am running out of days everyone runs out in the end but don’t worry it’s not that bad world doesn’t stop for everyone at the same time it’s the end of the month the 31st and I promised to finish a book months ago years ago I guess this is the poem I wrote the night before not last night in my head before I went to sleep and then I forgot it
MW Pentecost, May 31st, 2020
RAIN
It is raining the wind is cold last day of May first day of June Pentecost Mostly end of the virus for Austria and around hopefully wish I could be with you wherever you are hope to see you soon take care
Someone has told me I should use my profession and set up a stall on the ground Maybe I could make over three hundred thousand per month, much more than with regular work at the hospital. I am moved at heart, but tangled up too. Should I give shots at my stall, or should I tell people their fortune or should I interpret their dreams? Stupid! It’s TCM, stupid! I have to offer Traditional Chinese Medicine! If anyone says I am doing it wrong, I call the cops and say he slanders and insults TCM.
This is a day when everyone outside is wearing a mask This is a day of restaurants closed This is a day of everyone rushing back home This is a day of walking and keeping your hands in your pockets This is also a day of an old man by the side of the road without a mask holding up frozen red hands with a sign against abortion
Shen Haobo AMERICA RUSHES INTO THE STREETS (Second version)
America holds down America America oppresses America America pleads with America America ignores America America kills America
America suffocates America cries for America America rushes into the streets America fights against America America burns America
America’s rocket shoots into the sky America’s blacks rush into the streets Remember that time? We are all people People massacre people
People fight and resist people People pursue freedom People thirst for equality The battle is not up in the sky Always has been down in the streets
June 1st, 2020 Translated by Martin Winter, June 2020
Picture by Wang @oa___aob
美国冲上街头 (修改)
美国摁住美国 美国压迫美国 美国哀求美国 美国漠视美国 美国杀死美国
美国窒息而死 美国哭喊美国 美国冲上街头 美国反抗美国 美国焚烧美国
美国火箭上天 美国黑人上街 记住这个时刻 我们都是人类 人类屠杀人类
人类反抗人类 人类追求自由 人类渴望平等 战场不在天上 从来都在街头
2020.6.1
Shen Haobo AMERICA RUSHES INTO THE STREETS
America holds down America America oppresses America America pleads with America America despises America America kills America
America can’t breathe and dies America cries for America America rushes into the streets America protests America America burns America
America’s rockets shoot into the sky America’s blacks take to the streets Remember that time We are all humans Humans govern humans Humans slaughter humans Humans resist humans
Humans have dreams Dreams soar up to the universe Humans crave dignity The greatest dignity Called freedom & equality The battle is not up in the sky Always has been down in the streets
June 1st 2020 Translated by Martin Winter, 6/2/2020
Jemand postet für eine Ausstellung internationaler Gedichte im Viruskampf die Liste der eingeladenen AutorInnen. Der erste Kommentar unten ist die Frage: „Da ist Jian Ming dabei, der ist doch schon voriges Jahr gestorben?“ Noch ein Kommentar: „Wu An ist bald fünf Jahre tot, hast du ihn gefragt ob er mitmacht?“ Ich les weiter und sage nichts. Vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung hat eine Sprecherin der staatlichen Künstlervereinigung verkündet: „Der große Dicher Ai Qing [Vater von Ai Weiwei, 1910-1996] wird auch bei uns live davei sein!“ Als ich das gehört hab hab ich kalten Schweiß gespürt. Jetzt passiert mir das nicht mehr. Wenn du mir heute sagst, Konfuzius plant ein Buch der Lieder gegen Corona bin ich überhaupt nicht überrascht.
One month ago, a little more, less than two the world went quiet. It had become quiet in China before accompanied by all sorts of noise. But when it arrived it was precious. There is strife here too, who caused it to spread, who didn’t close ski entertainment. But on the whole Austria or any place actually became like never before, except in or after the war, and that was very different, not that I was around. But no Nazis, for one. Yeah, maybe right after the war, they were also in hiding. Anyway, in times of peace, only one headline: Look Out For Youse, something like that, look out for yourself and each other, but in one word. Schaut auf Euch. And we were lucky. Take care!
It was a beautiful time, it was a fucking bad time. We supposed-to-be-educated youths went off to exams and more than half fell through. If I had managed to fill in those two blanks, I would have survived. Who was Cao Xueqin? Who was Qin Keqing?
Forward to now, Cao wrote Dream of the Red Chamber, everyone knows. Qin Keqing, she’s one of 12 beauties in the mystery novel, the one most tight with Sister Feng. In that blank space, I drew a cow turd. In the space for Cao Xueqin, because I was mad, I wrote he was the third little girl of old Cao in our backyard.
2/10/20 Translated by MW, May 2020
He Jin, orig. name Jin Weixin, Muslim Hui nationality, born in the last lunar month of 1956. Published a story collection, one book of poetry and one book of essays. Poems and stories appeared in anthologies. In January 2018 he founded the poetry magazine Xiao Shi Jie (Small Verse World). He lives in Jilin city. 《新诗典》小档案:何金,原名金伟信,回族,1956年腊月出生。著有小说集《沉默的星空》、诗集《身体的宣言》、随笔集《平民天堂》。作品收入《中国口语诗年鉴》(2019年卷)、《中国回族文学通史·当代卷》。2018年1月创办《小诗界》诗刊,现居吉林市。
Im Dorf, wo meine Familie herkommt, gibt es zwei Flüsse. Der vor unseren Türen ist schmal und klar. Wir sieben Reis, waschen Gemüse, waschen die Kleider. Der Fluss hinterm Hof ist breit und voller Schilf, die Leute bürsten darin ihre Klomuscheln.
Auf der anderen Seite des breiten Flusses ist auch ein Dorf einer anderen Sippe. Jedesmal, wenn jemand im Fluss Klokübel bürstet, fängt eine Frau aus dem Dorf gegenüber laut an zu schimpfen. In unserem Dorf nennt man sie eine Irre. Unsere Kinder, jedesmal wenn sie diese Frau schimpfen hören, schreien laut Irre! Irre!
Eines Tages im Winter schimpft die Frau von gegenüber wieder die Frauen die ihre Klokübel waschen und springt dann in den Fluss und ertrinkt.
Von da an trauen wir uns wenn es dunkel wird nicht mehr hinter den Hof und weniger Leute waschen im Fluss ihre Kübel. Manchmal wissen frisch eingeheiratete Frauen noch nichts davon, dann wird jemand im Haus sie erinnern, im Fluss ist eine Irre.
It’s getting warm, the virus is waning, suddenly there is frost. Father gets very nervous, watching the forecast each day. He worries about freshly planted cucumbers, beans, they are sprouting, also the corn could freeze and die in the middle of spring. When the virus was rampant, he wasn’t nearly as worried.
3/28/20 Translated by MW, April 2020
Lei Dao VATERS SORGEN
Das Wetter wird wärmer, das Virus wird weniger und auf einmal kommt Frost. Vater ist sofort nervös. Jeden Tag schaut er den Wetterbericht. Er sorgt sich um die frisch gepflanzten Gurken und Stangenbohnen, die sprießen, und um den Mais, dass alles erfriert wenn der Frost kommt im Frühling. Auch als das Virus am ärgsten war, hat er sich nicht solche Sorgen gemacht.
Corona ist ein Gedicht von Paul Celan. Es hat überhaupt nichts mit Krankheit zu tun, außer vielleicht mit der Krankheit der Liebe. Er hat es in Wien geschrieben, er war in Ingeborg Bachmann verliebt. Es ist ein schönes, ein stolzes Gedicht, ein Gesang an die Liebe. Manchmal helfen Gedichte in barbarischen Zeiten. Ruth Klüger hat Gedichte geschrieben, auch im KZ. Adorno war im Exil. Corona ist ein Gesang an die Liebe. Celan und Bachmann sind nicht sehr lange beisammen geblieben, aber die Zeit im Gedicht gilt noch und hilft solang du es liest.
Hör ihm zu, es gibt eine Aufnahme. Es ist Zeit, dass der Stein sich zum Blühen bequemt. Celan sagt „zum“. Es ist Zeit.
Jesus, Petrus, Johannes, Magda, Maria und so weiter und so weiter waren Juden. Jeder weiss, was Juden passiert ist. Nicht vor 2000 Jahren. Jeder weiss es. Da gibts nichts zu glauben, oder? Andererseits Gottesdienst feiern beten und singen ist besser als nur Nachrichten hoeren, ob dus glaubst oder nicht. Aber wieder andererseits im Standard steht auf derstandard.at Frau Koestinger will Oesterreich aufmachen. Fuer deutsche Urlauber. Vor einer Woche hat sie noch oeffentliche Gaerten in Wien fest verschlossen gehalten, also bis nach Ostern. Diesselbe Frau. Oh Gott.
gott ist gefoltert und hingerichtet worden und deshalb lebt er
MW Ostern 2020
GLAUBE
Maia fragt Was bedeutet dir dein Glaube Mami sagt Schau nach oben Ein großer Kirschbaum Im Arsenal Unter anderen Bäumen
MW Ostern 2020
WIRKLICHKEIT
In Wirklichkeit ist es immer wie jetzt. Halt nicht auf einmal, doch in der Schwebe, ein bisschen versetzt. In Wirklichkeit ist dein Leben nicht fest, sicher ist gar nichts, egal was wer sagt. In Wirklichkeit bist du Tanz und Musik. Wir sind was sich dreht oder steht und jemanden sucht solang es noch geht.
MW 1. April 2020
HEUTE
Heute ist der wärmste Tag des Jahres bis jetzt. Gestern war Seder, Vollmond. Heute ist Gründonnerstag. In Tschechien haben sie grünes Bier. Heuer auch, irgendwo. Irgendwie tröstlich.
MW April 2020
KARFREITAG
Karfreitag Ka Freitag Überhaupt ka Freitag Sogt die liebe Regierung – die vorige derselbe Chef – Überhaupt ka Freier Tag außer du nimmst Urlaub, oder wie wor des, wennst noch an Job hast.
MW 10. April 2020
GOTT
Gott ist das schönste schwarze Loch für alle Macht des Imperiums
MW Ostern 2020
PALMSONNTAG
Heute ist es sehr schön Heute ist es sehr schön Heute ist es sehr schön Groß ist Gott. Ja.
Heute ist es sehr schön Heute ist es sehr schön Heute ist es sehr schön Groß ist Gott. Ja.
MW April 2020
JEDER TAG
jeder tag ist ein gedicht wenn du zeit hast im moment haben viele leute viel mehr zeit als sonst, wenn auch nicht unbedingt ruhe. haben sie einen moment? ist eine häufige frage im moment haben viele viele millionen in vielen erdteilen etwas gemeinsam. natürlich ist das auch sonst der fall aber normalerweise sagt niemand von dieser situation betroffene aller länder, lasst uns einander helfen, so gut wir nur können, oder was glaubst du?
MW März 2020
ACHTSAMKEIT
Achtsamkeit hat sehr viel mit Neunsamkeit zu tun, das sagen alle großen Neunsamkeitslehrer. Aber die großen Samenbanken, die fangen frühestens ab Zehnsamkeit an, mit Ihnen zu reden.
MW März 2020
AUF DEN WIESEN “Wir sind die Menschen auf den Wiesen” – Ernst Jandl
Jeder Mensch auf der Wiese ist noch am Leben. Alle nur drinnen bleiben ist nur zum Speiben. Masken, ok. Abstand, bitte! Also Bundesgärten aufsperren in Wien, damits Platz gibt. Und bitte keine Leute, die allen sagen, dass picken sollen in ihren Wohnungen.
MW 2. April 2020
NACKT
Nackt in der Straßenbahn ohne Ticket, Kontrollorinnen kommen. Peinlich, keine gute Bedeutung. Aber kein Corona, niemand achtet auf Abstand. Also ein schöner Traum, aber ich wach gleich wieder auf und kann lang nicht schlafen.
MW April 2020
JESUS LEBT
Vor 2000 Jahren ist einer gestorben und war wieder lebendig, zumindest für Freunde. Naja, bei uns sind auch gestern welche gestorben und im Nahen Osten wahrscheinlich auch ein paar. Aber er war ein Sündenbock. Das heißt er ist für sehr viele gestorben und viele tröstet das. Ich bin nicht sicher, er hat nichts verhindert, obwohl er Jude war, oder eher recht wenig verhindert, zumindest. Aber der Mond kommt jedes Jahr wieder. Die Eier, der Frühling. Und Jesus lebt.
Die Gassen der Konzessionsbezirke erforscht, die Gelbe Kranichpagode bestiegen… Damals hab ich jedes Jahr die Kirschblüten in der Uni Wuhan betrachtet. Hab viele Freundschaften geschlossen, unvergessliche Tage erlebt.
Frühling 2020, Wuhan abgeriegelt.
Freunde arbeiten im Krankenhaus, Spuren von Mundschutz auf den Gesichtern. Studenten von damals, heute Beamte in Wuchang. Mit jungen Freiwilligen zusammen, manche sind selber Freiwillige, liefern für Krankenhäuser, überlassen ihre Schutzanzüge den Ärzten, die sie nötiger brauchen. Manche Freunde schicken mir Fotos zum Heulen.
Ich bin in Tokio, schau täglich online, was in Wuhan los ist, lese das Tagebuch der Schriftstellerin Fang Fang.
Zum dritten Monat im Mondkalender blühen die Kirschbäume der Uni Wuhan. Blütenblätter wehen einsam.
Liu Tianyu A NOVEL THAT BROKE OFF RIGHT AFTER THE START
I cannot help to think of SARS, how we were quarantined on campus, couldn‘t get out of our university. But no-one took it seriously, day after day we played cards in our rooms. I began to write a story, describing love in times of crisis. The inspiration was when I saw a couple kissing through a wire fence. The way they were trying to find each other’s mouth through the gaps in the wire, that’s an impression I cannot forget.
The last one of the Flying Tigers is gone. I remember what they said: We fly along the Himalaya valleys and follow reflections from the debris of fallen comrades.
We haven’t had very much contact, but then this friend who researches old Chinese literature suddenly calls me. „This is the year of a pandemic, you are a poet, you have to write about this.“ I hasten to say, I am writing, but after the call I’m a little uneasy. If I hadn’t been writing, how could I face my friend? You start on this road of writing poetry, there will be people watching. No matter if you know it or not, it’s like they’re shining a light on your face, looking for the four letters for “poet”, so can I take that, to be on the spot?
Coming out of People’s Park I run into a shower and hide in the guardhouse at the gate. The grandpa on duty asks for my age and tells me his. He picks up a peanut, chews with a sigh: Today’s society is a good one. In the times of the First Emperor, 66 years, if you’re not dead you’d get buried alive.
Han Jingyuan I PRAY FOR PEOPLE WHO DIED FROM DISEASE
Whose life is in the cricket I hear? Whose soul is in the cicada who calls from that twig? I walk on the path where you may have walked, I rest on the bed where you may have lain.
August 2013 Translated by MW, March 2020
Han Jingyuan ICH BETE FÜR DIE WEGEN KRANKHEIT VERSTORBENEN
Wessen Leben ist in der zirpenden Grille? Wessen Seele ist in der Zikade dort auf dem Zweig? Auf dem Weg wo ich gehe seid ihr vielleicht gegangen, Auf dem Bett wo ich ruhe seid ihr vielleicht gelegen.
Old Uncle, my mother’s brother cancelled his ticket, says last few days he dreamt of Big-Character-Posters all over the earth and the sky. So many people have the sky on their heads, blue mask, they catch them everywhere. I am an eighty-year-old, guess I should stay in America.
How many snowy springs has it been? He walks out through the iron gate of the temporary compound, the janitor’s house behind him, so many eyes stretching outside. He has a bellyfull of words that he wants to dump now but he only says to Officer Yang, I have served out my time. He straightens his back, as if compared to Officer Yang, they let him go early. . 11/27/18 Translated by MW, March 2020
1. Could you please introduce yourself? Martin Winter, Chinese name 维马丁, poet and translator from Chinese into German and English. 2. Where did you spend this year’s Spring Festival? At home in Vienna. Yi Sha 伊沙 and six other poets from China (Tu Ya 图雅, Jiang Huhai 江湖海, Xiang Lianzi 湘莲子, Pang Qiongzhen 庞琼珍, Bai Li 白立 and Chun Sue 春树) had just left, after spending over two weeks in Austria in January. You could also say we had Spring Festival together, in Innsbruck in Tyrol in the alps, with poets there, and in Vienna, also with friends. Bai Li was our best cook, and all of them made really good food, we made Jiaozi together, you know, Chinese dumplings, and many other dishes. Yi Sha likes to cook tomatoes and eggs, very simple dish, but very good. We celebrated together, and they went back one day before the lunar new year. 3. How has this virus crisis affected you? Actually, here in Austria it has only just started to affect everyone. Schools are closed, also most shops. I have been working from home before already, so there is no big change. But I have to be afraid of both short-term and long-term effects in the publishing world, in China and in Europe. 4. How do you spend your time now? I work from home, so the only big change is that my wife and my son are also home all day. My daughter already has her own apartment, but it is close by. She moved in February, when it was still normal. She was with us on the weekend, we are going to see her again tomorrow or so. People are supposed to stay at home, but you can go shopping for food, medicine, tobacco. 5. How is your mood these days? Ok, maybe a little worried, but ok, not bad. 6. What are you most satisfied with from before this crisis?Can you give an impression of the efforts against the virus in your location? My poems. My work. My family, friends, contacts, local and international. The measures against the virus here in Austria and in Vienna have only just started in earnest. There is some criticism that tourism was stopped too late in Tyrol. People who came to ski from all over Europe, and some got sick there, maybe a lot. 7. What is the best thing you have eaten during this crisis? My wife is at home, so she cooks more. She likes to buy lamb and beef from the Muslim halal butcher at the vegetable market close by. Our vegetables are from there too. My son likes to help with cooking. Today they made lasagna, from scratch. Most food shops are open, even some restaurants for take out. Some Chinese shops have closed. Hope there are still one or two open in the city. But that’s just for spices and sauces like 老干妈. 8. What has worried your family and relations in this crisis? My parents stay at home. My sister lives very close to them, and her sons help them. One of them is studying to be a doctor, he was working in a hospital. Hope he is ok. 9. In this global crisis, what do you think about poets writing poetry? Have you written poetry in this time? This is a very good time for writing, reading, translating, even for distributing and discussing poetry, at least online. I have followed the situation in China. People compared the slogans warning you not to go out, some of these were very nasty and violent, to the writing on boxes sent from Japan, relief goods for Wuhan. There was Tang poetry on there, to remind people of their common heritage. Something about mountains and streams, 山川異域, 風月同天. Reminds me of Du Fu, mountains and rivers remain. So people compared this ancient culture to the crude slogans and said we should learn from the Japanese. Then one guy wrote an article in the Yangtze daily 长江日报 on February 12 and quoted Adorno who said poetry after Auschwitz was barbaric, so we don’t need poetry from Japan, because of what the Japanese did in the war. Any simple slogan was better, no poetry required, he said. But Tang poetry is very much what defines China, Chinese culture, also poetry in general. So everyone trashed this guy online. And people wrote even more poetry than before, a lot of it related to the crisis. Poems for Dr. Li Wenliang, the eye doctor from Wuhan who was one of the early whistle-blowers in late December 2019, and got reprimanded, and continued to work and died from the virus. That was world news, everyone knows this, also here in Austria. So in China on the whole there is a creative burst in this crisis, which is a very good thing, it gives hope. Some of these new poems are really very, very good. Yes, I have written a few poems myself. Some are related to China. I’ll see how it goes here in Europe. People have to stay at home, so they have more time for artistic pursuits, making music, for example. Singing from the balconies. 10. When the crisis is over, what are you most eager to do? Don’t know yet, it has only just started here. Go out, meet people. My book is coming out in China, “Finally We Have Snow”, translated by Yi Sha. Should have come out in February. So I had planned to present the book in China this spring, at the Austrian embassy in Beijing, and at other places, maybe Xi’an etc. Anyway, my expertise is in intercultural, international contact with Chinese language, literature, poetry. So I am most eager to work in this field. 11. What do you think about the global situation? It has brought people together. It is good for the climate, hopefully also for the social climate locally and internationally. There are always people who play us and them, but people do have a lot in common, much more than we realize. And now we have this one thing in common, globally. Everybody seems to agree on that. 庄生访谈:十一问
We need their wombs to be fertile need their bodies to fight the virus after abortion We need their hair We need their moving tears when their heads are shaved We need their soft smiles in the face of brutal rules but we don’t need their periods We do need them to give their blood But we don’t need their blood down there Don’t need to hand them sanitary pads Don’t need to know how many they need in a day We need them to go on standing Need them to cry need them to laugh need them to be there to demonstrate in the face of this catastrophe they have achieved even more equality
Hab online eine Schachtel Zwieback gekauft. Es gibt eh keinen Reis und kein Gemüse.
Aus Guangxi kommen 20 Stück Mundschutz, denn in Liuzhou arbeiten sie wieder, der Mangel ist bald ausgeglichen.
Zahnpasta gibt es aber ich komm ohne Zähneputzen aus. Mein Haar ist lang, cooles kurzes Haar ist längst nicht mehr cool.
Gedichte schreiben ist immer grausam, vor Auschwitz nachher während.
Pflaumenblüten am Ostsee sind in der Kälte allein aufgegangen. Kirschblüten an der Uni Wuhan sind längst wiedergeboren. Notier das, du hast Gedichte vergessen.
2020-02-22 in der Früh geschrieben, am Abend geändert. Übersetzt von MW am 7. März 2020
„Hauptsache es gibt kein Getreideproblem, dann geht es gut weiter in China.“ Diesen Kommentar les ich auf meinem Handy beim Einkaufen auf dem Gemüsemarkt. Ich schlag mir auf den Schenkel, schrei laut: „Genau!“ und der Schweinemetzger springt gleich vor Schreck.
Ich unterrichte den Wechsler-Intelligenztest
und frage wer hat Das Kapital geschrieben?
68 Studenten, alle qualifiziert für diese Uni,
jemand ratet und sagt Ma Yuan, der mit den Tibet-Geschichten,
jemand anderer sagt Ma Huateng, der Chef von Tencent.
Ich bin etwas verwirrt.
Ich kehr zurück ins Spital,
frag einen Patienten mit Schädelverletzung.
Er sagt immer nur
Ma Kesi, Karl Marx
Karl Marx
Karl Marx
…
Die ganze Zeit
egal auf welche Frage
sagt er Karl Marx.
Ältere Leute haben gesagt,
mein Onkel
hat von Natur aus gute Hände.
Als er ein Jahr war
hat der Wahrsager seine kleine Hand
gedrückt und hat nichts gesagt.
Mit 19 hat mein Onkel bereits
einen Ruf in gewissen Kreisen gehabt.
Er ist einer der besten Taschendiebe des Landes geworden.
Mein Onkel hat mir gesagt,
alle drei Male im Gefängnis,
das war jedesmal Absicht,
er wollte sich von seiner Sucht kurieren.
Aber jedesmal nach der Entlassung
auf dem Heimweg hat er weitergemacht.
Mein achtzigjähriger Onkel
hat vor einem Monat ein Feuer entfacht,
um sich zu wärmen,
hat sich als ganzer zu Kohle verbrannt,
nur seine Hände
waren noch unversehrt.
Heute ist der 138. Geburtstag
des modernen Autors Lu Xun.
Eine ehemalige Schülerin
schreibt unter ein diesbezügliches Posting
„Heute ist auch der Geburtstag
des Kaisers Qian Long.“
Ich frag überhaupt nicht höflich:
„Ein Kaiser von deinem örtlichen Häuptling
und du gedenkst seines Geburtstags
wofür
wofür
wofür?“
Ich hör alle eintausendvierhundert fruchtbare Flecken
in meiner Provinz
widerhallen
von dieser Frage.
Jedesmal wenn ich zu meinem Vater komm
muss er unbedingt sagen
Chinesen sind Weltmeister.
Ich langweil mich zu Tode.
Ohne Edison
hätten wir wahrscheinlich
noch immer Öllampen und Kerzen.
Das ist der Endpunkt
meines Streifzugs durch Wien
auf der Straße zwischen
Russendenkmal und Schönbrunn
rast eine Rettung laut auf mich zu
mir gibts einen Stich: sicher ein Patient
mit dem neuen Lungenvirus aus China!
Vor einem halbem Monat
hättest du nie gedacht
jeder Schritt nach vorn
heißt es folgt hinten ein kleiner Bösling
dass eklige Worte
die ganze Zeit mitgehen
Vor einem halben Monat
hättest nie wissen können
wenn du weggehst musst du grad weg
wenn die Pest beginnt
Ich muss bei meiner Familie sein
red jetzt ja nicht vom Heimatland
nach dieser Reise
sind mir die positiven Speichellecker
die von selbst gerührt sind noch ärger zuwider
Lungenvirus in Wuhan, Panik in China
In meiner Gruppe auf meinem Schirm
auf meinem Weg zurück in mein Land
hab ich Angst in den Knochen
die nicht unbedingt nötig wär
heut in der Früh
in unserer Wohnungsherberge in Wien
im anderen Zimmer schreit Yi Sha
durch die Verbindungstür:
„Alkohol wirkt gegen das Coronavirus!“
Haha! Ich muss lachen:
„Letztes Mal bei SARS waren Raucher im Vorteil,
dieses Mal überleben die Trinker!“
Jedes Mal bin ich ein Glückskind.
22. Januar 2020
Übersetzt von MW am 23. Januar 2020
Jetzt hab ich gehört
Alkohol hilft gegen
den Wuhan-Lungenvirus
jetzt bin ich so froh
Wenn sonst jemand mich als Trinker bezeichnet
bin ich nicht amüsiert
wenn jetzt jemand sagt ich sei ein Trinker
lach ich mich ins Fäustchen
22. Januar 2020
Übersetzt von MW am 23. Januar 2020
《酒鬼也有好处》
白 立
刚听到有人说
酒精有抵御
武汉肺炎的作用
我一下子就乐了
平日里有人说我是酒鬼
我会不愉快
现在谁说我是酒鬼
我会偷着乐
Bai Li JEDER HAT EINE ERBSÜNDE, GANZ OHNE AUSNAHME
Als wir jung waren, haben wir jeder einen Ochsen geblasen,
das heißt wir haben geprahlt.
Unser größter Ochse, das war:
Wir sind die Staffelträger
des Kommunismus.
Yi Sha
Auf Wiedersehen, Morgenröte in Wien! Auf Wiedersehen, schönste teuerste Stadt des Planeten! Auf Wiedersehen, vielleicht in fünf Jahren, oder früher oder später; hoff nur, wenn ich älter bin, werd ich noch besser.
Auf den Zinnen von Malakka
sagt unsere Führerin (sie ist chinesische Malaiin)
malaische Muslims seien privilegiert
das sei garantiert in der Verfassung
und zwar bei der Ehe.
Sie dürfen vier Frauen heiraten
und jeden Tag schießen daheim wie sie wollen.
Aber Chinesen dürfen das nicht,
sagte sie grinsend.
Dann müssen sie gleich mit Kanonen schießen,
sag ich sofort.
Jiang Huhai 《我常空怀宏大事物》 ICH HAB OFT GROSSE SACHEN IM KOPF
Ich nenne meinen kleinen Hund Toby
jetzt Planet Erde.
Komm spät nachhaus, lieg schief im Lehnstuhl,
die Erde kuschelt sich an meinen Fuß.
Ich nehm die Erde auf meinen Schoß,
ein bisschen ausspannen.
Ich wasche meine Erde,
schneid ihr die Haare.
Ich leg der Erde einen desinfizierten Wundverband an,
sag ihr ruhig, ganz ruhig, nicht so laut keuchen.
Nachher nenn ich die Erde Himmel.
Später sag ich Meer zu ihm, Ozean.
Und tu dasselbe
was ich für die Erde getan hab.
eine pferdeskulptur
lugt aus dem stall
von nah ist es wirklich ein pferd
eingeschlossen in zwei quadratmeter bühne
bewegt es den lebenden
kopf den es darstellt
mit bunten zöpfen
acht stunden dienst
jeden tag
so wie ich
such a clean, beautiful place.
crows are clean cuts of black satin.
some cast on the green
some on flowers and trees
some cast on the river
some cast in the sky.
suddenly they fly,
cries of tearing satin.
“In danger the sea cucumber will split itself
one half it gives the world to devour,
the other half escapes.” – from W. Szymborska, Autotomy.
I said let’s not talk poetry at the lunar new year let us tell stories
like a bricklayer half of his head bashed in by half of a steel pipe
like he and his sick room friends
arguing anything, twitching like sleepwalking
he says 3+2=1
like three fingers plus two equals one hand
two hands together equals one pair
like what a rat hates most is rat poison
whoever loves eating rat poison most must be a rat
like I said they were arguing anything
from mathematics into philosophy
from singular into plural
from fingers into a skull bashed in
into rats, poison, leaks or balloons
like 11+11=22, 22-2=2 and so on
he said not that leaks cannot be fixed
just like rat poison will always be digested by rats
just like rats knocked a hole in his skull
his skull has a leak, like a balloon
a leaking balloon is very hard to blow up
just like his half-bashed in skull pops in and out with a yawn
he said in the box with the rat poison there is no rat
rat poison is very bad for rats
just like reading is very bad for your head
just like rats eating his brain slipping into his head
when he said he had a headache, I had a headache
like he wanted me to put rat poison into his brain
like he said: “I’ll soon be an idiot
when they have finished my brain
my boss will dump me, my girlfriend dumps me”
like he is all desperate
crying his heart out like a wolf
howling just like a cat who cannot catch rats
like one hundred rats cannot overcome one single cat
he said: no-one can figure it out, nobody can fix this leak
except me, I have a method, I take a bit of cement, very good quality
mix it with alcohol, ts ts. believe me I have the technique.
he pointed at his broken temporal bone like pointing at some leak on a roof
like a leak on a roof he was fixing
in meiner mittelschule gab es viele kinder
aus der groẞen fabrik im osten der stadt
ich war oft bei ihnen zuhause
sie hatten es besser
damals wusste ich nicht
dass das mit dem krieg zu tun hatte
iran-irak war in den zeitungen
und ihre eltern
schoben überstunden
und sonderschichten
produzierten geschosse
verkauften an beide seiten
sehr groẞe nachfrage
acht jahre iran-irak
im sechsten jahr
haben wir graduiert
SALUTIERT DEN VERDÄCHTIGEN!
向那些涉嫌犯罪的人致敬
Aus dem kommenden Buch „Der Jordan fließt durch Chengdu“
選自《約旦河穿過成都》
Von Liao Yiwu
Übersetzt von Martin Winter
Meinem Freund Wang Yi wurde in der Vorweihnachtszeit im Geheimen der Prozess gemacht, dann wurde er vom Mittleren Volksgerichtshof von Chengdu zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Die Behandlung entspricht der für meinen 2017 in der Haft verstorbenen Freund, den Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Deshalb veröffentliche ich hier als Protest dagegen einen Ausschnitt aus dem neuen Buch, an dem ich gerade schreibe: „Der Jordan fließt durch Chengdu“.
Erst viele Jahre später, nachdem er sie mir gegeben hat, habe ich endlich Wang Yis Gedichte gelesen. Erst als er und seine Frau Jiang Rong schon verhaftet und der „Anstiftung zum Umsturz“ angeklagt waren. Ich habe selbst in der Nacht des Massakers von 1989 das lange Gedicht „Massaker“ geschrieben und auf Tonband gesprochen. Deswegen war ich vier Jahre im Gefängnis, und als ich herauskam, hatte ich einen Abscheu gegen Dichter in den Knochen. Abgesehen von Höflichkeitsgesten habe ich deshalb nie mehr ernsthaft Werke von Leuten aus meiner Generation gelesen. Wang Yi, der jünger ist als ich, hat mir unzählige Male Gedichte und sogar Gedichtbände geschickt. Manchmal hat er sogar etwas gesagt: „Alter Liao, bitte gib mir doch einen kleinen Kommentar, auch wenn es dir nicht gefällt, streich nur an und verbessere es einfach.“ Ich habe immer den Kopf geschüttelt: „Ich bin nur Musikant, kein Dichter.“ Wang Yi war peinlich berührt, er hat mich angeschaut, und nach einer Weile erst hat er gesagt: „Na dann nicht.“
Im Buddhismus sagt man, was du schuldest, zahlst du irgendwann doch zurück. Wang Yi war jahrelang mein bester Freund, abgesehen von Familie war er mir am nächsten. Wir haben oft geplaudert und sind am Stadtrand spazieren gegangen. Er hat mich gerne eingeladen und war nie geizig. Wenn irgend etwas los war, hat er sofort für mich sein Wort eingelegt, abgesehen von dem Zuspruch, den er mir immer gegeben hat. Aber ich hab das völlig unbewegt einfach als selbstverständlich empfunden – ich hatte ja „Massaker“ geschrieben und war über Nacht zum Helden geworden, obwohl das schon eine Weile her war und mir die Leute mittlerweile auf dem Gehsteig ausgewichen sind wie einem Haufen Hundescheiße. Meine innere Verfassung war auch verändert; wenn ich allein war, hab ich an die Folter und die Erniedrigungen im Gefängnis gedacht und geweint, ich hab mir sogar an die Brust geschlagen. Ich hab mir vorgesagt, du darfst nie wieder verhaftet werden. Ein geprügelter Hund mit gebrochenem Rückgrat. Das Einzige, das mir meine Selbstachtung erhalten hat, war das Schreiben nicht aufzugeben. Ich hatte Angst vor dem Vergessen, also hab ich alles aufgezeichnet über die Menschen, denen ich begegnet war. Aber Wang Yi und auch Yu Jie, die haben mir am meisten geholfen, und ich habe sie fast nie erwähnt.
Außerdem hat Wang Yi wirklich ein großes Talent als Dichter!
In dieser Zeit schreib unbedingt ein verdächtiges Gedicht!
Eine Zeile Chinesisch stürzt eine Regierung.
Ein Sonett mit vierzehn Zeilen stürzt 14 Regierungen.
Auf dem Maskenball lass dich erkennen
von denen, die dich kennen. Die anderen lass dich ja nicht erkennen.
In dieser Zeit schreib ein Gedicht, das dem Führer Angst macht!
Eine Metapher ist eine Atombombe.
Die Sängerin weiß nichts, absurdes Papier, Tränen ums verlorene Land.
In den schlimmsten Tagen kommen die höchsten Wellen.
Der Tod, als Gefangener, festgehalten vom Wasser.
Wer ist kein Angehöriger politischer Gefangener?
Wer ist kein Hinterbliebener wandernder Seelen?
In dieser Zeit sag ein Gedicht auf, das sind zwei, drei Verbrechen.
Wenn du nichts aufsagst, wirst du aufgesagt.
In dieser Zeit führen Blinde Selbstgespräche,
heilig, heilig, heilig. Blinde fragen Taube, hast dus gesehen?
In dieser Zeit schreib ein verdächtiges Gedicht!
Salutiert den Verdächtigen!
Das ist von 2015. Jiang Rong und er waren schon lange getauft, und waren schon alte Bekannte auf Wachstuben und im Polizeikommissariat. Weit entfernt vom Dicken Wang, der mit mir im Drei-Eins-Buchladen auf der Zhazi-Straße herumgesessen und Tee getrunken hat. Das ist ein Heldengedicht, das auf einmal herausspringt aus der anhaltenden allgemeinen Gemeinheit nach dem Massaker vom 4. Juni 1989. Es lässt mich an Filme denken wie Braveheart oder Der letzte Mohikaner. Am Ende von Braveheart wird der Held von den königlichen Soldaten gefesselt aufs Schafott geführt. Ein Priester kommt und fragt ihn, ob er bereut. Alle Blicke sind auf ihn gerichtet, alles ist still, und er brüllt mit letzter Kraft: „Freiheit!“
Der Henker lässt die Axt niedersausen. Wang Yi hat dieser Film sehr gefallen, aber er hat auch vorausgeahnt, dass er selbst um seinen Kopf fürchten muss. Er war zwar Pastor, aber er war eben nicht mehr irgendein Stammgast im Drei-Eins-Buchladen, der sowohl in den Alltag als auch in die Bibliothek und in Gelehrsamkeit eintauchen konnte. Sein guter Freund aus Studentenzeiten, der Schriftsteller Lei Ligang, erinnert sich:
„Damals waren sie ziemlich arm. Einmal waren wir zusammen im Carrefour, und Wang Yis Frau Jiang Rong hat vor den vollen Regalen geseufzt: „Wenn wir nur eines Tages einfach kaufen könnten, was wir gerne essen!“ Das hat mich traurig gemacht, wir haben alle zu den Schwachen gehört, die beim Lebensmittel-Einkaufen genau auf den Preis achten müssen.Damals waren wir vier, also Jiang Rong und Wang Yi und Yuhuan und ich, wir waren jeden zweiten Tag beisammmen, wir haben gegessen und Karten gespielt. Yuhuan und ich, wir waren vom Temperament her die Stärkeren, Wang Yi und Jiang Rong waren viel sanfter und nachgiebiger. Jedesmal haben Yuhuan und ich ausdiskutiert, was und wie gespielt wird; wenn wir uns dann einig waren, haben die anderen gleich zugestimmt. Aber in Wirklichkeit haben die zwei viel schärfer gesehen, was in dieser Welt los ist, das haben sie in den Knochen. Wenn das jemand hat, und dann noch im Leben so sanft sein kann, das muss ich einfach bewundern. Gerade weil ich es selbst nicht kann, habe ich davor immer noch Achtung. Wang Yi ist im selben Jahr geboren wie ich, aber ich habe ihn jahrelang immer wieder als einen viel Älteren empfunden, für den ich Respekt haben muss.
Auch wenn es ihm bestimmt sein mag, aber was hat er durchgemacht, das aus dem sanften Wang Yi, den Lei Ligang beschrieben hat, ein solcher Don Quichotte geworden ist? Was geht da innerlich in ihm vor? Dazu hat er nicht lange nach dem oben zitierten Heldengedicht auch einen wichtigen Text geschrieben:
Wang Yi
GIB MIR EIN PAAR MINUTEN UM TRAURIG ZU SEIN
Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Soviel ist passiert, das lässt einen ersticken.
Lass mich ein bisschen schwach sein,
im dunklen, abgeschlossenen Zimmer,
wie meine Freunde, die sie abgeführt haben,
in der Nacht abgeführt haben wie Jesus,
durch die Stadt, die böse geworden ist.
Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein,
ich erwarte die Freude, überraschende Freude.
Unterbrich mich nicht durch Hüsteln,
sag mir nichts weiter, nur ein paar Minuten
lass mein Handy stumm sein, kein Kurier soll an die Tür klopfen.
Ich muss allein sein mit meiner erstickenden Seele,
auch wenn die Welt gerade jetzt einstürzt,
wenn ein wichtiger Mensch gerade jetzt stirbt,
das ist für mich alles als wär nichts geschehen.
Denn ich bin traurig
wie eine Frau mit zerrauften Haaren.
Gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Ich will mich nicht waschen, will mich nicht kämmen,
will nicht herauskommen, will dich nicht sehen.
Dafür, dass der Tränen-Damm bricht
wegen einer unglaublichen Nachricht
gib mir ein paar Minuten, um traurig zu sein.
Damit das Licht noch mehr sticht,
damit ich hunderttausendmal üb
für den Augenblick wenn du zur Tür hereinkommst.
2015-07-11, Rüsttag
Lieber Dicker Wang, ich hab es endlich gelesen, ich hab es angeschaut und werde dafür sorgen, dass es noch mehr Leute lesen und sehen. Du bist im Gefängnis, und ich muss dir einfach ein paar Minuten geben, oder ein paar Jahre, oder noch länger. Ich werde nicht schreien wie früher, und auch nicht einfach verschwinden, wie damals, als ich aus China geflohen bin. Vielleicht muss ich auch einmal richtig bereuen, haha, du weißt, das war nicht ernst gemeint, einen lahmen Hund hebt man nicht auf die Mauer. Lei Ligang kennt dich besser als ich, aber er hat noch viel weniger aufgemuckt […]
Yi Sha 伊沙 (founder of NPC in 2011 in Xi’an), Xiang Lianzi 湘莲子, Tu Ya 图雅, Pang Qiongzhen 庞琼珍, Jiang Huhai 江湖海, Bai Li 白立.
When: 10 January, 2020 – 15.00
Where: Institut f. Ostasienwissenschaften/Sinologie, SIN2
Chinese Poetry Online – Verdichtete Wahrnehmung chinesischer Wirklichkeiten im Netz:
Lesung von Gedichten, die sich in poetischer Form mit chinesischer Zeitgeschichte auseinandersetzen,
ergänzt durch eine Einführung zur Situation, in der diese Gedichte im heutigen China geschrieben und verbreitet werden – oder auch nicht.
Einführung und deutsche Übersetzungen: Martin Winter – Dichter und Übersetzer, leitender Redakteur der Literaturzeitschrift Leuchtspur (人民文学).
Moderation: Ao. Univ. Prof. Mag. Dr. Agnes Schick-Chen,
Institut für Ostasienwissenschaften/Sinologie
Campus Altes AKH Hof 2, 1090 Wien
Am 17. Jänner, eine Woche später, veranstalte ich einen Kalligraphie-Workshop. und eine Lesung. Soviesos-Kreativraum und Bibliothek, ab 15 Uhr. Hackergasse 4, 1100 Wien. Mit dem Kalligraphen und Dichter Jiang Huhai 江湖海 (Kanton) und fünf weiteren SchreibkünstlerInnen aus China (die gleichen wie oben). Zu Mittag machen wir Jiaozi in der Gemeinschaftsküche im selben Haus, wer mitmachen und mitessen will, ist auch da schon herzlich willkommen. Eintritt frei, Freie Spende.
All sorts of bands
and flowers and strands
and lines and motifs
lie intertwined
beneath the old church
of Santa Eufemia.
Take a close look,
they are dancing,
the lines and so on.
A big Roman house
with courtyards and tiles
all over the floors.
A dance of the seasons.
They say Summer is missing,
or maybe it’s Spring,
holding Winter’s hand,
like Autumn does
on the other side.
Winter is wrapped in blue,
around the head too.
Crooked lines come out
above the head.
Is it a fool?
They say it’s grass,
maybe reeds.
And there is a shepherd,
the second big mosaic,
also with a pan-flute.
Two storeys above
is the old city.
This city below was the western capital
of the Byzantine empire
among other things.
Then there is Dante,
buried in a mound
overgrown with green leaves
all-year round
in 1944 and 1945,
German hell-hounds were loose.
Maybe one year
his bones were in there,
the shape of the mound
reminded me of an old poetess
in China in Xi’an, formerly Chang’an,
the old capital.
Cai Wenji was her name.
Her mound is much bigger,
and very well kept,
much in contrast to all the graves
of famous male poets.
She was politically very important.
Back in Ravenna
in winter
wrapped against the cold
we move on
to our next monument.
MW December 30, 2019
NEON
Neon reigned in 452.
No, this was the year
they built the mosaics
the wonderful dome
under bishop Neon.
It’s the Orthodox baptistery.
Much more elaborate
than the Arian one
across the old city.
Each apostle is named.
Most have a beard.
Simon looks like a woman.
The Arian dome
has only one throne
and here there are four,
they are all empty too
but there are also four books
in between, the four gospels.
Blessed are those whose iniquities
and sins are remitted,
says one inscription.
MW December 30, 2019
IVORY THRONE
The ivory throne
was for Bishop Maximian,
550 or something.
Joseph and his brothers.
Jesus feeds 5000 people.
The annunciation,
the water test
for Mary’s virginity.
What was that exactly?
Carved panels in different sizes
all around the back and on the sides.
Blank parts in between,
maybe panels are missing.
Ebony covered with ivory.
Somewhere in the museum
with Saint Andrew’s chapel,
wonderful mosaics.
Then in the afternoon
Saint Apollinaire in Classe.
Classe was the harbour
of the Roman fleet
and the main port
until the ninth century.
The church is huge,
and there were more,
there is a museum
in the sugar factory,
closed in 1982.
The sea isn’t far.
MW December 30, 2019
SAN VITALE IN RAVENNA
You know right away
you are in a place of worship.
In this way it’s like the Alhambra.
At least I hope the Alhambra retains it,
haven’t been there for 38 years.
A sense of awe
and exultation,
no matter how many people,
how many tourists.
Very big, very grand, spacious.
Filigree columns, needlework stone.
Very very high, many arches.
Mosaics.
Some of the best ones
in this splendid city.
A sacred place.
Stay.
The whole city is sacred.
Drink,
try to retain
some of this beauty.
In the early 1990s
the city I live in
didn’t celebrate Christmas.
The college I teach at did,
a foreign languages campus.
It was more like each class had it’s own party,
students and their foreign teachers
singing foreign Christmas carols
into the air from the classroom building
and into the sky looking for snowflakes
to sing with in harmony.
I would stop and listen,
feeling the civilization and beauty
patching my still raw wounds inside.
The heartbreaking thing
about Star Wars
is when the rebels
have won
and survived
or at least most of them
or some of them
or at least some that you like
and you’re all happy
and you go home
and it really was a good ending
and you go to bed
and the next day
there is your life.
Has the universe changed
since the 1970s of our era?
Or since Jesus Christ
turned bread into fish?
Come on, give the Baby a break,
it is Christmas.
There will be life
and there will be movies.
There’ll be things to fight for,
and evil overlords.
And something beyond.
And some new toy
maybe made out of trash
will ask a companion
how am I alive –
and will hear –
I don’t know.
Gott ist groß. Größer als alles. Größer als wir. Als unser Jahrhundert. Größer als unser Leben. Größer als alles Leben. Größer als aller Streit. Als alle Welten. Alle Steine. Größer als alles in und um uns und alles andere. Gott gibt uns Raum. Gott ist der Flügelschlag. Gott ist wo wir versagen. Wo du nicht hinkommst. Gott ist im Herzen. Gott ist was wir haben. Was wir uns gönnen. Was wir tun. Was wir schreiben, was nicht. Gott ist das Gericht des Tages. Des Lichts. Der Nacht.
Gott, lass uns offen sein. Amen.
Hauptsache der Himmel ist offen.
Hauptsache du kannst hinausgehen
und den Himmel offen sehen.
Hauptsache du kannst hineingehen
und überleben
und dann hinausgehen
und den Himmel offen sehen.
Hauptsache der Himmel ist offen
und gleichzeitig etwas auf Erden.
In meiner Mittelschulzeit
hat eine Mitschülerin mir ein Buch geborgt,
es war Jiang Yanfei, sie hat von uns allen
als Erste ein Gedicht publiziert.
HUNDERT-DICHTER-ANTHOLOGIE,
Shanghai-Kunst-&-Literatur-Verlag.
Aus hundert Dichtern und Dichterinnen
hab ich die fünf besten herausgesucht.
Damals war ich noch nicht einmal 17,
da war ein Haufen von lyrischen Sachen
und Werken der Pseudomoderne.
Ich hab ausgewählt
außer Bei Dao und Today
nur Herrn Ren Hongyuan.
Damals hab ich keine Ahnung gehabt
dass er drei Jahre später
auf der Uni mein einziger Lehrer wird
der Gedichte schreibt.
Also heute
als Unterrichtender an einer Uni
glaub ich fest
Auswählen ist eine Gabe
Auswählen bedeutet Talent
Auswählen heißt man ist auf der Höhe
Auswählen ist Schicksal
Welchen Lehrer du wählst
bestimmt wer du wirst.
Yi Sha KÖNNTE ZUOYOU NUR HÖREN UND MIT UNS SPRECHEN
Ich hab das nie gesagt
als es um Politik gegangen ist
um unser Land
auf keinen Fall
Auch bei Gesprächen über Geschichte
hab ich das nie gesagt
auch nicht beim Gespräch über Literatur
und nicht einmal
bei Poesie.
Nur als es um Sex gegangen ist
hab ich das gesagt.
In unserem Hof probieren sie die Heizung aus
In den Heizungsrohren
zwitschern die Vögel
November 2019
Übersetzt von MW im Dez. 2019
《超现实》
小区试暖气
暖气管中
传出鸟鸣
Yi Sha FRÜHE STUNDE
In der Früh im Winter
wenn die Kälte sich ausbreitet,
steh ich früh auf,
ich muss früh unterrichten.
Der erste Stau unterwegs
ist dort am Jobcenter, am Arbeitsmarkt.
Die Leute stellen sich um einen Job an,
drängen sich vom Gehsteig
bis auf die Straße,
halten den Verkehr auf.
1992 im Juni
kommt die Dichterin Südhexe
an meine Uni um mich zu besuchen
Ich seh sie und sag
„Bitte lad mich zum Essen ein,
ich hab kein Geld mehr…“
Ein kleines Lokal in der Nähe der Uni,
weiß nicht mehr, was es gegeben hat.
Aber Nan Mo, also sie hat gesagt,
sie hat in „Poesiewald“
zwei Gedichte gelandet.
Und sie hat mir geraten
auch an offizielle Zeitschriften Texte zu schicken.
Sie hat gesagt, dieses Jahr wird es besser,
sie hat mich überzeugt,
ich hab seit 1989 zum ersten Mal
bei diesen Zeitschriften was eingeschickt.
Diese zwei Sachen
hab ich nicht vergessen.
Aber dass genug Poesie drinnen steckt,
dass ich daraus ein Gedicht machen kann
das hat 27 Jahre gedauert
bis zum heutigen Abend.
Vielleicht
kommst du mehr als einmal
als Mensch auf die Welt.
Aber ein Leben zum Schreiben
das hast du nur einmal.
Also
wovor hast du am meisten Angst?
Zeigst vom Niveau her nicht den Menschen,
schreibst nicht tief genug, dein Talent auszuloten.
Unser Sohn fliegt zwanzigtausend Meilen
von Amerika zurück nach Chang’an
steigt aus dem Flugzeug und rennt sofort
in muslimische Gassen zum Alten Mi,
Schaffleisch-Brotsuppe.
Diese Sache
versteht sich von selber,
das wird kein gutes Gedicht.
Aber ich muss davon schreiben.
Als ich bemerke
dass der Unterschied
zwischen mir und dem Mainstream in China
größer sein muss
als der zwischen Bukowski und dem Mainstream dort
werd ich wahnsinnig froh
Shen Haobo ICH VERSTEH DAS ALS KRÄNKUNG DURCH DIESE ZEIT
1)
Jemand der an meiner alten Uni unterrichtet
und gerne Poesieveranstaltungen macht
ein sogenannter Kritiker
ruft mich an
er macht ein Lyrik-Neujahrsfest
zum Mondneujahr an der Peking-Uni
und braucht noch Hunderttausend
ob ich etwas sponsern kann
das ist nicht das Problem
das Problem ist
er deutet an
unterschwellig
wenn ich das Geld in die Hand nehm
kann ich dabei sein
und auf der Bühne stehen und lesen
2)
Das Hongkonger Poesiefest
gegründet von Bei Dao
macht eine Stiftung
ich werde eingeladen
in den Vorstand der Stiftung
Ich muss innerlich lachen
und frage ganz unschuldig:
„Was soll ich denn im Vorstand machen?“
Oh, was sie brauchen,
ist dass ein bisschen Kapital zirkuliert
3)
Ich schreib für einen Bekannten
eine Lyrik-Rezension
meine Rezensionen
sind natürlich die besten unserer Zeit
und dieser Dichter ist sehr froh
er hinterlässt mir eine Nachricht
„Du bist ein so guter Kritiker,
du brauchst gar nicht selber noch schreiben!“
Und diesen Satz wiederholt er noch drei Mal
an drei verschiedenen Orten
4)
Wenn du die Kränkung nicht verstehst
die ich erfahren habe
setz anstelle von meinem Namen
zum Beispiel Li Bai oder Du Fu.
23. Oktober 2018
Übersetzt von MW im November 2018
Vote for Corbyn,
he is the lesser evil
at least
for the many.
The helpless half
The poorer half
The stupider half
The slyer half
That‘s four quarters already
of Germany
or the EU
maybe they are
somewhat like the people
who vote for Trump
or any old chump
who acts brazen enough.
Jacqueline,
die Frau von Martin Winter,
kontaktiert mich, sagt Martin
hat auf einmal eine fixe Idee
für einen neuen Gedichtband,
er geht in Wien ins Irrenhaus,
eine Lebenserfahrung.
Ich kontaktiere Martin
und sag ihm:
„Geh auf keinen Fall,
sobald du hingehst
sind alle Patienten geheilt,
alle Ärzte rennen weg,
aber du bist verrückt.“
November 2019
Übersetzt von MW am 1. Dezember 2019
Qiu Shanshan: Große Pause 课间休息 裘山山 übersetzt von Carsten Schäfer(科隆)译
Huang Beijia: Die We-Chat-Gruppe 万家亲友团 黄蓓佳 übersetzt von Cornelia Travnicek(下奥地利)译
Zhang Yueran: Familie 家 张悦然 übersetzt von Helmut Forster(法兰克福)译
Xu Yigua: Schülerakte Huang Bohao 小学生黄博浩文档选 须一瓜 übersetzt von Martina Hasse(汉堡)译
Jiang Yitan: Durchsichtig 透明 蒋一谈 übersetzt von Martin Winter 维马丁 (维也纳)译
Zhou Xuanpu: Zu Diensten 雇佣 周瑄璞 übersetzt von Julia Buddeberg(慕尼黑)译
Cui Manli: Guan Ais Stein 关爱之石 崔曼莉 übersetzt von Maja Linnemann (不来梅、北京)译
Poesie 诗歌
Duo Yu: Daheim Gelassen, 9 Gedichte 被居家 朵渔 übersetzt von Martin Winter 维马丁 (维也纳)译
Yi Sha: Opa im Mund der Tante, 5 Gedichte 家庭诗 伊沙 übersetzt von Martin Winter 维马丁 译
An Qi: Wie kann ein Seelenbaum einschlafen ganz in der Angst, 3 Gedichte
诗三首 安琪 übersetzt von Martin Winter 维马丁 译
LEUCHTSPUR 2019: Neue chinesische Literatur
Deutsche Ausgabe der Zeitschrift Volksliteratur – People’s Literature 人民文学 (Renmin Wenxue), größte Literaturzeitschrift in China.
Erhältlich bei den Übersetzern, beim Konfuziusinstitut Wien (Prof. Richard Trappl), beim Konfuziusinstitut Frankfurt etc. sowie bei den Verlagen Edition FabrikTransit (www.fabriktransit.net unter Bücher/ Weitere lieferbare Bücher) und Drachenhaus (www.drachenhaus-verlag.com).
Außerdem erhältlich direkt bei Renmin Wenxue 人民文学 in Peking am nordöstlichen 3. Ring, südlich vom Landwirtschafts-Messegelände. Nongzhanguan Nanli 农展馆南里 Nr.10号, 7.Stock (Fremdsprachenabteilung, Frau Li Lanyu 李兰玉),U-Bahn Linie 10, Station Tuanjiehu 地铁十号线团结湖站B出口 Ausgang B
We are living in violent times.
I don’t, I am from Austria,
cops are mostly peaceful,
they can kill a child,
and the media still supports them,
happened a few years ago.
And 70 people died in a lorry.
But all in all, we are very peaceful,
we here in Austria.
A few people are very rich,
most people aren’t.
But social services work,
although not all work how they did
just a few years ago.
And we are not taken over by Putin, Erdogan, Trump etc.,
although they try.
We let them take other people,
as long as it’s elsewhere.
There is a video
of our vice-chancellor,
came out in May.
He said on hidden camera,
they wanted Austria to be like Hungary.
No free press, almost none.
And there are records
of casino people
in cahoots with the government,
making laws.
Nothing special, I guess.
All in all, Austria is peaceful.
Carpe diem, what not.
Er hat eine Münze geworfen
um zu entscheiden
ob er an Gott glaubt
oder an Sakyamuni.
Als in Zhejiang
viele Kirchen zerstreut werden
sagt er: Amithaba!
Mein Glaube war richtig.
Und als Notre-Dame in Paris
zerstört wird in Flammen
denkt er fast im Gebet: Lieber Gott,
mein Glaube war wirklich richtig.
Und als das Wort „Gott“ aus den Grundschulbüchern
auf dem ganzen Festland gestrichen wird
sagt sein ernstes Gesicht: Oh Gott!
Mein Glaube war ganz sicher richtig.
Letzte Fassung August 2019
Übersetzt von MW im November 2019
Gorbachev is a moral voice.
The leader of an empire is
a moral voice for most of his life.
He tried everything to preserve
the empire he undermined.
He is a Communist.
And so
Gorbachev is a moral voice
for the world.
Reagan was a supportive
Cowboy actor.
Very supportive
for speculators
and Contra terrorists
and Kissinger’s and Thatcher’s
and the Chicago Boys’ Pinochet.
Very supportive.
Gorbachev is for democracy
and world peace.
Could he be a leader
of the European Union,
could he be a good one?
He’s too old anyway.
But it would have to include Russia
to say nothing of Britain
of course
and so on.
Wish we all
all people affected
would have a say.
P.S.: My wife
thinks this is hogwash.
She doesn’t like my political poems.
What do you think?
I know I have to write a lot
and translate and read
and do a lot of other stuff
to write some good ones.
So there.
actually
our best time
was when we were most open
like in 2015
or 1989
but Greta
is not bad at all
she’s more important
we’re more important
than the government
who are we
where do we come from
where are we going
where are we going?
we are the earth
we come from the earth
we’re going with the earth
as long as she lets us
sind wir am besten
wenn wir am offensten sind
so wie 2015
oder 1989
aber greta
ist auch nicht schlecht
sie ist wichtiger
wir sind wichtiger
als die regierung
wer sind wir
woher kommen wir
wohin gehen wir
wohin gehen wir?
wir sind die erde
wir kommen von der erde
wir gehen mit ihr
solang sie uns lässt
Am ersten Zehnten schick Winterkleider
(Bauernkalender heute am 28. Oktober)
Ich geh für Großvater, Großmutter, Mutter
Totenpapierkleider kaufen zum Verbrennen
Und hör wie zwei alte Leute vor mir
sich das Maul zerreißen
über unsere Außenpolitik
Sie vergleichen China und den Iran
Ich trau mich nicht sie auszulachen
als alte Verrückte
Vor über 30 Jahren
Iran-Irakkrieg
Vielleicht haben sie damals für beide Seiten
die Waffen gemacht
28. Oktober 2019
Übersetzt von MW am 29. Oktober 2019
sind wir am besten
wenn wir am offensten sind
so wie 2015
oder 1989
aber greta
ist auch nicht schlecht
sie ist wichtiger
wir sind wichtiger
als die regierung
wer sind wir
woher kommen wir
wohin gehen wir
wohin gehen wir?
wir sind die erde
wir kommen von der erde
wir gehen mit ihr
solang sie uns lässt
Gestern war eine Diskussion,
drei Schriftstellerinnen, 10 Jahre Sprachkunst. Politik und Schreiben.
Lehrkörper, Studienkörper.
Lehrkräfte, Lernkräfte. Lenkfahrzeuge.
Heute ist Nationalfeiertag.
2016 war Österreich in Gefahr.
Deutschnationale Rechtsextreme
ganz an der Spitze.
Das hätt uns geblüht.
Der Möchtegern -Präsident von damals
ist vorgekommen, ein bisschen,
in der Diskussion.
Sie haben ihn grade wieder gewählt,
im Parlament,
als dritten Präsidenten des Nationalrats.
2016 hat Van der Bellen gewonnen.
Heimat, das war auch auf seinen Plakaten. Er hat es besser gemacht
als der Deutschnationale.
Es war ziemlich knapp.
Österreich sind wir alle.
Alle die hier wohnen, arbeiten,
spielen, Spielsachen aufräumen.
Schreiben ist Dinge oder auch Leute
beim Namen nennen.
“Könnt sich der Handke für die Republik gegen die blauen Staatsfeinde
so engagieren wie für Milosevic? Österreich ist ein schlechter Witz. ”
Das hab ich 2016 geschrieben.
Österreich war in Gefahr.
Der Innenminister
war ein Gefährder.
Unlängst.
Jeder der das Verbotsgesetz
gefährdet,
gehört ins Gefängnis,
nicht in die Regierung.
Vielleicht wird es besser.
Alles Gute zum Feiertag!
Oma flüchtet,
lässt Song-Porzellan und Jade zurück,
hat meinen Onkel in ihrer Hand.
Die Flüchtlinge drängen sich oben am Berg,
halten den Atem an.
Jemand steckt den Kopf raus und fragt:
Was ist wenn das Kind weint?
Die ganze Gruppe will Oma und das Kind weghaben.
“Wenn es weint, drück ich es tot,
eure Sicherheit ist nicht in Gefahr!”
Sechzig Jahre später frag ich sie,
und wenn der Onkel geweint hätt?
“Dann hätt ich ihn totdrücken müssen.”
weisst du wenn du kommst bin ich richtig gluecklich
egal ob es gut fuer mich war oder nicht
und ganz egal ob du das jetzt glaubst
aber nicht weitersagen
MW Oktober 2019
VERHEIRATET SEIN
In der Früh hab ich stundenlang
meine Hand an Deinem Gesicht
und Du schläfst einfach weiter
das Wochenende durch
MW Oktober 2019
GEDICHT
Was ist ein Gedicht?
Ein Geheimnis
Ein Geständnis
Ein Witz
Ein Bericht
Ein Musikstück
in Sprache
in Gedanken Worten und Werken
durch meine Schuld
durch meine Schuld
durch meine große Schuld
darum bitte ich die selige Jungfrau
und Gottesmutter Maria
und alle Engeln und Heiligen
meine Gedichte zu lesen
bei Gott unserm Herrn
MW Oktober 2019
JEDENFALLS
Jedenfalls das Leben geht weiter
egal was du schreibst oder nicht
solang du halt lebst
und auch nachher bild dir nix ein
solang das Leben halt weitergeht.
MW Oktober 2019
PREIS
Den Tod eines Juden
verkünden wir
und seine Auferstehung preisen wir
bis Er kommt
in Herrlichkeit
MW 6. Oktober Erntedank 2019
TAG
Die Fahrer sind die schönsten Wolken
Die Flieger schweben langsam und majestätisch
Die Sonne vergoldet die neuen Gebäude
Der Kran ganz hinten ist ein Schiff in den Lüften
Die Fassade ist fast ein Strand
KASGHAR CITY, KASHGAR, XINJIANG, CHINA – 2017/07/08 (Photo by Guillaume Payen/SOPA Images/LightRocket via Getty Images)
HANDKE
fragts ihn doch
ob er heute noch
einen diktator unterstützt
einen demokratisch gewählten
kriegsherrn
einer fällt grad in syrien ein
bei der letzten fussball-wm
hab ich beim endspiel
nicht zu kroatien gehalten
wegen faschisten
wunschloses unglück
und so weiter
insofern
simma stolz
MW Oktober 2019
….
wär doch schön irgendwie
könnt sich der handke für die republik
gegen die blauen staatsfeinde
so engagieren wie für milosevic
österreich ist ein schlechter witz
Im Fernsehen bombardieren die Japaner Chongqing, 1939.
In einer Szene sieht man die Bomben ganz nah.
Meine Mutter zeigt hin und fragt,
schaut das nicht aus wie Gaskartuschen?
Wirklich ziemlich ähnlich.
Sie starrt den Fernseher an,
sagt langsam, wenn die Kartuschen aus sind,
verwenden wir Strom.
To look for a person with backbone,
take the bones apart,
then one by one join them together.
The kneecaps cannot bend,
the whole spine cannot be bent,
nor can it be soft.
Not one bone can be bent or soft.
The sole of the foot stands on the ground,
then the bones rise up towards the sky.
When they are joined for the final height,
that is the height of the world.
I haven’t found it yet,
can’t take myself apart after all.
today is october 1
nothing special in austria
i sit in the sun on our balcony
it’s very warm
seventy years ago
my parents were very young
they didn’t know each other
my mother was born in 1942
my father in 1940
so they were very small school kids
poor families
my mother had it a little better
in the countryside by the railway
as far as i heard
her father was alive
my father’s father didn’t come back
from the war
many many many many
people never came back
many children too
from the camps
from the ruins
but i think by 1949
my parents were both in school
they were relatively lucky
austria was relatively lucky
after the war
october 1 or october 1st
is no special day in austria
we had an election two days ago
so people talk about that
i think about seventy years ago
because of china’s national day
they have another one in taiwan
on october 10
it commemorates the revolution
in 1911 in china, in wuhan
in all of china eventually
no more emperors
but not in taiwan, not on taiwan
taiwan was under japan
no revolution
although people tried, maybe not that year
now taiwan has it’s national day
on october 10
they’ve had it this way since 1949
maybe since 1945
but since 1949 they are the only ones
with that national day
that comes from china in 1911
or maybe not exactly
did they change their national day
in 1949 right away?
maybe not
in beijing they have the greatest parade
since 1949 maybe
yes, many soldiers, tanks
school kids en masse, probably
forming words, numbers, flowers
great fireworks
i have just finished steven king’s new novel
the institute
i remember when someone interviewed ernst jandl
great austrian poet who died in 2000
it was in his apartment in vienna
he was a school teacher
anyway the reporter was rather surprised
jandl told him he had just bought a novel by stephen king
no, nothing more highbrow
in english, i think
jandl taught english and german
he was a pow in england
his unit had succeeded
in surrendering to the british
so they were lucky, those who survived
anyway jandl told the reporter
no, he didn’t need to read
highbrow stuff all the time
he wanted to write democratic poetry
anyway
not too different from erich fried
in this respect
they met in england
fried had fled from the nazis in 1938
out of vienna
he was not much older than jandl
almost the same age
after the war he was mostly in germany
jandl was in vienna
what was i talking about, stephen king
children not coming back
most of the children the book is about
the institute
most don’t come back
almost all of them don’t
over many years
thousands
in several countries
and there is this messianic thing
about this horrible institution
described in the novel
i am sorry guess i should use another word
most children murdered were jewish
in austria and so on
pointed out as jews
and messias is jewish
like everything in the bible of course
the institute is supposed to save the world
at the cost of killing children
and their parents
and this takes place now under trump
although he’s hardly mentioned
and not important
but they have existed since after the war
these institutes
in the novel
no-one ever came back
they saved the world, they said
not the children, of course
there is also another handmaid’s tale
margaret atwood
the testaments
haven’t read it yet
but i bought it
i loved the first one
the handmaid’s tale
it was a long time ago
i read it in english
when did it come out, 30 years ago?
maybe more
now they have the tv series
suddenly these two or three years
everyone talks about it
under trump and so on
although they are not that important
these strongmen
although many people are incarcerated
because of them
in many countries
including children
we are living in dystopian times
end of the world
we are lucky in austria
most of us are, relatively
it’s a very warm day
big demonstrations last friday
climate strike
many children, school children
more children than workers
so whether today
when you read this
is a special day for you
or not
NICHT ÜBERRASCHT – 江湖海 Jianghu Hai
5月 24, 2020Jiang Huhai
NICHT ÜBERRASCHT
Jemand postet für eine Ausstellung internationaler Gedichte
im Viruskampf die Liste der eingeladenen AutorInnen.
Der erste Kommentar unten ist die Frage:
„Da ist Jian Ming dabei,
der ist doch schon voriges Jahr gestorben?“
Noch ein Kommentar:
„Wu An ist bald fünf Jahre tot,
hast du ihn gefragt ob er mitmacht?“
Ich les weiter und sage nichts.
Vor einigen Jahren bei einer Veranstaltung
hat eine Sprecherin der staatlichen Künstlervereinigung
verkündet: „Der große Dicher Ai Qing [Vater von Ai Weiwei, 1910-1996]
wird auch bei uns live davei sein!“
Als ich das gehört hab
hab ich kalten Schweiß gespürt.
Jetzt passiert mir das nicht mehr.
Wenn du mir heute sagst,
Konfuzius plant ein Buch der Lieder
gegen Corona bin ich überhaupt nicht überrascht.
März 2020
Übersetzt von MW im Mai 2020
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标签:anthology, art, artists, classics, comments, disease, exhibition, history, internet, Jianghu Hai, list, memory, NPC, people, poetry, 新世纪詩典, 江湖海
发表在 1910s, 1920s, 1930s, 1940s, 1950s, 1960s, 1970s, 1980s, 1990s, 1996, 2000s, 2010s, 2019, 2020, 20th century, 21st century, April 2020, February 2020, January 2020, March 2020, May 2020, Middle Ages, NPC, poetry, Translations, Uncategorized, 新世纪诗典, 江湖海 | Leave a Comment »